Sushi bei Kilometer 35

Einblicke in die japanische Marathonkultur

RUNNER'S WORLD Redakteur Urs Weber lernte Marathon auf Japanisch kennen beim Osaka-Marathon 2012. Nicht nur die Verpflegung mit Sushi war dabei fremd.

Urs Osaka-Marathon 2012

Bei diesem bunten Marathon waren so einige skurrile Verkleidungen dabei.

Bild: Urs Weber

Marathon ist angesagt in Japan. Zwar gab es schon immer hochrangige Events auf Elitelevel, aber es hat lange gedauert, bis sich die großen japanischen Metropolen für die Masse der Marathonläufer geöffnet haben. In der Hauptstadt Tokio brauchte es zahlreiche Anläufe, bis es schließlich 2007 gelang, den ersten Tokio-Marathon zu organisieren. Heute zählt er zu den großen internationalen Veranstaltungen. Und er ist der beliebteste, noch vor New York – jedenfalls wenn man die Nachfrage nach Startplätzen betrachtet, die für Tokio höher ist als für den New-York-Marathon. Dabei sind die japanischen Marathonevents vergleichsweise stärker durch den lokalen Charakter geprägt.

Das ist auch beim Osaka-Marathon so, der am 25. November erst zum zweiten Mal stattfand – und gleich mit über 35.000 Startern zum zweitgrößten Marathon Japans aufstieg. Übrigens fanden am gleichen Wochenende drei weitere größere Marathonveranstaltungen in Japan statt, einer unter anderem im Gebiet um den Mount Fuji. In einem Land mit über 125 Millionen Einwohnern hat das keine Auswirkungen auf die Größe der einzelnen Teilnehmerfelder. Auch in Osaka war nichts zu spüren von der Konkurrenz. In der Region leben schließlich sieben Millionen Menschen. Allein über zwei Millionen davon im Stadtgebiet, das über das öffentliche Nahverkehrssystem bestens vernetzt ist.

Osaka-Marathon 2012

Die Region Osaka steht allerdings im Schatten Tokios und leidet derzeit wohl sogar noch stärker unter der Wirtschaftskrise im Asienstaat. Etwa 400 km südlich der Hauptstadt gelegen, war Osaka einst Handelsmetropole. Die strategisch günstige Lage mit dem riesigen Hafengebiet, in dem auch das Ziel des Marathons ist, hat heute an Bedeutung eingebüßt. Bei der Anreise mit dem Flugzeug verdächtigt man als unbedarfter Flugpassagier den Piloten des Versuchs einer Wasserlandung: Der Flughafen wurde mit Millionen Tonnen Sand auf einer künstlichen Insel im Meer angelegt, an Land war kein Platz mehr.

Wenig Platz ist auch in der Stadt für die Läufer. Während des Marathons ist es – außer man startet ganz vorne im Startblock – so eng, dass auf weiten Strecken an Überholen kaum zu denken ist. Aber rund um den Marathon wird die Menge aufgefangen durch eine perfekte Organisation; obwohl, nein, das ist untertrieben. Man könnte meinen, der Marathon würde nur ausgetragen, damit die Stadt zeigen kann, wie so eine Massenveranstaltung organisiert wird; oder auch um zu zeigen, wie viele freiwillige Helfer für den Lauf organisiert werden können. Für den Gemeinschaftssinn sind übrigens die Menschen in Osaka mehr bekannt als in Tokio.

