Kathrine Switzer

Die Marathon-Pionierin im Interview

Am Rande des Boston Marathons 2007 sprachen wir mit Kathrine Switzer, die 1967 hier Marathon-Geschichte schrieb.

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Kathrine Switzer ist auch heute noch eine begeisterte Läuferin.

Nach Boston zu kommen, bedeute für sie das gleiche, wie für die Moslems nach Mekka zu pilgern, sagt Kathrine Switzer. Wie jedes Jahr ist sie auch dieses Mal beim Boston-Marathon – als Kommentatorin für das US-Fernsehen. Zudem stellt sie ihr neues Buch „Marathon Woman“ vor. Runnersworld sprach mit Switzer, die am 19. April 1967 in Boston als erste Frau offiziell einen Marathon lief und so das Ausdauerlaufen revolutioniert hat.


Runner's World: Kathrine Switzer, woran denken Sie zuerst, wenn Sie auf Ihren Lauf vor 40 Jahren zurückblicken?

Kathrine Switzer: Dass es mir immer noch so vorkommt, als sei es gestern gewesen. Dieser Lauf hat mein Leben total verändert hat.

RW: Wie oft müssen Sie Ihre Geschichte jedes Jahr in Boston erzählen?

Kathrine Switzer: Ich zähle nicht, aber es ist sehr oft. Aber ich erzähle sie gerne, denn viele Leute haben davon gehört, viele dichten aber auch einfach etwas dazu, machen einen Mythos daraus. Ich hingegen möchte die Fakten erzählen. Aber ich bin ehrlich, ich habe sowohl eine lange, als auch eine kurze Version der Geschichte.

RW: Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie 1967 den Marathon gelaufen sind?

Kathrine Switzer: Ich wollte beweisen, dass Frauen, entgegen allen Behauptungen, Marathon laufen können. Mein Trainer Arnie Briggs ist 15 Mal in Boston gelaufen und ich habe ihn im Training überzeugt, dass ich es schaffen kann. Er war beeindruckt und hat mich angemeldet. Im Meldeformular stand K.V. Switzer, was Kathrine Virginia bedeutet. Das hatte aber niemand hinterfragt.

RW: Fiel niemandem auf, dass da eine Frau am Start stand?

Kathrine Switzer: Mein Trainer hatte die Startnummern geholt, mein Freund, Tom Miller, lief auch mit. Alle Läufer um uns herum haben beim Aufwärmen gemerkt, dass ich eine Frau bin, aber den Offiziellen ist nichts aufgefallen. Denn das Wetter war so, wie es wohl nie wieder sein wird. Es schneite und war bitter kalt. So trug ich eine Wollmütze und einen dicken Trainingsanzug. Hätte die Sonne geschienen, wäre die Sache schon am Start aufgeflogen.

RW: Wie weit konnten Sie letztlich unentdeckt laufen?

Kathrine Switzer: Nach zwei Meilen hat Renndirektor Jock Semple entdeckt, dass da eine Frau in seinem Rennen läuft. Die Geschichte wäre anders ausgegangen, wenn er ein freundlicher Mensch gewesen wäre. Aber Semple kochte vor Wut. Er sprang vom Begleitbus, beschimpfte mich und wollte mir die Startnummer abnehmen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte, hatte Angst. Zum Glück lief mein Freund hinter mir. Er war Footballer, wog 115 Kilogramm und hat Semple weggecheckt. Das Wichtigste war, dass alles vor dem Pressebus passierte. Die Bilder gingen um die Welt. Das war ein entscheidender Moment für den Frauensport.

RW: Wie waren die Reaktionen, als Sie ins Ziel kamen?

Kathrine Switzer: Die Läufer haben gratuliert, fanden es klasse. Einige Journalisten waren wütend, weil sie fürchteten, dass Frauen in eine Männer-Domäne einbrechen. Andere Journalisten hingegen schrieben wunderbare Geschichten über mich. Interessant waren die Zuschauer: Die Hälfte liebte mich, die andere Hälfte hasste mich, neutral war keiner.

RW: Wo sehen Sie den Marathon heute?

Kathrine Switzer: Es gibt einen großen Boom, wie in den Siebziger Jahren. Aber es ist ein anderer Boom. Heute geht es den Leuten mehr um Fitness und nicht darum besser zu werden. Viele Organisatoren haben Probleme, denn die Läufer sind einfach langsam. Die laufen fünf oder sechs Stunden, unglaublich. Als ich gelaufen bin, war niemand so langsam. Aber das ist in Ordnung, denn diese Leute wollen einfach was für ihre Fitness tun. Die sind gar nicht daran interessiert, Spitzensportler zu werden, sondern trainieren nach ihrer Arbeit. Ein anderer Punkt im heutigen Boom sind Frauen. Mehr als die Hälfte der Starter bei den US-Marathons sind jetzt Frauen. Und das ist wirklich phänomenal, wenn man zurückdenkt, dass mich vor 40 Jahren ein Renndirektor rausnehmen wollte, weil ich als Frau einen Marathon gelaufen bin.

RW: Sie haben Ihr neues Buch „Marathon Woman“ vorgestellt. Worum geht es darin?

Kathrine Switzer: Es ist meine Autobiographie und erzählt den Weg vom Lauf 1967 in Boston bis zur Olympia-Premiere des Frauenmarathons 1984 in Los Angeles.

Das Gespräch führte Heiko Oldörp.

Kathrine Switzer bei ihrem inzwischen legendären Zieleinlauf am 19. April 1967.

Bild: RSI