Interview

Jo Schindler über den Erfolg des Frankfurt-Marathons

Jo Schindler machte den Frankfurt-Marathon zum drittgrößten Marathon in Deutschland. Er erklärt, wie das gelang.

Jo Schindler ist seit 2002 der Race-Direktor des Commerzbank Frankfurt Marathon. Der Lauf hat sich entgegen des allgemeinen Marathon-Trends in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt, die Teilnehmerzahlen stiegen deutlich.

Jo Schindler: „Jeder Marathonläufer schreibt eine emotionale Geschichte“

Bild: Photorun

Jo Schindler stammt aus Regensburg und organisierte dort einst den Marathon. In den letzten Jahren machte er aus dem Rennen am Main den drittgrößten Klassiker Deutschlands. Zugleich sorgte er dafür, dass der Marathon sich auch in Punkto Spitzensport immer weiter entwickelte. Der Aufwärtstrend dürfte sich in diesem Jahr fortsetzen, denn verglichen zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres liegen für den Commerzbank Frankfurt Marathon am 25. Oktober 2009 jetzt rund 33 Prozent mehr Anmeldungen vor. Jo Schindler gab das folgende Interview.

Vor sechs Jahren haben Sie den Frankfurt-Marathon übernommen, der damals im deutschen Ranking auf Rang fünf abgerutscht war, was die Zielzahlen betrifft. Wie bewerten Sie die Entwicklung des Laufes seit dem?

Jo Schindler: "Wir haben jetzt Teilnehmerzahlen erreicht, von denen wir 2002 nur träumen konnten. An über 12.000 Marathonmeldungen und gut 20.000 Gesamt-Anmeldungen war damals überhaupt nicht zu denken. Bei den Marathon-Finisherzahlen haben wir im Vergleich zu damals um rund ein Drittel zugelegt. Ich hätte nicht gedacht, dass wir im deutschen Ranking mal an den Kölnern vorbeiziehen würden."

Damit laufen Sie in Frankfurt gegen den Trend.

Jo Schindler: "Ja, und wir sind stolz auf diesen Erfolg. Heutzutage hat ja so gut wie jede Stadt einen Marathon, so dass wir in Deutschland rund 180 Rennen haben. Aber viele große Veranstaltungen haben deutliche Teilnehmer-Verluste. Auch wenn es die Mitbewerber betrifft, stimmt mich das nachdenklich. Insgesamt bin ich aber überzeugt davon, dass sich der Laufsport weiter gut entwickelt."

Sie haben in diesem Jahr mit der Commerzbank einen neuen Titelsponsor – was ändert sich dadurch?

Jo Schindler: "Die Commerzbank hat die Dresdner Bank übernommen und damit auch den bestehenden Sponsoringvertrag. Wir hatten von Anfang an das Signal, dass der Vertrag in vollem Umfang erfüllt wird. Und so ändert sich für uns gar nichts. Die Commerzbank möchte mit uns die erfolgreiche Entwicklung der vergangenen Jahre fortsetzen und steht mit ganzem Herzen hinter diesem Engagement. Wir merken jetzt schon, dass die Commerzbank dieses Titelsponsoring engagiert angeht und mit Leben füllt. Bei der kommenden JP Morgan Corporate Challenge in Frankfurt ist das Team der Commerzbank das größte Firmenteam. Über 2.400 Mitarbeiter werden an den Start gehen. Das freut mich natürlich besonders, dass wir einen Titelsponsor haben, dessen Mitarbeiter derartig laufbegeistert sind und das Marathon-Engagement der Commerzbank wird diese Laufbegeisterung weiter stärken. Was kann sich ein Sponsor mehr wünschen, als dass seine Mitarbeiter – gerade in diesen nicht einfachen Zeiten – so stark hinter diesem Engagement stehen."

Wie erklärt sich der Erfolg in Frankfurt in den vergangenen Jahren, was haben Sie gemacht?

