Erlebnisbericht

Marathondoppel in Borna und Werdau

André Dreilich berichtet von seinem Doppeldecker – also zwei Marathons an einem Wochenende.

Bornaer Marathon

Die Bornaer Marathonstrecke führt durch die vom Braunkohlenabbau geprägte Landschaft im Umfeld der Kreisstadt.

Marathon Nummer 1: Rund um Borna
Die Ausrichter vom Volkssportverein 77 Borna e.V. starteten vor Jahresfrist im November 2006 mit insgesamt 12 Teilnehmern zur ersten Marathon- Umrundung ihrer Stadt. Für die zweite Auflage hatten sich im Vorfeld des Laufes immerhin 18 Starter gemeldet, darunter Marathon- und Ultralauf- Urgesteine wie Sigrid Eichner und Hans-Joachim Meyer, die den Lauf ebenfalls für ein Doppel nutzen wollten.

Der Bornaer Marathon wird als Gruppenlauf durchgeführt. Die Gruppen finden sich je nach angestrebter Zielzeit zusammen. In diesem Jahr waren das 3:30, 4:00, 4:30 und 5:00 Stunden, ein ortskundiger Läufer sorgt dafür, dass keiner der Läufer vom rechten Weg abkommt. Gestartet wird im Halb-Stunden-Takt, so dass im Idealfall alle Gruppen zeitgleich das Bornaer Rudolf-Harbig-Stadion erreichen. Angesichts unserer Sonntagspläne hatten Ralph und ich uns für die Vier-Stunden-Gruppe entschieden. Das erlaubte die Anfahrt zu sehr angenehmer Stunde. Nach Zahlung des Startgeldes von 20 Euro erhielt ich ein eigens für diesen Lauf angefertigtes T-Shirt in meiner Wunschgröße „M wie mickrig“. In Begleitung eines Radfahrers machte sich unsere fünfköpfige Gruppe 11 Uhr auf die Strecke.

Auf dem Weg vom Stadionausgang hinauf zur Straße wurde mit viel Gelächter die erste Bergwertung ausgekämpft, schwatzend liefen wir in nördlicher Richtung aus Borna heraus und durch die vom Abbau der Braunkohle geprägte Region. Wer hier eine Mondlandschaft erwartete, sah sich angenehm getäuscht. Unter dem Motto „Neuseenland“ entsteht im Leipziger Südraum eine abwechslungsreiche Seenlandschaft, durch die der erste Teil des Marathons führte. Auf Nebenstraßen, asphaltierten Radwegen und alten Wirtschaftswegen verläuft die Strecke durch eine noch junge Landschaft. Orientierung bieten dem Ortsunkundigen dabei die Kirchtürme der Orte, die das Glück hatten, den unersättlichen Baggern nicht weichen zu müssen.

Bei recht angenehmem Laufwetter – die Temperaturen erreichten vier bis fünf Grad über Null, der Wind hielt sich zurück und mitunter wollte sogar die Sonne hervorschauen – „rollte” unsere Gruppe in bester Laune durch den Herbst. Für zusätzliche Stimmungshochs sorgten die Verpflegungspunkte. Diese befanden sich im Kofferraum eines „gruppengebundenen“ Pkw und erwarteten uns etwa aller fünf Kilometer an der Laufstrecke. Wasser, Cola, heißer Tee, belegte Brote, Schokolade, Obst, dazu viele nette Worte – Läuferherz, was willst Du mehr? Einige hundert Meter vor Erreichen der mobilen VPs fragte unser Begleitradler sogar die Getränkewünsche ab, um Bestellungen aufgeben zu können. Den nördlichsten Punkt der Strecke erreichten wir am Hainer See. Vom westlich angrenzenden Kahnsdorfer See ist dieser nur durch einen schmalen Damm getrennt. Über diesen Damm liefen wir mit Generalkurs Süd, querten kleine Orte wie Kahnsdorf, Großzössen und Lobstädt, ehe wir am Speicherbecken Deutzen den nächsten See-Blick hatten.

Obwohl die Strecke nicht flach ist, kam die Vier-Stunden-Gruppe doch recht flott voran. Das mag zum einen an der angenehmen Plauderei gelegen haben, zum anderen daran, dass die vier Stunden für keinen der Läufer eine wirkliche Herausforderung darstellten. Niemand musste an sein Limit gehen, umso größer war der Spaß beim Laufen. Bei ca. km 25 fingen wir die etwas hinter dem Zeitplan laufende 4:30er-Gruppe ein und liefen nun umso entspannter weiter.

