Berlin-Marathon 2008

Irina Mikitenko: „Die 2:20-Barriere war ein Traum“

Das große Interview mit Irina Mikitenko, der viertschnellsten Marathonläuferin aller Zeiten.

Irina Mikitenko beim Berlin-Marathon

Irina Mikitenko beim Zieleinlauf in Berlin.

Irina Mikitenko hat beim real,- Berlin-Marathon als erste deutsche Frau die 2:20-Stunden-Barriere durchbrochen. Neben einem deutschen Rekord war dies auch ein Altersklassen-Weltrekord für die über 35-Jährige: Hier hielt bisher Lyudmila Petrova (Russland) die Bestmarke mit 2:21:29, die sie 2006 in London gelaufen war. Irina Mikitenko (TV Wattenscheid) ist nun im Alter von 36 die viertschnellste Marathonläuferin aller Zeiten und hat die siebtschnellste Zeit aller Zeiten erreicht. Die Mutter zweier Kinder gab nach dem Rennen in Berlin das folgende Interview:


Wir fühlt man sich als viertschnellste Frau aller Zeiten?

Irina Mikitenko: „Sehr gut – das ist einfach der Wahnsinn. Ich hätte das nie geglaubt. Ich habe mir schon eine Zeit um die 2:21 Stunden zugetraut, aber unter 2:20 zu laufen, stand nicht heute eigentlich nicht auf dem Plan. Es ist mein Traum gewesen, einmal den Marathon unter 2:20 zu laufen.“

Hat Ihr Mann und Trainer, Alexander Mikitenko, Sie wieder versucht zu bremsen wie in London und Berlin im vergangenen Jahr?

Irina Mikitenko: „Ja, das hat er. Der Plan war, dass er bis Kilometer 30 der Chef ist und ich danach selbst entscheiden kann wie ich renne. Aber bei Kilometer 35 hat er immer noch gesagt, ich laufe zu schnell. Da hab ich dann gedacht, das geht doch nicht und habe ihm klar gemacht, dass ich jetzt so laufe wie ich es denke. Schließlich habe ich bei den vergangenen zwei Marathonläufen [in Berlin 2007 und in London 2008] schon einiges an Erfahrung gesammelt und kann meinen Körper ganz gut einschätzen.“

Wer hat denn zu Hause das Sagen, Sie oder Ihr Mann?

Irina Mikitenko: „Na ich. Das ist doch meistens so, dass die Frauen zu Hause Chef sind. Im Training aber sollte immer der Trainer das Sagen haben.“

Wann war Ihnen im Rennen klar, dass Sie gewinnen könnten?

Irina Mikitenko: „In der ersten Hälfte bin ich nach Plan gelaufen und habe mein eigenes Rennen gemacht. Die anderen Frauen sind ja ziemlich schnell losgelaufen. Nach der Hälfte, als ich dann eine nach der anderen überholt habe, wusste ich, dass ich auch gewinnen könnte. Von da an habe ich dann auch die Zeit im Auge gehabt. Aber im Ziel konnte ich es trotzdem nicht fassen.“

Empfanden Sie, wie andere Läufer auch, die Bedingungen in Berlin optimal?

Irina Mikitenko: „Die Bedingungen waren perfekt. Das Wetter war sehr gut und der Wind nicht so stark. Am meisten muss ich mich aber bei meinen Pacemakern und den Zuschauern an der Strecke bedanken. Meine Pacemaker haben mir bis zum Schluss geholfen und die Zuschauer waren einfach spitze. Ich bin nicht einen Meter gerannt, ohne meinen Namen und Beifall zu hören. Das war schon Wahnsinn. Ich habe noch nie so viele Menschen bei einem Marathon gesehen. Alles zusammen hat mich das so angetrieben, dass diese tolle Zeit herausgekommen ist.“

Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Irina Mikitenko: „Zunächst muss ich mich erst einmal erholen. Dann werde ich aufgrund der Situation in der World Marathon Majors-Serie nach New York fliegen. Allerdings werde ich dort nicht laufen. Eine Leistung wie in Berlin kann man nicht alle fünf Wochen zeigen. In New York zu laufen und dann keine Leistung zu bringen, das ist nicht mein Ding. Wenn ich zukünftig starte, dann möchte ich in dem Bereich laufen können wie am Sonntag in Berlin. Fünf Wochen sind einfach eine viel zu kurze Regenerationszeit, zumal ich auch im nächsten Jahr noch gute Wettkämpfe laufen möchte. Geld ist nicht alles, ich war in diesem Jahr schon sehr erfolgreich, bin zufrieden und habe ja auch einiges verdient.“

Sie können es sich in New York also auf der Ehrentribüne gemütlich machen und dann vielleicht am Ende eine höhere Prämie verdienen als alle anderen Läufer dort. Schauen Sie auf die World Marathon Majors-Wertung, in der sich der beste Mann und die beste Frau eine Million US-Dollar teilen?