Jo Schindler: "Wir haben nach der Veranstaltung 2002 die Lage schonungslos analysiert und uns zwei Ziele gesetzt, wie wir den Frankfurt-Marathon positionieren möchten. Diese Strategie setzen wir seitdem konsequent um: einerseits erstklassigen Spitzensport zu bieten und zugleich einen hervorragenden Service für die Breitensportler. Spitzensport – wo auch immer und in welcher Sportart auch immer – übt eine ungeheure Faszination aus und strahlt auf den Veranstaltungsort ab, ja steht teilweise als Synonym für die Sportart, beispielsweise Wimbledon, Old Trafford, Madison Square Garden. Dabei hatten wir das Glück, mit der Stadt Frankfurt einen Partner zu haben, der alle neuen Initiativen immer unterstützt hat. Gleiches gilt für unseren Titelsponsor – ab 2007 war dies Dresdner Kleinwort, nun ist es die Commerzbank. Die wichtigste Veränderung war das Ziel in die Festhalle zu verlegen. Uns war klar, dass wir dem Läufer ein starkes emotionales Erlebnis bieten müssen, denn jeder Marathonläufer schreibt eine emotionale Geschichte. Zuversicht, Angst, Leid, Hoffnung, Schmerz, Verzweiflung, Freude, Stolz – das sind die Themen, die den Marathon so einzigartig machen, dem muss man als Veranstalter gerecht werden. Damit schaffen wir es, uns deutlich von anderen Marathonläufen abzuheben. Der Trend im Sport geht eindeutig zum emotionalen Event, bei dem der Sportler Teil dieser Inszenierung ist. Das heißt nicht, dass wir Klamauk veranstalten, wir nehmen den Sportler und den Sport sehr ernst. Unser Ziel in der Festhalle als einmaliges emotionales Erlebnis bietet jedem eine Bühne. Diese Inszenierung, die ja auch Ausdruck einer Wertigkeit ist, ist uns wichtig – und sie ist den Läufern wichtig. Das zeigen unsere Teilnehmerbefragungen, die wir regelmäßig durchführen. Was wir hier veranstalten, dürfte weltweit einmalig sein, es kostet verdammt viel Geld. Aber auch das ist einer unserer Grundsätze: Entweder machst du es richtig oder gar nicht. Der Marathon ist keine halbe Sache. Für den Läufer nicht und für die Organisation darf es auch nicht so nicht sein."

Die Emotion ist sicher die eine Seite, die Qualität des Services dürfte aber genauso entscheidend sein.

Jo Schindler: "Wir möchten den Läufern das beste Angebot machen, auch wenn dies zusätzliche Kosten verursacht: In den letzten Jahren haben wir den Inhalt der Startbeutel, den alle Läufer bekommen, deutlich aufgewertet. Neben sinnvollen Produkten wie Running Cap, Schuhlöffel, Duschgel, Shampoo, Sportgetränk, Trinkflasche, um einige Dinge zu nennen, haben wir 2008 erstmals ein Gutscheinheft beigelegt. Hier kann man zum Beispiel kostenfrei in den Frankfurter Zoo oder den Palmengarten gehen, zwei Basketball-Karten für die Skyliners zum Preis von einer erwerben und ähnliches. Mit dem Heft kann man in Frankfurt rund 100 Euro sparen. Oder unsere jüngste Investition: Wir haben in die Halle 1.0, in der unsere Duschen untergebracht sind, für 30.000 Euro ein neues System einbauen lassen, so dass wir nun die Duschen direkt aus dem Heißwasserkreislauf der Messe speisen lassen können. Wir haben nun keine Engpässe mehr bei der Versorgung der Duschen mit warmem Wasser. Oder unsere Nudelparty, wir sind der einzige große deutsche Marathon, der Nudeln und drei Getränke den Läufern kostenlos anbietet. Natürlich könnten wir hier noch zusätzliche Einnahmen erzielen, aber auch das hat etwas mit Emotionen zu tun. Die Läufer treffen sich, essen, tauschen sich aus, freuen sich gemeinsam auf den nächsten Tag, für den sie so lange trainiert haben. Das hat was! Eines möchte ich aber noch hinzufügen: Wir hatten auch das nötige Glück, das man braucht, um erfolgreich zu sein."

Die Marathon-Messe liegt ebenfalls zentral im Frankfurter Messegelände.

Jo Schindler: "Ja, es ist für Läufer, andere Besucher und Aussteller wichtig, eine attraktive Messe anzubieten. Auch die Marathon Mall hat sich in den letzten Jahren deutlich positiv entwickelt. Das zeigen die Besucher- und Ausstellerzahlen. Wir haben mit dem Gelände der Messe Frankfurt natürlich auch eine hervorragende Location."

Jo Schindler beim New York Marathon

Bild: Photorun

Jo Schindler kurz vor dem Ziel des New York-Marathons 2008.

In Frankfurt stehen die Läufer im Mittelpunkt – Inline-Skating haben Sie abgeschafft.

