Marathon in der Diskussion

Pro und contra Gesundheits-Pass

Die Toten beim Ruhr Marathon haben eine breite Diskussion rund um den Gesundheits-Pass ausgelöst.

Weigel, Germot

Marathon-Veranstalter Gernot Weigl

Nach dem Tod zweier Läufer beim Ruhr Marathon im Mai wird die Einführung eines Gesundheits- Passes heftig diskutiert, den Teilnehmer vor ihrem Start vorweisen sollen. In einem Interview mit dem "sid" hatte Professor Wilfried Kindermann, der Chefmediziner der deutschen Olympiamannschaft, gefordert: "Marathon-Starts dürften bei Läufern über 35 Jahren oder Sportanfängern künftig nur noch möglich sein, wenn eine gründliche ärztliche Untersuchung des Herzens vorausgegangen ist."

Dagegen setzen die meisten Marathonveranstalter auf eigenverantwortliches und verantwortungsbewußtes Verhalten der Läufer. Wir befragten zur Problematik "Gesundheits-Pass ja oder nein" Gernot Weigl, den Veranstalter der Marathonläufe von München und Freiburg sowie des München-Triathlons.

RW:
Was halten Sie von dem Vorschlag, alle Teilnehmer ab 35 oder ab 40 Jahren sollten mit einem Attest ausweisen, Sie seien gesund?

Gernot Weigl:
"Ein ärztliches Zeugnis ist kein Freibrief, für die körperliche Fitness eines Marathonläufers. Vor allem sehe ich die Problematik in der Qualität des Attestes und den Zeitpunkt der Ausstellung. Wenn die zeitliche Differenz zwischen einer Untersuchung und dem Marathonstart zu lang auseinander liegen, kann sich das körperliche Wohlbefinden auch schnell ändern. Beim München Marathon haben wir Meldebeginn meistens Anfang Januar, der Marathon findet immer am zweiten Oktoberwochenende statt. In diesem Zeitrahmen kann sich sehr viel gesundheitlich ändern.

Auch kurzfristige grippale Infekte oder Infektionen können mit einem Gesundheitszeugnis nicht ausgeschlossen werden. Kurzum, wir plädieren für noch mehr Aufklärungsarbeit, für eine solide und intensive Vorbereitung, gesunde Lebensweise und nicht den Ruf nach einem Gesundheitspass. Auch eine Kategorisierung für Teilnehmer über 35 oder 40 Jahre finden wir nicht gut. Jüngere Teilnehmer sind genau so gefährdet oder nicht gefährdet, wie Teilnehmer im reiferen Alter.

Wir glauben, dass sich der Marathonboom erst so entwickeln konnte, als der unnötige Ballast entfiel, zur Vorlage eines Startpasses für Laufveranstaltungen und die zwingende Mitgliedschaft in einem Leichtathletik-Verein. So konnte sich die Laufbewegung ohne bürokratische Zwänge frei entwickeln.

Es wäre ein Unding, zurück zu kommen auf Reglementierungen, die nur den Ärzten neue Kunden bringen, aber den Veranstaltern unnötige Arbeit bereiteen. Wir sind uns auch sicher, dass dies ein enormer Rückgang in der Laufbewegung verursachen würde. Die Schwellenangst wäre noch größer und wir sollten in Zukunft nicht für unsere Laufveranstaltungen werben, mit dem Slogan: „Marathon kann tödlich sein“!

In Frankreich gibt es außer Paris keinen großen Marathon. Mit ein Grund vielleicht, warum die Laufszene in Frankreich stagniert, ist die Pflicht der Vorlage eines Gesundheitszeugnisses. Gerade in Freiburg haben wir erlebt, wie die französischen Gäste es begrüßen und durch verstärkte Teilnehmerzahlen auch dokumentieren, dass wir kein Gesundheitszeugnis verlangen.

Ähnliches gilt für Italien, wo zur Teilnahme an einem Marathon eine Mitgliedschaft bei einem Leichtathletik-Verein vorgeschrieben ist. Dies gilt übrigens auch für ausländische Teilnehmer. Alfred Monsorno der Organisationsleiter des Südtirol-Marathon sagte mir, dass z.B. deutsche Gäste, die keinem Leichtathletik-Verein angeschlossen sind, eine italienische Tagesvereinsmitgliedschaft abschließen müssen. Dies stößt natürlich viele ab, in Italien zu starten.

Eine launische Bemerkung machte heute in einem Telefonat der Einsatzleiter des Bayerischen Roten Kreuzes für den München Marathon, Volker Ruland, der von einem ärztlichen Attest auch nichts hält: „ Wenn jemand infarktgefährdet ist, so sucht er sich keinen bestimmten Platz aus, sei es zuhause auf der Couch oder eben ein Marathon. Der Herzinfarkt kommt und fragt vorher nicht, wann er kommt“! Ruland ist heuer bei uns zum achten mal Einsatzleiter und auch auf dem Oktoberfest für den BRK-Einsatz als Einsatzleiter verantwortlich. Er meinte, dass vor zwei Jahren beim Firmenlauf in München über die 6.5 km mehr Einsätze des BRK waren, als bei uns beim Marathon. Hier kämen mehr unvorbereitete Teilnehmer als beim Marathon, da man teilweise „nur einmal pro Jahr für die Firma läuft“ während man schon durch den geschichtlichen Hintergrund weiß, welche Auswirkungen der Mythos Marathon („Wir haben gesiegt“) haben kann."

Wenige hundert Meter vor dem Ziel war für diesen Läufer beim Amsterdam Marathon das Rennen zu Ende.

Bild: Claus Dahms

Auch die Verantwortlichen des Berlin Marathon setzen bis auf Weiteres auf eine freiwillige Untersuchung und nicht auf die Pflichtuntersuchung als das Mittel der Prävention von schwerwiegenden Zwischenfällen:

"Das Thema Sporttauglichkeit und die Verbindung zu Todesfällen im Sport ist so komplex, dass eine pauschale Zu- bzw. Absage an eine Pflicht-Sporttauglichkeits-Untersuchung zunächst einer konstruktiven Auseinandersetzung von Wissenschaftlern und Experten auf Grundlage einer seriösen Herangehensweise bedarf. Aus diesem Grund hat sich der Berlin Marathon entschlossen, Forschungsergebnisse zum Thema Marathonlauf, Risiko und Todesfälle auf einem Symposium am 31. August - 1.September 2007 in Berlin gemeinsam mit Experten zu diskutieren und anschließend eine Empfehlung für alle Laufveranstaltungen auszusprechen."

Lesen Sie auch in der Juli-Ausgabe von RUNNER'S WORLD (erscheint am 15. Juni) den Artikel "Wie gefährlich ist Marathon?".

Uns interessiert aber auch Ihre Meinung zur Thematik. Diskutieren Sie über Sinn und Unsinn eines Gesundheitspasses im Forum.