Läufer-Gottesdienst

Die Predigt vom Berlin-Marathon 2008

"Gott gab Leben, also atmen wir, singen, reden, laufen wir." Besinnliches von Läufer-Pfarrer Klaus Feierabend.

In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche findet am Abend vor dem Berlin-Marathon traditionell ein Läufer-Gottesdienst statt. Die Predigt von Pfarrer Klaus Feierabend, der selbst viele Mal Marathon gelaufen ist, hat stets einen Bezug zum Laufen.
Nachfolgend dokumentieren wir zum Weihnachtsfest den Text seiner diesjährigen Predigt:

Guten Abend, Ihr meine lieben altbekannten und auch Ihr, meine vielleicht neuen Freunde!

Ich erinnere mich an meinen ersten Marathon. Der war vor 28 Jahren, noch auf der Strecke im Grunewald, ein letztes Mal vor der Entdeckung des Stadtkurses. Die Einsamkeit des Läufers war noch erlebbar, einige Stunden nach dem Start jedenfalls. Lag das daran, dass ich so schnell gewesen bin, oder hing ich hinten dran? Ich verrate es euch nicht, bin ja kein Angeber. Aber vielleicht doch dieser kleine Hinweis: Ich war ziemlich hinten dran, aber unter denen da hinten weit vorne. Ich sah nur noch Bäume dort am Kronprinzessinnenweg neben der Avus, oder war’s schon der Königsweg, und das nahe Mommsenstadion im inneren Sehnsuchtsblick? Wo waren die vielen anderen, nun vermisste ich sie doch ein bisschen, wenn auch nicht gerade den, der eine geschlagene Stunde hindurch seitlich hinter mir mit seinem überlauten Platsch-Platsch-Latschenschritt meine Nerven strapaziert hatte, weder überholte er mich, noch blieb er zurück. War das vielleicht mein eigenes Geräusch gewesen, dem ich nicht entkommen konnte? Hier jedenfalls, wo die Bäume anfingen, sich zu bewegen und Gesichter zu machen, wurde alles möglich und denkbar.

Am Vorabend des Rennens wurden die Läufer des Berlin-Marathons mit eindringlichen Worten gestärkt.

Bild: photorun.net

Da vorne hielt ja jemand an und schaute zurück, wartete auf mich. Offenbar suchte er einen laufenden Mitmenschen, weit und breit kein anderer als eben ich. Das waren noch Zeiten. Johannes hieß er, ein junger Doktor der Medizin. Wir sahen uns in den folgenden Jahren noch öfter, dann aber nur noch vor dem Start. Heute liefen wir gemeinsam die letzte halbe Stunde, für uns war sie 40 Minuten lang. Wir redeten ein bisschen über uns, erzählten uns einiges. Als ich ein kleines Päuschen machen wollte, ließ er das nicht zu: „Wie willst du das deiner Gemeinde erklären, die du doch laufend grüßen wolltest und nicht als sterbender Schwan!“ Genau als der erschien ich meiner allerliebsten und sorgenbeladenen Frau F., als wir im Stadion nebeneinander ins Ziel gelaufen und anschließend auf den Rasen gesunken waren. Von diesem Moment gibt’s ein Foto, denn außer der Großmutter meiner künftigen sechs Enkelkinder war noch jemand aus der Spandauer Nathan-Söderblom-Gemeinde dabei. ,Klick’ machte es, und so kann ich bis heute immer wieder nacherleben, was meine Frau F. vor sich hin geflüstert hatte, mit dem Gesichtsausdruck einer Diakonie-Praktikantin am ersten Tag im Altersheim auf der Intensivstation: „Mein Gott, mein Held stirbt und keiner schaut hin!“

Einige von euch, liebe Freunde, wissen, dass ich vor Jahren schon mal den kleinen Aufruhr erwähnt hatte, den mein erster Marathon im monatlichen Pfarrkonvent der Spandauer Kollegen auslöste: „Der lässt seine Gottesdienstgemeinde im Stich und treibt am Heiligen Sonntag Allotria!“ Im Stich!? Erstens war das sogar objektiv falsch, denn in jenen Jahren fand der Berlin-Marathon am offiziellen kirchlichen Erntedanktag statt, wenn ich mit meiner Gemeinde sowieso erst nachmittags den Gottesdienst feierte. Ich musste also nach dem Lauf sofort zurück nach Spandau, wo meine Gemeinde schon geduldig auf mich wartete. Ohne Duschen umziehen, Talar drüber und rauf auf die sakrale Ebene, lendenlahm aber immerhin mit vorbereiteter Predigt. Und zweitens war ich stolz auf meine vertrauten Christenmenschen, die ihren Gottesdienst auch alleine feiern konnten, wenn ich mal nicht da war. Die Klage der meist alten Kollegen, ein Gottesdienst ohne Pfarrer sei nicht möglich oder nicht erlaubt, fand ich völlig unevangelisch.

