Sportmedizin

Mit der Zeit laufen

Noch vor fünfzig Jahren hielten Ärzte das Sportlerherz für eine krankhafte Erscheinung. Das hat sich gewandelt.

Journalisten haben es leichter als Wissenschaftler. Sie benötigen nur eine interessante Story, gekonnten Umgang mit der Sprache, vielleicht noch etwas Wortwitz – und schon ist der Artikel so gut wie gedruckt.

Seit dem Lauf-Boom Anfang der siebziger Jahre ist die Zahl der Marathon-Anmeldungen stetig gestiegen - eine Herausforderung für die Veranstalter, besonders in medizinischer Hinsicht.

Bild: Renno

Die wissenschaftliche Forschung am Menschen hingegen ist ein langwieriges und oft mühseliges Unterfangen. Forscher brauchen nicht nur die Idee, um daraus eine These, Ansätze und Methoden zu entwickeln. Sie müssen in der Regel viele Jahre Arbeit investieren, und vor allem benötigen sie auch eine ausreichend große Zahl von „Versuchskaninchen“, um Vergleichsdaten zu erheben, die richtigen Schlüsse zu ziehen und ihre Theorien schließlich beweisen zu können. Dabei müssen sie speziell auf denjenigen Personenkreis zurückgreifen, dem die entsprechende Forschung gilt – sei es, um die Gesundheit dieser Menschen zu stabilisieren oder bestehende Erkrankungen zu heilen. Wenn sich Mediziner und Wissenschaftler zum Beispiel dem kontroversen Thema widmen, inwieweit das Marathonlaufen (insbesondere als Leistungssport) für den Menschen gesund ist, dann gilt es, möglichst viele aktive Läufer in die Forschungsprogramme und wissenschaftlichen Studien einzubeziehen.

Viele Fragen, immer mehr Antworten

Gerade im Zusammenhang mit dem Laufsport ist die Geschichte der medizinischen Forschung und der diesbezügliche Erkenntnisgewinn über die Jahrzehnte äußerst interessant. Noch vor etwa fünfzig Jahren hielten viele Ärzte das so genannte Sportlerherz für eine krankhafte, ja riskante Erscheinung. Hausärzte waren sich nicht bewusst, dass Sport das Herz-Kreislauf-System stärkt, die Arterien reinigt und den Cholesterinspiegel senkt. Der erfolgreiche amerikanische Marathonläufer Clarence DeMar, Dritter bei den Olympischen Spielen 1924 und vielfacher Sieger des Boston-Marathons, wurde wegen bei ihm festgestellter Herzgeräusche zeitlebens von Ärzten gewarnt, weiterhin zu laufen. Seinen letzten Marathon absolvierte er mit 65 Jahren, und er starb mit siebzig an den Folgen einer Krebserkrankung. Eine Autopsie ergab, dass seine Herzarterien einen doppelt bis dreimal so großen Durchmesser wie normal aufwiesen und deshalb trotz vorliegender Arterienverengungen genügend Durchlassfähigkeit für das Blut hatten. Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden veröffentlicht und ermutigten auch andere dem Sport gegenüber aufgeschlossene Ärzte, sich intensiver mit dem Thema Laufen und Herz-Kreislauf-Gesundheit zu befassen.

Massenhaft „Versuchskaninchen“

Als zu Anfang der 1970er Jahre ein wahrer Lauf-Boom einsetzte und zahlreiche Marathonwettbewerbe ins Leben gerufen wurden, hatten die Mediziner erstmalig ausreichend gut trainierte Versuchspersonen zur Verfügung, um aussagekräftige vergleichende Studien durchführen zu können. Einen Meilenstein in der Marathonmedizin bedeutete dabei ein im Herbst 1976, unmittelbar vor dem ersten New York City Marathon auf der neuen Strecke durch fünf Stadtteile durchgeführter Kongress, zu dem die New Yorker Academy of Science namhafte Mediziner und Forscher auf allen mit dem Ausdauertraining in Beziehung stehenden Gebieten eingeladen hatte, um mit ihnen Fragen zum Thema Gesundheit durch Sport zu diskutieren. Dem Titel der Konferenz folgend wurden physiologische, medizinische, epidemiologische und psychologische Studien im Zusammenhang mit Marathonlaufen vorgestellt und diskutiert.

