Todesrisiko Marathon?

Laufen ist gesund, macht aber nicht unsterblich

Läuft der Tod mit?

Bild: Matt Mahurin

Über den Tod mache ich mir bei meinen Mittagsläufen meist keine Gedanken. Zwar hatte mein Großvater seinen ersten Herz­infarkt schon mit knapp über 50, und ich selbst bin mit 62 in einem Alter, in dem man deutlich weniger Geburtstage vor sich hat als ­hinter sich. Doch mein täglicher Lauf bietet mir wunderbare Ablenkungen. Ich schaue mir die Nachbargärten an, lasse die Gedanken schweifen, ­plane, einen Marathon zu laufen, oder freue mich ganz einfach über einen Trainingslauf mehr auf meinem Konto.

Und doch drängt sich von Zeit zu Zeit eine traurige Erinnerung auf: Es war an einem Samstag vor 25 Jahren, als das Telefon klingelte und mich ein Reporter von CBS Radio um einen Kommentar zu Jim Fixx bat. Dessen Laufbuch war ein Bestseller und hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass Laufen populär wurde. „Kein Problem“, antwortete ich, „er ist ein toller Typ, klug, bescheiden, ein Arbeitstier. Ich kenne keinen, der das Laufen so liebt wie er.“ Der Reporter unterbrach mich. „Vielleicht haben Sie noch nicht gehört, dass Fixx gestern Nachmittag gestorben ist. Er war beim Laufen, als es passierte.“

Und dann dieser Moment im November 2007, als Ryan Hall bei der Pressekonferenz nach seinem Sieg bei der Marathon-Olympia-Ausscheidung im New Yorker Central Park sagte: „Für mich ging ein Traum in Erfüllung. Aber zunächst möchte ich meine Gedanken und Gebete der Familie von Ryan Shay widmen.“ Kurz darauf trat Mary Wittenberg, Race Director des New-York-Marathons, ans Mikrofon. Sie war kreidebleich und sagte: „Ich habe eine sehr traurige Nachricht erhalten. Ryan Shay ist heute Morgen gestorben.“ Shay war 28 Jahre alt und der erste Marathonläufer von Welt­niveau, der während eines Wettkampfs starb.

Der Herbst 2007 war eine harte Zeit für all jene, die glaubten, Laufen mache uns gesünder. Am Tag nach dem New-York-Marathon 2007 starb Matthew Hardy (50) an einem Herzinfarkt, eine Stunde nachdem er den Marathon in 4:48:21 Stunden beendet hatte. Einen Monat zuvor war Chad Schieber (35) beim Chicago-Marathon gestorben. Am Renntag war es ungewöhnlich heiß, und er war mit einer ihm bekannten Vorschädigung ­des Herzens (Mitralklappen-Prolaps) an den Start gegangen.

Auch in Deutschland erreichte die Zahl der bei einem Marathon-Wettkampf Verstorbenen im Jahr 2007 mit acht einen traurigen Rekord. Solche Vorfälle finden oft ein grö­ßeres Medienecho als die Sieger der jeweiligen Läufe. Jedes Mal stellt sich dabei die Frage: Wie kann Laufen gesund sein, wenn Läufer beim Laufen an einem Herzinfarkt sterben? Um mehr darüber zu erfahren, suchte ich einige der führenden Herzspezialisten und Sportphysiologen auf, studierte wissenschaftliche Untersuchungen über sportliche Betätigung und Sterberisiko. Am Ende sah ich mich bestätigt, dass Laufen und andere körperliche Aktivitäten tatsächlich das Sterblich­keitsrisiko signifikant senken. Doch ich erfuhr auch, dass es überraschend paradoxe Fälle gibt und keine Garantien.

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