Im Pfarrkonvent musste ich meine Langlaufmarotte verteidigen und befand, dass die dickbäuchige Bewegungsarmut mancher Pfarrer auch kein Erweis des Heiligen Geistes sei. Andererseits, was ein richtiger Pfarrer ist, der fühlt sich immer im Dienst, selbst noch auf dem Lokus. Was machen wir, wenn wir uns angeblich außerhalb dienstlicher Pflichten befinden? Nun, einige machen, wie schon gesagt, dass sie unmäßig dick werden, andere machen ihren Ehefrauen Beine und lassen sich nur noch bedienen, einige trinken zu viel und rauchen wie die Hölle, andere machen Politik oder machen Bücher, wieder welche machen, was das Zeug hält, Bildungsreisen oder machen Karriere, machen in Archäologie oder Briefmarken oder Hundezucht. Etliche machen ihren süchtigen Ohne-Pause-Dauerdienst und sehr wenige, vielleicht zwei, laufen Marathon. Ich erfinde nichts, alles ist Wirklichkeit. Alle aber tun wir das Unsrige als einen Dienst am Herrn. Nicht alles ist gleichermaßen gesund. Als jemand auch noch den Verdacht äußerte, der Feierabend treibe seinen Unsinn nur deshalb, weil ihm seine Gemeinde abhanden gekommen sei, gab ich ihm recht mit folgendem Limmerick:

’Nem älteren Pastor, verfangen in Nöten,
dem waren die Christen gegangen längst flöten.
Doch beim Waldlauf-Relaxing im grünen Tann
traf Verabredungen er zum Pray for Fun.
So gelang es ihm, die Gemeinde zu löten.

Aber wisst ihr: Alle haben ein bisschen recht, auch die extremen Kritiker. Niemand sollte in Selbstgerechtigkeit erstarren. Und wenn ich nicht immer wieder mal Zuspruch bekäme aus der Erinnerung einzelner an damalige Zeiten, ich würde meine lange Gemeindepfarrer-Existenz nachträglich als ziemlich misslungen betrachten. Aber dass es solche mutmachenden Einwürfe von anderer Seite gibt, zuweilen auch durch nicht beteiligt gewesene, das ist mein Glück, welches ich bewusst empfinde, je älter ich werde.

Jetzt was geheimnisvoll Poetisches. Es führt zugleich in den Mittelpunkt des christlichen Glaubens, dorthin, wo klar wird, dass wir uns daran gewöhnen müssen, zeitlebens mehr Fragen zu haben, als Antworten zu bekommen. Hört mal gelassen zu, ohne euch mit vorschnellen Antworten den Weg zu verstellen:

Der 29. September ist traditionell dem Gedenken an den Erzengel Michael gewidmet, von dem es heißt, dass er mit seinen Scharen den Drachen besiegte, die Schlange, den Satan, der aus dem Himmel hinausgeworfen wurde auf die Erde, seitdem haben wir den Salat. Nun gibt es über Engel vieles zu sagen, und noch mehr, als zu sagen wäre, wird über sie geschrieben, eine neue Literaturgattung geradezu.

Was machen die Engel? Die Engel loben Gott! Aber Achtung, keineswegs darfst du dir das als endlosen Gesang vorstellen, in den dann alle Seligen einstimmen alle Zeit, also auch wir, wenn es soweit ist. Ich singe gerne, und meiner Frau F. singe ich fast täglich auf meiner kleinen Bank an ihrem Grabstein die Lieder, die ich von ihr habe, so bleiben wir einander nahe. Aber endlos singen, über die Jahrhunderte und Jahrmillionen hinweg!? Auch wenn der berühmte evangelische Theologe Karl Barth uns verriet, dass die Engel im Himmel Bach singen und ihrer Freizeit Mozart, wie wär’s mal mit einer Schweigeminute im Himmelssaal für ein paar hundert Jahre?

Was bedeutet überhaupt das Singen? Lobgesänge sind es. Singen ist Loben. Aber nun: Solches Loben dürfen wir uns nicht zu eindimensional vorstellen: Wer es nötig hat, andauernd und ohne Ende gelobt zu werden, ist reif für den Psychiater. Das könnte durchaus mir blühen, süchtig nach Anerkennung zu sein, das wäre ,allzu menschlich’, nämlich gottesfern. Die Engel auf dem Felde in der Weihnacht sagen uns etwas anderes: „Sie lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und also Friede auf Erden!“

Loben heißt demnach, dass wir uns seiner Schöpfung bedienen, nicht wie Vielfraße, sondern dankbar, indem wir ihr dienen und sie lieben als Gottes Lebensgeschenk uns zugute.