Borna war inzwischen südlich umlaufen worden, im steten Auf und Ab lag jetzt Nordkurs an. Über Felder und durch idyllische Landschaften, die man hier als Ortsfremder gar nicht vermuten würde, nahmen wir die letzten Kilometer in Angriff. Wir näherten uns nun auf vergessenen Straßen, die der Kohleabbau schon vor Jahren ihres Durchgangsverkehrs beraubt hatte, der Stadt Borna. Über eine angesichts der Feldwege reichlich überdimensioniert wirkende Brücke querten wir die Bundesstraße, nach diesem letzten Anstieg führte unser Weg wieder nach Borna hinein und befanden uns schon bald auf der Zielgeraden. Kurz vor Erreichen des Rudolf-Harbig-Stadions gönnten Ralph und ich uns noch einen unvernünftigen Endspurt, sodass wir Sigrid Eichner und Elfriede Oehler (LC Auensee Leipzig), die in der Fünf-Stunden-Gruppe liefen, auf der Tartanbahn einholten. Fuß vom Gas, leicht dahinter bleiben, so lieferten wir uns auf den letzten 200 Metern zwar kein Finish, konnten uns gegenüber den Damen doch als Kavaliere erweisen. Meine Uhr zeigte beim Passieren der Ziellinie eine Zeit von 3:56 h an, Sigrid und Elfriede freuten sich über 4:56 h. Wenige Minuten später trafen auch die anderen Marathonläufer ein.

Nach 3:56 beziehungsweise 4:56 Stunden kamen beim 2. Bornaer Marathon die ersten Läufer über die Ziellinie. Innerhalb der nächsten neun Minuten folgten die anderen Starter.

Im Ziel gab es für jeden Finisher Glückwünsche und eine Medaille, heiße Duschen und die Möglichkeit zur Massage. Höhepunkt der Veranstaltung war das, was anderenorts gern als After Race Party bezeichnet wird. In Borna ist das ein gemütliches Beisammensein der Läufer und der zahlreichen Helfer im Sportlerheim des Stadions. Bei reichlich Kuchen, Bratwurst und Getränken vom Kaffee bis hin zu allerlei Biersorten (übrigens alles im Startgeld enthalten) herrschte beste Stimmung. Wohlgesättigt und mit der frisch ausgedruckten Finisher-Urkunde in der Hand verließ ich nach einer guten Stunde diese höchst angenehme Stätte. Schließlich hatte ich ja am Sonntag noch etwas vor.

Fazit: Ein sehr liebevoll organisierter Landschaftslauf als lange Trainingseinheit und natürlich zum Genießen. Sehr empfehlenswert.

Marathon Nummer 2: Werdau
So gemächlich wie den Sonnabend konnte ich den Laufsonntag leider nicht angehen. Zwar wird auch in Werdau beim Herbstmarathon erst 11 Uhr gestartet, doch gilt es bis dahin, von Leipzig aus einige Kilometer mehr zu fahren. Also erklang der Wecker bereits sechs Uhr, kurz vor acht Uhr machte ich mich auf den Weg – froh, das Fehlen meiner Laufsocken doch noch bemerkt zu haben. In Leipzig sammelte ich noch zwei „Mitläufer“ ein, ehe es durch einen nebligen Herbstmorgen südwärts nach Werdau ging. Beim Passieren der Stadt Borna konnte ich mir das Schwärmen vom Lauf tags zuvor nicht verkneifen.

Für mich war der Start in Werdau eine Premiere, irgendwie hatte sich eine Teilnahme bisher noch nicht ergeben. Eine Viertelstunde von dem Start setzten sich die Läufer in Richtung des einige hundert Meter entfernten Starts in Bewegung. Ein wenig erinnerte mich dieser gemeinsame Marsch an den Advents-Marathon von Arolsen. Nach dem Startschuss ging es für das mit 160 Läufern (Rund 100 Marathon- und 60 Paarläufer) recht stattliche Feld erst einmal bergauf. Nach knapp drei Kilometern hatte dieser erste Anstieg ein Ende, auf welligem Kurs rollte das inzwischen deutlich auseinandergezogene Feld in Richtung Wald. Ich fühlte mich trotz des Marathons vom Vortag gut, das leichte Zwicken im rechten Fußheber ignorierte ich, weil sich das bereits in Borna bewährt hatte: Nach gut zehn Kilometern würde dieser Schmerz nachlassen.

