Marathon in der Provinz

Kleine Veranstaltungen mit Charme: Moormarathon

Beim Start des Moormarathons gehört man zum überschaubaren Feld von 20-30 Läufern.

Auch beim Moormarathon nordwestlich von Osnabrück lenkt nichts und niemand die 77 Teilnehmer ab: Schnurgerade ziehen sich die Wege kilometerlang durch braune Felder, kein Baum bietet Schatten, der Blick schweift über aufgetürmte Torfballen und morastige Gewässer zu den Wolkenformatio­nen am Horizont. Das Laufen hat hier etwas Meditatives, fast könnte man vergessen, dass man an einem Wettkampf teilnimmt.

Ich laufe gern allein“, sagt Ingo Gehrke, der aus Gelsenkirchen angereist ist und seinen 101. Marathon absolviert. Der 56-Jährige läuft auch große Stadtmarathons. Den Moormarathon bezeichnet er als Veranstaltung „für Sammler und Genießer“. Edeltraut Dörr aus Nürnberg hat sich die Veranstaltung ebenfalls gezielt ausgesucht: „Da, wo ich herkomme, kenne ich keine Moorlandschaften.“ Die 59-jährige erfahrene Marathonläuferin empfindet die Anfeuerungen und den Lärm bei großen Veranstaltungen eher als lästig: „Ich brauche keine Zuschauer“, betont sie. Immer nur Trainingsläufe zu absolvieren kommt für sie aber auch nicht in Frage: „Wettbewerbe sind das Salz in der Suppe.“

Ein regelrecht frustrierendes Erlebnis war für Claus Rasmus sein letzter Berlin-Marathon: „Ständig dieser Geräuschpegel“, erzählt er, „und dann blasen die Zuschauer dir auch noch mit ihren Trillerpfeifen direkt ins Ohr.“ Der Lauf in seiner Heimatstadt ist seiner Ansicht nach zu einer kommerziellen Massenveranstaltung verkommen, bei der großes Gedränge, Ellen­bogen-Denken und eine gänzlich unpersönliche Atmosphäre herrschen.

Den perfekten Kontrast dazu findet er beim Wendland-Marathon der im 400 Seelen-Ort Liepe bei Lüchow startet. Hier, wo mehr ­Kühe als Menschen leben, führt die Strecke durch teilweise unberührte Natur zur Elbe und nach der Hälfte der Distanz auf demselben Weg wieder zurück. Zuschauer sucht man hier vergebens. „Wenn trotzdem mal jemand an der Strecke steht, freut man sich ganz besonders“, sagt Rasmus. Es sei allerdings auch schon mal passiert, dass jemand von der Strecke abkommt, erzählt Hermann Walter von der Interessen­gemeinschaft Ausdauersport (IGAS), die den Lauf gemeinsam mit anderen Vereinen seit 1993 organisiert. Der 58-Jährige ist schon mehrfach mitgelaufen und weiß, wie es sich anfühlt, wenn weit und breit kein weiterer Läufer zu sehen ist.

Streckenposten gibt es nur vereinzelt, der Weg ist mit kleinen Pfeilen und Schildern markiert. Der Lauf bekommt dadurch mitunter den Charakter ­einer Schnitzeljagd. Die Teilnehmerzahlen beim Marathon stagnieren seit Jahren bei ­etwa 20 bis 30 Läufern.

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