Die Teilnehmer der laut dem seinerzeit führenden Laufsportexperten Dr. David Costill „größten und professionellsten Zusammenkunft von seriösen Wissenschaftlern, die sich mit Trainingsfragen im weitesten Sinn beschäftigen“ hörten unter anderem Vorträge solcher Koryphäen wie George Sheehan (Verletzungen durch Überbeanspruchung), Costill (Schweißverluste und Flüssigkeitshaushalt), Kenneth Cooper (Fitness und Herzkrankheiten), Jack Daniels (Training von Langstreckenläuferinnen) und zahlreicher weiterer Experten, die praktisch alle relevanten Ergebnisse der vergangenen dreißig Jahre Forschung auf dem jeweiligen Gebiet präsentierten. In den Gängen des Konferenzzentrums traf man häufig auch einen Zeitschriftenredakteur namens Jim Fixx, der Material für sein Kompendium „The Complete Book of Running“ sammelte, das in der deutschen Übersetzung auch hierzulande für viele Autodidakten der frühen Laufszene zu einem Standardwerk wurde.

Eine Sache des Herzens

Wie uneinig die Fachwelt in vielen Fragen war, zeigte beispielsweise die Debatte über Herzinfarkt und Marathon. So stellte der damals erst wenigen bekannte Sportarzt Dr. Tim Noakes aus Südafrika einen dokumentierten Fall vor, in dem ein erfahrener Marathonläufer einen Herzinfarkt erlitten hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich mehrere auf Laufen spezialisierte Sportärzte einen Namen mit der These gemacht, dass ein Mensch, der einen Marathon schafft, niemals einen Herzanfall erleiden könne.

Überhaupt war es das Thema Laufen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, das ganz besonders großes Interesse unter den Sportmedizinern erfuhr. Während auf der einen Seite der vorgenannte Fall zeigte, dass es auch für Läufer keine Garantie gibt, nie am Herzen zu erkranken, konnten die Referenten andererseits belegen, dass Läufer generell ein überdurchschnittlich gesundes Herz-Kreislauf-System aufweisen. In einer früheren Veröffentlichung war der Zusammenhang zwischen hohem Konditionslevel und niedrigem Erkrankungsrisiko des Herzens dargestellt worden. Ein Kardiologe aus Stanford, Dr. Peter Wood, konnte nunmehr gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Bill Haskell anhand ganz aktueller Untersuchungen nachweisen, dass Läufer weniger „schlechtes“ Cholesterin und höhere Werte für „gutes“ Cholesterin haben. Andere Teilnehmer hörten mit Begeisterung von Fortschritten bei der Prävention von Verletzungen, von interessanten Erkenntnissen zur Psychologie beim Laufen und vieles andere mehr. Die Beiträge und Ergebnisse der Konferenz wurden in einem 1000 Seiten umfassenden Buch mit dem Titel „The Marathon: Physiological, Medical, Epidemiological and Psychological Studies (Herausgeber Paul Milvy) veröffentlicht, das noch heute als eines der wichtigsten sportmedizinischen Nachschlagewerke gilt.

Anlässlich des 30.Jahrestages dieser richtungsweisenden Konferenz wurde im Rahmen des Chicago-Marathons im Oktober 2006 ein ähnlich ausgerichtetes Symposium organisiert, an dem auch einige der bei der Erstauflage Anwesenden teilnahmen.

Marathon Medizin

Bild: bruno

Die auf dem Kongress 1976 gesammelten und veröffentlichten Erkenntnisse sin bis heute ausschlaggebend für die Sportmedizin.

Heutige Läufer profitieren

Viele der Konferenzteilnehmer waren übrigens nicht nur als Mediziner an den behandelten Fragen interessiert, sondern selbst aktive Marathonläufer. Im Anschluss an die Konferenz standen sie am Start des New York City Marathons, der mit seiner neuen Strecke durch fünf Stadtteile als Vorreiter der Stadtmarathons gilt. Einige hatten sich übrigens am Start von Paul Milvy, dem der Hauptinitiator der Konferenz, etwas merkwürdig gebildete Bonbons reichen lassen. Hierbei handelte es sich um einen frühen Versuch, mit Glukose die Ausdauerleistung beim Laufen zu erhöhen. Die Oblaten ähnliche Form der Bonbons begründete Milvy so: „Ich habe sie in einer Petrischale im Labor hergestellt.“ Ob der Versuch gelang? Einige der „Probanden“ liefen immerhin Bestzeiten.