Da ich die 42,195 Kilometer zwar nicht auf Anschlag, aber doch etwas flotter als am Vortag laufen wollte, hatte ich meine Anzugsordnung geändert. Zwar trug ich erneut ein langärmliges Hemd nebst leichter Weste, die Beine durften heute jedoch Herbstluft schnuppern. Statt der langen Borna-Laufhose war für Werdau „kurz“ angesagt. Als Zielzeit hatte ich mir knapp unter dreieinhalb Stunden vorgenommen und lief deshalb knapp unter 5er Schnitt. Da jeder Kilometer ausgeschildert war, konnte ich mich mal wieder im Kopfrechnen üben und merkte schnell, dass ich gut drauf war. Allerdings vermied ich es bewusst, zu sehr aufs Tempo zu gehen. Die Werdauer Strecke könnte dazu verleiten. Auf asphaltiertem oder doch zumindest gut befestigtem Untergrund führt sie in den Werdauer Forst hinein, wo an der Gaststätte Weidmannsruh in eine 10,7 Kilometer lange Runde eingestiegen wird. Ist diese zweifach durchlaufen, kehrt man nach Werdau zurück und hat einen Marathon mehr zu Buche stehen.

Auch auf der Waldrunde darf in weiten Teilen über Asphalt gelaufen werden. In stetem Auf und Ab verläuft durch Strecke durch den herbstlichen Wald, für Abwechslung sorgen ein Teich mit verfrühten Winterbadern und herrliche Natur. Die Reste des ersten Schnees störten beim Laufen nicht, denn sie waren nur noch im Wald anzutreffen. Zusätzliche Kurzweil bot für mich die Pendelstrecke am Südzipfel der Runde. Hier herrschte Begegnungsverkehr und ich hatte Gelegenheit, mit den roten Teufeln vom TSV Münchberg und einigen anderen Läufern einige Worte zu wechseln. Der aus meiner Sicht anstrengendste Teil des Laufes wartete zu Beginn des letzten Drittels der Waldrunde auf die Läufer. Hier war der Weg durch Forstarbeiten arg beschädigt und auf etwa drei Kilometern Länge repariert worden. Da Schotter nicht der beste Laufuntergrund ist, galt es hier, die Zähne zusammenzubeißen. Und da diese Stelle zweimal passiert wurde, durfte ich mich eine Runde lang auf die Wiederholung der Passage freuen.

Gegen Ende der ersten Runde war der Halbmarathonpunkt erreicht. Ein Blick auf die Uhr machte deutlich, dass ich rund sieben Minuten vor der angestrebten Schlusszeit von 3:30 h lag. Relativ entspann schlappte ich in die zweite Runde, freute mich über die Laubfärbung und das plätschernde Wasser in den Gräben und las im Vorbeilaufen die Eigentumsvermerke auf den Stapeln frisch geschlagenen Holzes. Noch einmal bis zur Pendelstrecke, ein Becher mit heißem Tee und weiter in Richtung Schotterpiste. Als auch dieses Stück überstanden und die zweite Runde absolviert war, lagen knapp 32 km hinter mir. Ich fühlte mich perfekt und hatte nun nur noch reichlich zehn Kilometer zu laufen.

Allmählich kam Leben auf die Strecke, denn die Mittagszeit war vorbei und zahlreiche Spaziergänger kamen in den Wald. Die Gaststätte „Weidmannsruh“ schien diese Leute eine geradezu magisch anzuziehen. Im Gegenverkehr sorgten nun auch die Paarläufer für Abwechslung, die sich einen Marathon als Mini-Staffel teilen. Sicher war ich einigen von ihnen auch schon zuvor begegnet, hatte diesen überholt und war von jenem versägt worden. Doch da ich kaum auf die Nummern der anderen Läufer schaute, wusste ich nicht, ob da ein ganzer oder „nur“ ein halber Marathonläufer auf der Strecke war. Nun, da ich dem Ziel entgegenlief, sah ich Nummern und Gesichter der Staffelläufer, feuerte an, erhielt Applaus und hatte meinen Spaß.

