Berlin-Marathon

Geoffrey Mutai: „Vieles lief schief“

Im Interview spricht Berlin-Marathon-Sieger Mutai über Berlin, seine nächsten Ziele und auch über Doping.

Geoffrey Mutai:

Bild: Norbert Wilhelmi

Wenn der schnellste Marathonläufer der Welt auf der schnellsten Strecke der Welt läuft, ist die Zielsetzung klar: Weltrekord. Aber Geoffrey Mutai, der 31-jährige Kenianer, der im Vorjahr die Streckenrekorde in Boston und New York pulverisiert hatte, verpasste am letzten September-Sonntag in Berlin den Weltrekord um 37 Sekunden. Im Interview mit Jürg Wirz, in Kenia lebender Mitarbeiter des RUNNER’S WORLD-Magazins, spricht Mutai über Berlin, seine nächsten Ziele und auch über Doping.

Jürg Wirz: Mit 2:04:15 Stunden setzten Sie sich in Berlin auf Platz vier in der „ewigen“ Weltbestenliste hinter Patrick Makau, Wilson Kipsang und Haile Gebrselassie, aber sie verpassten Makaus Weltrekord um mehr als eine halbe Minute. Seien wir ehrlich: Sie wollten mehr.

Geoffrey Mutai:
Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde, ich war vollkommen zufrieden. Ich wollte den Weltrekord und das ist mir nicht gelungen, also bin ich enttäuscht. Aber wenn ich an all die Probleme denke, die ich vor und während des Marathons hatte, dann kann ich mich wirklich nicht beklagen. Ich habe in Berlin die Bestätigung erhalten, dass ich unter 2:03 Stunden laufen kann – wenn alles stimmt.

Probleme vor und während des Marathons – was genau meinen Sie damit?

Geoffrey Mutai:
Nun, ich hab das bis jetzt keinem gesagt: Einen Monat vor Berlin zog ich mir am linken Bein eine Hamstring-Verletzung zu, die mich beim Schnelligkeitstraining behinderte; in den letzten Wochen konnte ich nicht optimal trainieren. Wir hatten in Kapngetuny, wo ich mein Trainingscamp habe, sehr viel Regen, die Wege waren zeitweise fast unpassierbar. Da rutscht man schnell einmal aus. Im Marathon kam dann das Problem mit der Uhr, die ständig 2:50 Minuten anzeigte. Ich realisierte erst beim Halbmarathon, dass wir nicht im Fahrplan waren. Da sah ich die Zeit von 62:12. Ich wollte eigentlich bei 61:40 durch sein.

Wollen Sie damit sagen, dass Sie als erfahrener Läufer nicht merken, ob Sie in 2:50 oder beinahe 3 Minuten pro Kilometer unterwegs sind?

Geoffrey Mutai:
Ich fand es merkwürdig, aber ich dachte keinen Moment daran, dass die Uhr blockiert sein könnte. Wir liefen auf der ersten Hälfte ziemlich unregelmässig, fast wie bei einem Fahrtspiel. Da verliert auch der routinierteste Läufer das Gefühl für das exakte Tempo. Du folgst den Tempomachern und läufst, ohne viel zu denken und versuchst, möglichst wenig Energie zu verschwenden. Aber eines ist klar: Nächstes Mal werde ich auf meine eigene Uhr schauen.

Ihr Tempo war aber auch auf der zweiten Hälfte alles andere als gleichmäßig. Den Abschnitt zwischen 30 und 35 Kilometer liefen Sie in 14:18 Minuten mit zwei Kilometern von 2:43 und 2:48. Am Schluss schien der Ofen dann aus. Für die letzten 2,2 Kilometer brauchten Sie 6:53 Minuten – 3:07,7 pro Kilometer...

Geoffrey Mutai:
Im Nachhinein ist man immer schlauer. Vielleicht hätte ich zwischen 30 und 35 tatsächlich nicht so forcieren sollen, aber ich fühlte mich zu diesem Zeitpunkt sehr gut und wusste, dass ich Zeit gutmachen musste. Ich hatte danach auch ein Problem mit dem Magen, aber dass ich am Schluss ziemlich einbrach, lag wohl eher daran, dass ich bei Kilometer 39 oder 40 das letzte Getränk verpasste. Danach hatte ich überhaupt keine Kraft mehr und die Beine schmerzten fürchterlich.

