Zatopeks Schatten

Olympiasieger Alain Mimoun ist tot

Der Marathon-Olympiasieger von 1956 Alain Mimoun ist im Alter von 92 Jahren verstorben. Der Franzose war der älteste noch lebende Marathon-Olympiasieger.

Die Titelseite des Büchleins "The Destiny of Ali Mimoun".

Bild: www.globerunner.org

Der Marathon-Olympiasieger von Melbourne 1956 ist tot: Alain Mimoun starb am Donnerstagabend, 27. Juni, im Alter von 92 Jahren. Der Franzose war der älteste noch lebende Marathon-Olympiasieger. Aus Algerien stammend, war Alain Mimoun in der Nachkriegszeit zunächst der ewige Zweite, denn seine Karriere verlief parallel zu der des legendären Tschechen Emil Zatopek. Doch 1956 in Australien gelang es ihm schließlich, seinen vermeintlich übermächtigen Gegner und Freund zu besiegen. Im ersten Marathonrennen seiner Karriere lief der damals 35-Jährige zur Goldmedaille.

Zum Laufsport gefunden hatte Alain Mimoun einst spät und zufällig. Am Neujahrstag 1921 in Algerien geboren, meldete er sich für die französische Kolonialarmee. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er unter anderem in der Schlacht von Monte Cassino nicht weit weg von Rom. Eine Granate verletzte ihn dabei 1944 so schwer am Fuß, dass er diesen fast verlor. Nachdem sich Alain Mimoun erholt hatte, begann er mit dem Laufen und startete in einem Bahnrennen. Das war eher Zufall, denn er war mit Freunden an einer Leichtathletikanlage vorbeigelaufen, auf der Wettkämpfe stattfanden. Es war der Beginn seiner Karriere.

1948 startete Alain Mimoun bei den Olympischen Spielen in London über 10.000 m. Überraschend gewann der Franzose damals eine Silbermedaille, denn im Rennen war nicht nur der überlegene Emil Zatopek sondern auch der finnische Weltrekordler Viljo Heino. Der Rückstand zum Sieger Zatopek war allerdings beträchtlich: über eine dreiviertel Minute vorher hatte der Tscheche das Ziel erreicht. Und auch bei den folgenden großen Meisterschaften gab es kein Vorbeikommen für Alain Mimoun am großen Emil Zatopek: Zweimal Silber gewann der Franzose bei den Europameisterschaften 1950 in Brüssel über 5.000 und 10.000 m, zweimal Rang zwei belegte er dann auch bei Olympia 1952 in Helsinki. Alain Mimoun erhielt aufgrund der andauernden zweiten Plätze den Spitznamen „Zatopeks Schatten“.

Mit knapp 36 Jahren feierte Alain Mimoun dann doch noch einen olympischen Triumph und ließ dabei sogar Emil Zatopek hinter sich. 1956 trat er in Melbourne im Marathon an. Zatopek ging als Titelverteidiger an den Start, nachdem er 1952 in Helsinki sein erstes Marathonrennen gleich mit olympischem Gold gekrönt hatte. Auch für Mimoun war nun der Olympia-Marathon zugleich das Debüt über die 42,195 km – heutzutage ist das aufgrund des Qualifikationssystems schon lange nicht mehr möglich. Zwei Jahre lang hatte sich Mimoun auf das Rennen vorbereitet und war täglich 40 km gelaufen.

Der Tag des Marathons in Melbourne hatte gut begonnen für Alain Mimoun: Er erfuhr, dass er Vater geworden war. Seine Tochter nannte er später Olympia. Dass ihm die Startnummer 13 zugeteilt wurde, empfand er als Glück. Bei Temperaturen von 30° Celsius im Schatten lief Alain Mimoun in der ersten Hälfte in der Spitzengruppe mit. Dann verschärfte er das Tempo und löste sich auf einem ansteigenden Streckenabschnitt. In 2:25:00 Stunden siegte er vor Franjo Mihalic (Jugoslawien/2:26:32) und Veikko Karvonen (Finnland/2:27:47). Im Ziel wartete Alain Mimoun auf seinen Freund Emil Zatopek, der in 2:29:34 Sechster wurde. „Dass er mir gratulierte, war für mich mehr Wert als die Medaille“, erklärte Alain Mimoun, der 1958 noch bei den Europameisterschaften im Marathon startete. In Stockholm kam er jedoch nicht ins Ziel.

Jahrelang startete Alain Mimoun, der nach seinem Olympiasieg zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt wurde, später bei Altersklassen-Rennen. Noch als 90-Jähriger lief er alle zwei Tage. Alain Mimoun wird in Frankreich ewig als legendärer Sportler in Erinnerung bleiben: Dutzende Schulen und über 50 Sportstätten sind nach ihm benannt. 1999 wählten ihn die Leser des Magazins „Athlétisme“ zum „Französischen Athleten des 20. Jahrhunderts“.

Die legendäre Geschichte von Alain Mimoun ist nachzulesen in dem Büchlein „The Destiny of Ali Mimoun” von Pat Butcher.