Alex Hutchinsons Lauflabor

Langsame Marathonläufer mobilisieren Reserven

Die Analyse von 9 Millionen Marathon-Endzeiten zeigt, dass schnellere Läufer kurz vor dem Ziel kaum mehr Leistungsreserven haben. Langsamere können noch Reserven mobilisieren.

Die Verteilung der Marathonläufer nach Zielzeit

Die Abbildung 1 zeigt, dass die Mehrheit der Marathonläufer jeweils versucht, entweder vor der vollen Stunde oder vor der halben Stunde ins Ziel einzulaufen.

Bild: runnersworld.com

Die Verteilung von Marathon-Zielzeiten wird in einer neuen Studie von Wirtschaftswissenschaftlern von USC, Berkeley und der Chicago University untersucht. Dabei haben die Forscher anhand der Marathon-Endzeiten versucht herauszufinden, welche Ziele und Erwartungen unser Verhalten beeinflussen.

Die Abbildung 1 stellt die Verteilung der Finisher-Zeiten dar, die auf einer riesigen Datensammlung von 9.378.546 Marathon-Endzeiten in der ganzen Welt basiert, und bis 1970 zurückgeht, wovon 91 Prozent der Ergebnisse aus dem Jahr 2000 stammen oder später. Es ergibt sich folgendes Bild:

Man kann die großen Spitzen erkennen, die immer knapp vor jeder vollen Stunde, den meisten halben Stunden und, wenn man genau hinschaut, auch vielen 10-Minuten-Abschnitten auftauchen. Läufer wollen eben lieber 3:59 als 4:00 Stunden laufen. Aber das ist nicht das einzige interessante Detail in der Studie, die es wert ist, näher betrachtet zu werden. Zum Beispiel basiert die Analyse auch auf Marathonläufen mit weniger als 200 Teilnehmern (um zu zeigen, dass dieses Muster nicht ein Ergebnis der Tempomacher bei großen Marathons ist), und auf den Zwischenzeiten einer Teilmenge von 852.526 Läufern.

Abbildung 2 zeigt die prozentuale Tempoabweichung der Läufer auf den letzten 2,2 km im Vergleich zum vorherigen Durchschnittstempo. Allgemein werden die Läufer im Schnitt langsamer, und zwar um 5-14 Prozent (1.05-1.14). Aus der Grafik geht deutlich hervor, dass das umso stärker der Fall ist, wenn man eine volle oder halbe Stunden-Marke gerade nicht schafft.

Bild: runnersworld.com

Abbildung 2 zeigt, wie sehr die Läufer ihr Tempo auf den letzten 2,2 km im Vergleich zu den ersten 40 km beschleunigt oder verlangsamt haben. Wenn sie ein gleichmäßiges Tempo beibehalten hätten, läge der Wert auf der vertikalen Achse bei 1. Stattdessen kann man sehen, dass in dieser Phase die Läufer durchschnittlich um 5 Prozent (1.05) bis 14 Prozent (1.14) langsamer geworden sind. Nicht alle werden im gleichen Maße langsamer – natürlich: Läufer, die sehr nah an der Grenze zu einer runden Endzeit sind, bringen eher noch mal die Extra-Energie auf, etwas schneller zu laufen, um diese zu unterbieten. Interessanterweise sind die Läufer um drei Stunden diejenigen, die am langsamsten werden, wenn klar wird, dass sie ihr Ziel nicht erreichen; diejenigen hingegen, die das Tempo am meisten anziehen, wenn ihr Ziel in greifbarer Nähe ist, sind die Fünf-Stunden-Läufer.

Ein ähnliches Muster zeigt sich in Abbildung 3, die den Anteil der Marathonläufer mit unterschiedlichen Endzeiten darstellt, die es schafften, ihr Tempo auf den letzten 2,2 km gegenüber den ersten 40 km noch mal anzuziehen. In diesem Fall waren ungefähr 30 Prozent der 3-Stunden-Läufer fähig, auf den letzten 2,2 km noch mal genug Energie aufzubringen, um zu beschleunigen; im Vergleich dazu, sind mehr als 40 Prozent der 5-Stunden-Läufer im Stande, gegen Ende noch mal anzuziehen. Wenn man die Spitzen bei den vollen Zeiten mal ignoriert, ergibt sich auch ein ähnliches Muster: Läufer, die eine Endzeit zwischen 4:30 und 5:00 anstrebten, schienen eher in der Lage zu sein, noch einen Zahn zuzulegen, als Läufer, die eine Zeit zwischen 3:00 und 3:30 anvisierten.

Der Anteil der Läufer, die auf den letzten Kilometern noch schneller werden konnten.

Bild: runnersworld.com

Die Grafik zeigt den Anteil der Läufer mit bestimmten Zielzeiten, die auf den letzten Kilometern noch schneller werden konnten.

Worauf will ich hinaus? Ich habe in der Vergangenheit einiges zum Thema Schmerztoleranz und mentalem Training geschrieben – also zu der Idee, dass sich durch Training nicht nur unser Körper, sondern auch unser Geist verändert. Wir lernen ein höheres Niveau an relativer Anstrengung aufrechtzuerhalten und haben dadurch weniger Reserven kurz vor dem Ziel. Das scheinen diese Ergebnisse zu bestätigen: Wenn die Ziellinie näher kommt, können eher langsamere Läufer noch mal ihre Kraftreserven mobilisieren. Natürlich sind das nur Durchschnittswerte; es gibt sicherlich viele individuelle Ausnahmen. Viele weitere Einflussfaktoren sind möglich: Es könnte sein, dass die Selbsteinschätzung und Zielsetzung der 3-Stunden-Marathonläufer zu optimistisch war und sie deswegen am Ende Tempo rausnehmen mussten. Vielleicht spielt auch die Erfahrung mit der richtigen Einschätzung des Tempos eine Rolle (auch wenn man eventuell anderes erwartet: durchschnittlich sind es wirklich die langsamsten Läufer, die ihr angestrebtes Tempo auch auf den letzten Kilometer noch aufrechterhalten können). Was auch immer der Grund dafür sein mag, die Grafiken weisen darauf hin, dass schnellere Läufer, wenn sie in Zielnähe kommen, kaum noch Kraftreserven haben.

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