Viele Beobachter wunderten sich, warum es zwischen Ihnen und Ihrem Trainingspartner Dennis Kimetto nicht einmal im Entferntesten zu einem Kampf um den Sieg kam. Ehrlich gesagt: Konnte oder durfte Kimetto nicht?

Geoffrey Mutai:
Wie gesagt, ich war völlig am Ende und versuchte nur noch, irgendwie ins Ziel zu kommen. Kimetto hatte ebenfalls große Mühe. Er konnte ja überhaupt keine Führungsarbeit verrichten und war gottenfroh, dass er mich nicht ziehen lassen musste. Es war ja sein erster Marathon. Er ist ein Läufer, der auch im Training nie spurten kann; das ist seine Schwäche. Es ist absurd zu glauben, dass es so etwas wie eine Stallorder gab und Kimetto mir den Sieg überließ, weil es für mich auch um die 500 000 Dollar für die Marathon Majors-Serie ging. Wer hätte denn gedacht, dass wir am Schluss zusammen sein würden? Das einzige Mal, dass ich etwas zu ihm sagte, war nach Kilometer 30. Da rief ich ihm zu: „Ich gehe jetzt, versuche mir zu folgen.“

Nun gut, wechseln wir das Thema. Was kommt jetzt als Nächstes? Wieder Crossläufe wie im letzten Jahr, als Sie zum Beispiel an den kenianischen Meisterschaften die Konkurrenz in Grund und Boden liefen und mit einem Vorsprung von 44 Sekunden gewannen?

Geoffrey Mutai:
Zuerst ist nun Erholung angesagt. Einen Monat lang gehe ich nur am Morgen ein wenig joggen. Dafür habe ich mehr Zeit für meine Frau und unsere zwei kleinen Mädchen. Ja und dann mache ich bestimmt wieder einige Crossläufe. Ich liebe Wettkämpfe. Ich wäre auch sehr gerne an den Olympischen Spielen dabei gewesen. Ich war sehr enttäuscht, dass ich nicht berücksichtigt wurde, nach allem, was ich letztes Jahr abgeliefert hatte. Ich meine, dass ich in Boston aufgab, hatte ja nicht mit meiner Form zu tun, sondern nur mit der grossen Hitze. Ich wäre für London bereit gewesen, aber das ist abgehakt. Trotzdem betrachte ich es nach wie vor als Ehre, mein Land vertreten zu können. Wenn sie mich brauchen, bin ich bereit.

Gut möglich, dass man Sie im nächsten August an den Weltmeisterschaften in Moskau brauchen wird...

Geoffrey Mutai:
Na ja. Um ehrlich zu sein: Ich denke eher nicht, dass ich in Moskau dabei sein werde. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste und habe nicht mehr viele Möglichkeiten, den Weltrekord zu holen. Die Chance, dass ich im September wieder in Berlin laufe, ist um einiges grösser... Und im Frühling London oder Boston. In London war ich noch nie. Das würde mich reizen, obwohl dort das Feld immer so stark ist, dass es trotz der ultraschnellen Strecke fast nie um den Rekord geht, sondern nur um den Sieg. Kein Topläufer will ja einen anderen zum Weltrekord führen.

Kommen wir zum Schluss noch auf ein eher unangenehmes Thema zu sprechen: Doping. In diesem Jahr gab es in Kenia fünf Dopingfälle, darunter auch Mathew Kisorio, der als enger Freund von Ihnen gilt.

Geoffrey Mutai:
Was heißt enger Freund? Wir gehen manchmal zusammen an einen Wettkampf, das ist alles. Ich war schockiert, als ich davon hörte. Ich kann nur für mich sprechen: Eine Leistung, die nicht auf ehrliche Weise zustande kommt, wäre für mich völlig wertlos. Ich habe mir meine Stellung über all die Jahre sehr hart erarbeitet. Das einzige, was ich als Supplement zu mir nehme, sind Sportgetränke. Es ist tragisch, dass die Leistungen von 99 Prozent der Kenianer wegen ein paar Idioten, die selbst nicht einmal wissen, was erlaubt ist und was nicht, nun in Zweifel gezogen werden.