Die freundlichen Helfer standen teilweise fast Spalier. An den Verpflegungsstationen stehen meist doppelt so viele Helfer, wie man das von Läufen in Europa in dieser Größenordnung kennt. Das ist beeindruckend. Noch mehr beeindruckt, war ich jedoch schon bei der Startaufstellung am Osaka-Castle von der bunt schillernden, ja teils geradezu verrückten Läuferschar. Da lerne ich einen 70-Jährigen kennen, der seinen ersten Marathon läuft. Und noch nie habe ich bei einem Marathon so viele Verkleidungen gesehen – und so schräge. Ein kleiner Auszug: Da sind Hoppelhasen mit langen Ohren am Start, in rosa, braun oder schwarz, zahlreiche Superman und Superwoman, dann so ziemlich alle exotischen Lebewesen aus dem Tierreich, vom Tiger über lustige Löwen in unterschiedlichsten Versionen bis hin zu Fischen und Vögeln. Und neben Teufeln und Engeln sind natürlich auch zahlreiche Disney-Figuren und Manga-Charaktere am Start, die in Japan begeistert angefeuert werden. Genauso wie die Läufer in traditionellen Verkleidungen, ob Geisha, Samurai, Karatekämpfer oder Judoka – ja einer lief doch tatsächlich die Marathonstrecke in Getas: Das sind Holzschuhe, bei denen der Fuß auf einem Holzbrett ruht; unter dem Brett ist auf Höhe des Mittelfußes ein senkrechter Holzsteg angebracht, auf dem man balanciert. Früher diente das einmal dazu, dass der Fuß vom Unrat und Schmutz der Straße ferngehalten wurde. Schon das Gehen ist kippelig – und das Laufen gleicht einer Geschicklichkeitsübung; für das Marathonlaufen sind diese Holzbretter so gut geeignet wie japanische Essstäbchen für Harakiri.

Urs Osaka-Marathon 2012

Bild: Urs Weber

Das gibt es auch nicht alle Tage, Sushi als Energielieferant auf der Strecke.

Das bunte Feld der Paradiesvögel zeigt: Marathon ist populär in Japan. Und auch die dicht gereihten Zuschauerspaliere entlang der Strecke beweisen das. Akustisch kommt dies freilich nur stellenweise rüber, die japanische Begeisterung äußert sich eher dezent – und auf angenehme Weise anerkennend. So sorgen neben den bunten Läufern die meist eher grau gekleideten Zuschauer beim Marathon für die größte Abwechslung. Die meisten Stadtteile, durch die die Strecke führt, gleichen sich wie ein Hochhaus dem anderen; Grünflächen haben da keinen Platz. Wenngleich einige Kilometer auf dem Mido-suji-Boulevard unter den herbstlich gelb gefärbten Blättern der Gingko-Bäume verlaufen, die die Novembersonne in ein strahlend goldenes Licht taucht.

Auf den ersten acht Kilometern führt die Strecke auf einer Wendepunktstrecke durchs Zentrum, nach gut acht Kilometern biegen dann die Fitnessläufer vom Challenge Run ins Ziel ab. Dies liegt hier beim alten Rathaus direkt im Zentrum Osakas. Eine Altstadt gibt es allerdings nicht, alte Holzgebäude wurden Opfer von Abrissbirnen oder Feuer, und Beton brennt nicht. Das zeigt sich auch am imposanten Osaka-Castle, einer mittelalterlichen Tempelanlage aus dem 17. Jahrhundert, die mehrfach abbrannte, 1931 nach alten Vorlagen – diesmal aus Stein und Beton - wieder errichtet wurde und heute die Hauptattraktion der Region ist.

Der Marathonkurs lässt kaum eine der baulichen Sehenswürdigkeiten aus, deren Wahrnehmung man unterwegs schon mal verpasst (ohne dabei wirklich etwas zu verpassen). Die Stadt ist schachbrettartig angelegt, und so geht es nach einer 90-Grad-Kurve immer wieder geradeaus auf glattem, sehr gut laufbarem Asphalt. An mehreren Stellen werden mehrstöckige Brücken unterquert, bis zu fünf Ebenen hoch gebaut. Und obendrein fährt die U-Bahn noch untendrunter. Alle zweieinhalb Kilometer sind die reich bestückten Getränkestationen aufgebaut. Ab Halbmarathon kommen noch Bananen, Kekse und schließlich sogar typisch japanische Spezialitäten dazu: Bei Kilometer 35 gibt es Reisbällchen und Sushi-Röllchen.

Der Osaka-Marathon ist im besten Sinne kurzweilig; auch wenn An- und Abreise aus Europa mit langen Wegen verbunden ist. Der November ist an sich eine gute Reisezeit mit wenig Niederschlag. Zwar war die Premiere 2011 verregnet, beim zweiten Osaka-Marathon herrschte jedoch Bilderbuchwetter für Japantouristen mit angenehmen Lauftemperaturen. Wer als Läufer eine Japanreise plant und das touristisch attraktivere Tokio schon kennt, lernt beim Osaka-Marathon die japanische Kultur, die Menschen und die urbane Lebenswelt in konzentrierter und absolut authentischer Reinform kennen.

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