Irina Mikitenko: „Wie gesagt, Geld ist nicht alles. Ich laufe vor allem, weil es mir Spaß macht und ich würde auch nicht meine Gesundheit wegen des Geldes aufs Spiel setzen – deswegen starte ich auch nicht in New York. Aber ich schaue jetzt natürlich auf die WMM-Serie, denn ich habe ja immer noch eine Chance zu siegen. Es hängt alles von drei anderen ab – Gete Wami, Catherine Ndereba und Chunxiu Zhou. Es wäre natürlich toll, diese riesige Prämie zu gewinnen. Man hat ja als Sportler auch keine endlos lange Karriere. Aber wenn es jetzt nicht klappt, habe ich ja im nächsten Jahr auch noch eine Chance, denn in der Serie 2008-2009 liege ich inzwischen in Führung.“

Ihre Familie ist sicher stolz auf Sie?

„Oh ja. Mein Mann sowieso. Auch meine beiden Kinder sind stolz auf mich – sie machen aber auch mich stolz. Nachdem ich in London gewonnen hatte, haben sie bei meiner Heimkehr ein großes Plakat mit Luftballons am Haus aufgehängt, auf dem stand: Mama, wir sind stolz auf Dich. Das macht einen als Mutter auch stolz!“

Schauen sich die Kinder denn Ihre Rennen im Fernsehen an?

„Meistens ja. Es hängt ein bisschen von den Uhrzeiten ab. Mein Großer [Alexander, 14 Jahre] schaut eigentlich immer am Fernseher zu. Vanessa [3 Jahre] ist noch etwas zu klein für das ganze Rennen. Aber sie bekommt natürlich auch alles mit. Vielleicht schaffen wir es irgendwann einmal, beide zu einem Rennen mitzunehmen.“

Gibt es bei Ihnen zu Hause eine Wand oder ein Regal mit Erinnerungen an Ihre Erfolge?

Irina Mikitenko: „Ja, wir schon vor einiger Zeit angefangen alles zu sammeln. Von jedem Rennen habe ich Souvenirs, Startnummern, Trikots und andere Dinge aufgehoben. Man lebt schließlich nur einmal und Erfolge schaut man sich auch im Rückblick gerne noch einmal an. Aus London habe ich beispielsweise mein Zielfoto. Es ist schön, Freunden etwas zeigen zu können und das ist auch für mich selbst motivierend.“

Inwieweit hat sich seit den Erfolgen Ihre Einstellung vor einem Rennen verändert?

„Die Erwartungen, die ich an mich selbst stelle und die von Außenstehenden kommen, sind größer geworden. Der Druck ist aber nicht viel größer geworden. Ich möchte immer gut laufen von daher entscheide ich mich nur für ein Rennen, wenn ich stark genug bin und davon überzeugt, vorne mit dabei zu sein. Meine Vorbereitung hat sich im Gegensatz zu früher auch verändert. Ich habe viel lernen müssen bei den Vorbereitungen für die ersten beiden Marathonrennen. Früher habe ich viel weniger Umfänge trainiert. Heute kommen schon mal 200 km pro Woche zusammen. Aber ich kann mich auch in dieser Hinsicht noch steigern in der Zukunft.“

Sie haben sich in diesem Jahr einige Träume erfüllt – was kann da im Jahr 2009 noch kommen?

„Das Jahr 2008 war wirklich toll. Erst siegte ich in London und dann in Berlin, wo ich im letzten Jahr erst meine Marathon-Karriere begonnen hatte. Eigentlich hatte ich mir für dieses Jahr in Berlin ,nur’ den Sieg vorgenommen. Dass es dann eine so schnelle Zeit wurde, kann ich irgendwie immer noch nicht glauben. Im nächsten Jahr ist die WM in Berlin mein großes Ziel. Es wäre klasse, wenn ich den Erfolg vom real,- Berlin-Marathon bei der WM wiederholen könnte. Beim Flora London-Marathon möchte ich natürlich im nächsten April meinen Titel verteidigen und vielleicht schaffe ich es dann auch noch, etwas von der Stadt zu sehen.“

Text: race-news-service.com/Marisa Reich
Foto: photorun.net

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