In einer Zeitschrift, die sich christlich dünkt, fand ich den Satz: „Man kann nicht für Gott entflammt sein und sich gleichzeitig für alle anderen Dinge, die um uns herum geschehen, begeistern. Wenn wir Seelengewinner sein wollen, haben wir unser Interesse auf das zu beschränken, was am wichtigsten ist.“

Ich antworte: Man kann nicht für Gott entflammt sein und gleichzeitig für alle anderen Dinge um uns herum Gleichgültigkeit zeigen.

Einem Pfarrer, der in seiner Beerdigungspredigt, die ich mithörte, ausschließlich über das Leben nach dem Tode sprach und nichts vom Leben hier und jetzt als sinnvoll, als erfüllte Zeit, als gottgeschenkte Freude gelten lassen konnte, wollte ich hinterher am liebsten sagen, wie sehr ich ihn bedauere, ihn mit seinem todtraurigen Glauben. Alle Menschen haben die Möglichkeit, dankbar zu sein für geschenkte Lebensgaben, für verliehene Begabungen, für alles, was sie können. Wir langlauffähigen Zeitgenossen denken dabei an laufbehinderte Mitmenschen und bewundern deren sportliche Leistungen oder künstlerischen Erfolge oder einfach ihre unbeirrbare Lebensfreude und ihr Einverständnis mit allen erlittenen Handicaps.

Lasst uns festhalten: Das Loben Gottes ist kein Stimmungskiller für gesangesmüde Irdische und Überirdische, sondern die natürliche Entsprechung der Schöpfertat: Gott gab Leben, also atmen wir, singen, reden, laufen wir. Aber das Schweigen und das Innehalten gehören zum großen Geschenk. Wir tun also das, wozu wir da sind. Insofern loben auch die Wasser, die Berge, die Bäume, die Tiere den Schöpfergott. Schwierige Gegenfrage: Und was ist mit den zerstörten Naturgewalten?! Ein großes Thema, nur kurz jetzt angeleuchtet: Die Naturkatastrophen sind die andere, die dunkle Seite der selben, einen Schöpfung, die immer das tut, was sie kann. Unser Lebensjubel steht mithin allemal auf der Kippe zur Trauerklage, beides liegt begründet in Gottes Schöpfertat. Lasst uns mal auf diese Melodie den Psalm 148 anhören:

„Halleluja! Lobet im Himmel den Herrn, lobet ihn in der Höhe!
Lobet ihn, alle seine Engel, lobet ihn, all sein Heer!
Lobet ihn, Sonne und Mond, lobet ihn, alle leuchtenden Sterne!
Lobet ihn, ihr Himmel aller Himmel und ihr Wasser über dem Himmel!
Die sollen loben den Namen des Herrn; denn er gebot, da wurden sie geschaffen. Er lässt sie bestehen für immer und ewig; er gab eine Ordnung, die dürfen sie nicht überschreiten.
Lobet den Herrn auf Erden, ihr großen Fische und alle Tiefen des Meeres, Feuer, Hagel, Schnee und Nebel, Sturmwinde, die sein Wort ausrichten. Ihr Berge und alle Hügel, fruchttragende Bäume und alle Zedern, ihr Tiere und alles Vieh, Gewürm und Vögel,
ihr Könige auf Erden und alle Völker, Fürsten und alle Richter auf Erden, Jünglinge und Jungfrauen, Alte mit den Jungen!
Die sollen loben den Namen des Herrn; denn sein Name allein ist hoch, seine Herrlichkeit reicht, so weit Himmel und Erde ist.
Er erhöht die Macht des Volkes. Alle seine Heiligen sollen loben, die Kinder Israel, das Volk, das ihm dient. Halleluja!“

Alle Menschen dieser Erde gehören zu seinem Volk. Ist das nicht großartig, und – wenn wir ehrlich sind – auch sehr selten, dass wir einem eigentlich ziemlich verschlossenen Bibeltext einmal so über die Schulter und in die Karten gucken können?! So wunderbar einfach entschlüsseln wir seinen Code.

Zum Schluss verrate ich euch mein jüngstes Geheimnis. Nach sechs Jahren Marathonabstinenz will ich im kommenden Jahr noch einmal dabei sein, falls das Training stimmt. Dann bin ich 75 Jahre alt. Wie der Weisheitsspruch sagt: Torheit schützt auch vor Alter nicht! Es bleibt aber ein Geheimnis unter uns wenigen, abgemacht?

„Aber Pfarrer, es gibt Gegner deines Plans, die ihn dir ausreden wollen!“ Nun, als Prediger und also Experte für Gerüchte weiß ich: Je weiter es gestreut ist, umso geheimer bleibt’s.

Ich erzähle euch mit unverhohlener Begeisterung von meinem ersten Marathon. Morgen hast DU deinen ersten Marathon! Möge er auch DIR zur seligen Erinnerung gedeihen!

Und ihr alle: Lauft mutig und heiter los, morgen früh und beendet den Kurs, wo auch immer, aber heiter und mutig!

AMEN



Bilder: photorun.net, Martin Grünung, Claus Dahms
Text: race-news-service.com

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