Jo Schindler: "Ja, wir fokussieren uns auf die Kernzielgruppe und denken, dass das der richtige Weg ist. Wir mussten bei der Strecke immer einen Kompromiss eingehen, um Skatern und Läufern zeitgleich einen Marathonlauf anbieten zu können. Das war weder für die einen noch die anderen optimal. Seit 2007 sind die Skater nicht mehr dabei und die Läufer profitieren davon. So konnten wir den Kurs dahingehend ändern, dass in der letzten Phase des Rennens mehr durch die Innenstadt gelaufen werden kann. Hinzu kam, dass die Skaterzahlen extrem rückläufig waren. 2001 waren über 2.500 in Frankfurt gemeldet, zuletzt hatten wir nur noch 660 Anmeldungen und 550 Skater im Ziel. Die Skater hatten sich selbst deutlich gegen Frankfurt entschieden. Das muss man zur Kenntnis nehmen und seine Schlussfolgerungen daraus ziehen."

Wer sind Ihre engsten Mitarbeiter im Organisationsteam?

Jo Schindler: "Das sind vor allem Petra Wassiluk und meine weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Agentur. Ich habe mir Mitarbeiter ausgesucht, die mit dem Herzen dem Laufsport verbunden sind. Diese Grundeinstellung ist sehr wichtig. Wenn sie stimmt, kommt man im Team immer zum Erfolg. Einzelheiten kann man lernen. Viele gute Initiativen entstehen bei unseren Teambesprechungen. Nicht zu vergessen sind aber auch die freien Mitarbeiter, mit denen ich seit vielen Jahren zusammenarbeite – alle ausgewiesene Fachleute in ihrem Metier und alle ebenso
marathonverrückt wie wir in der Agentur. Wir verstehen uns als Dienstleister für unsere Kunden, das sind die Marathonläufer, die Sponsoren und die Stadt Frankfurt. Auch das prägt unsere Arbeit und Herangehensweise."

Mit dem Jahr 2009 ist die Stadt Frankfurt nicht mehr Veranstalter des Marathons. Dies hat nun Ihre Agentur übernommen. Was waren die Beweggründe und was ändert sich durch diese Entscheidung?

Jo Schindler: "Das ist richtig. Beweggrund bei der Stadt war, dass das Sportamt für sich andere Aufgaben als wichtiger definiert hat, als die Organisation einer Marathonveranstaltung. Deshalb gab es in Frankfurt seit 1987 immer das Doppel: Stadt als Veranstalter – Agentur als Organisator. Nun hat sich bei den Entscheidungsträgern die Auffassung durchgesetzt, dass die Agentur auch die Veranstalterrolle und damit letztlich die Gesamtverantwortung übernehmen soll. Ich bin der Stadt Frankfurt sehr dankbar, dass sie dieses Vertrauen in meine Agentur setzt. Selbstverständlich werden wir auch künftig eng mit den städtischen Ämtern, insbesondere dem Sportamt, zusammenarbeiten und von dort auch weiterhin Hilfe und Unterstützung bekommen, denn die Qualität des Marathons kommt auch durch die starke Unterstützung der Stadt Frankfurt, insbesondere des Sportamtes."

Ihr Rennen hat sich parallel auch im Spitzensport stark entwickelt.

Jo Schindler: "Wie gesagt, wir betrachten den Spitzensport als ein unverzichtbares Element einer Marathonveranstaltung in der Business- und Sportstadt Frankfurt. Mit dem Thema Spitzensport erreichen wir Medien und Sponsoren. Bei der Athletenverpflichtung vertraue ich auf das Geschick von Christoph Kopp. Wir kennen uns seit über zehn Jahren und haben 1999 in Regensburg das erste Mal zusammen gearbeitet. Damals haben wir uns über Siegzeiten von 2:18 Stunden gefreut – wohlgemerkt, bei den Männern! Heute sind wir in Frankfurt bei Weltklassezeiten von 2:07 Stunden und steigern uns fast von Jahr zu Jahr. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg und haben Frankfurt als IAAF Gold Label Race etabliert. Um mit den sportlichen Erfolgen maximale Publicity zu erreichen, haben wir auch viel in die Pressearbeit investiert und unseren Media-Service erweitert. Wir haben ein Team von nationalen und internationalen Journalisten sowie Fotografen im Einsatz. Die internationale Pressearbeit ist auch deswegen sehr wichtig, weil ich weiteres Wachstumspotenzial vor allem im Ausland sehe. In Deutschland kennt mittlerweile jeder Läufer den Commerzbank Frankfurt Marathon, im Ausland aber nicht. Frankfurt ist zentraler Flughafen in Europa und weltweit problemlos zu erreichen, beste Voraussetzung also, um mehr Marathonläufer aus dem Ausland für den Frankfurt-Marathon zu begeistern. Auch hier geht es voran, so dass 2008 bereits 71 Nationen am Start waren."