Es rollte nach wie vor gut, trotz meines Vortagesprogramms hielt sich der Hammermann zurück und drohte allenfalls einmal mit einem Hämmerchen. So purzelten die letzten zehn Kilometer auf recht angenehme Weise und in gleichmäßigen Zeitabständen, die sieben Minuten Vorsprung blieben nahezu konstant. Kommt man allerdings auf dem sprichwörtlichen letzten Loch pfeifend in diesen Teil der Strecke, kann das anders aussehen. Das kurzweilig-wellige Streckenprofil vom Anfang des Marathons kann sich dann durchaus zu Bergen mit Killerqualitäten auftürmen, die bei den Kilometern 35, 37 und 39 auf müde Läuferbeine lauern. Da mir solcherart Widrigkeiten jedoch erspart geblieben waren, ließ ich sogar die letzte Verpflegungsstelle aus und trödelte recht zufrieden in Richtung Ziel. Meine Absicht war nun, das letzte Stück der Strecke auszutrudeln. Kurz vor km 39 wurde der Wald verlassen und ich amüsierte mich köstlich über ein handgemaltes Hinweisschild auf eine nicht wirklich vorhandene Video-Überwachung des Feldrains, durch die wohl mülltransportierende Zeitgenossen von illegalem Tun abgehalten werden sollen.

Inzwischen hatte sich ein anderer Läufer mein Sightseeing ausgenutzt und war an mir vorbeigezogen. Wenn ich auch nur zum Spaß unterwegs war, so weckte solch’ Unverschämtheit doch meinen Kampfgeist. Ich ging ein wenig aufs Gas und zog wieder gleich. Als ein entgegenkommendes Auto Platz auf der Straße beanspruchte, mimte ich den Angeber und krönte mein Ausweichmanöver mit einem kräftigen Zwischenspurt. Wenig später kam das Tappen der Laufschuhe wieder näher und in meinem Kopf buchstabierte ich bei km 40 „Zielkanalüberholer“. Auf dieses Stichwort hin entzogen sich meine Beine dem Vorsatz, den Lauf gemütlich zu Ende zu bringen. Ich ließ es auf dem leichten Gefälle in Richtung Ziel rollen und freute mich über die Leichtigkeit in den Beinen. Kurz vor dem Ziel bog die Strecke rechtwinkelig ab, danach galt es, noch einige knackige Höhenmeter hinauf zur Landessportschule zu erklimmen – und Schluss. Probleme bereitete mir allenfalls der am rechten Handgelenk befestigte Chip, der für die Zeitnahme doch einen recht innigen Kontakt zur Elektronik verlangte. Aber was soll’s, einige Sekunden mehr oder wenig tun einem schönen Lauf keinen Abbruch. Mit der Zeit von 3:23:11 h in der Ergebnisliste kann ich gut leben. Sicher, mit etwas mehr „Biss“ und dem Verzicht auf den Doppeldecker wären für mich auf der trotz des welligen Profils erstaunlich schnellen Strecke auch etliche Minuten weniger „drin“ gewesen – aber ob ich dann so viel Spaß gehabt hätte?


Werdau Marathon
Während auf der Strecke viel Ruhe herrschte, konnten sich die Marathonis beim Zieleinlauf in Werdau über Applaus freuen.

Nur wenige Schritte hinter dem Ziel wartete die Belohnung in Form von heißem Tee. Nachdem ich mich in den Duschen entschlammt hatte und beinahe runderneuert fühlte, trieb mich das herbsttypische Frösteln in wärmere Räume, wo bei Kuchen, Würstchen und allerlei isotonischen und alkoholischen Getränken Läufergarn gesponnen wurde. Gut ins Ziel kamen auch die anderen „Doppeldecker“. Ralph Hermsdorf hatte angekündigt, das Tempo des Vortages fortzusetzen und gemütlich knapp unter vier Stunden zu finishen: Er erreichte die Sportschule Werdau bei 3:54:59 h. Sigrid Eichner (W65) hatte sich am Vortag mit 4:56 h nicht verausgabt und finishte in Werdau mit 4:34:35 h. Chef Hans-Joachim Meyer (M65) hatte in Borna 4:56:41 vorgelegt und stellte in Werdau mit 4:31:09 h unter Beweis, dass auch er noch Kraft zum Zusetzen hatte.

„Vorn“ bewies Steven Michel seine Klasse. Mit 2:47:04 hatte der M30er von der LG Exa Leipzig knapp zwei Minuten auf Michael Sailer als Zweitplatzierten.

Fazit: Ein Landschaftslauf zum Genießen auf einer angenehm zu laufenden und recht schnellen Strecke. Sehr gute Organisation und äußerst günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis.

Fazit zum Doppeldecker: Schade, dass mein Kalender Laufwochenenden in der beschriebenen Art nur sehr selten zulässt. Ich hatte jede Menge Spaß und konnte meiner Sammlung zwei weitere Marathons einverleiben. Mit knapp über 30 Euro Startgeld war’s ein preiswertes Vergnügen, dafür gibt’s bei den meisten großen Events gerade mal einen „Halben“.