Die Geschichte des Stadtmarathons

Der sportliche Stellenwert, die Pause von 1986 und wie es dazu kam

Was aus rein sportlichen Gesichtspunkten eine einzige Erfolgsgeschichte war, stellte sich aus Sicht des Titelsponsors, d.h. aus wirtschaftlichen Erwägungen, durchaus anders dar. Zunächst einmal war dieser Marathon, der in der professionell durchgeführten Weise nur möglich war durch die Unterstützung eines Großunternehmens wie der Hoechst AG, wohl der erste Marathon weltweit, der mit einem Titelsponsor „ausgestattet“ war, und zwar gleich von der Premiere an. Dies wohlgemerkt in einer Zeit, als eine Zeitung wie die FAZ in ihrem Sportteil bei Fotos schwarze Balken über Werbung auf Sporttrikots legte.

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Startaufstellung beim ersten Frankfurter Marathon im Mai 1981 vor dem Tor Ost der Hoechst AG im Frankfurter Stadtteil Höchst.

Bild: Archiv

Das Echo bei ARD und ZDF war gering
Doch die Medienlandschaft war eine andere als heute. Die elektronischen Medien, in erster Linie das Fernsehen, bestand aus ARD und ZDF, Öffentlich-Rechtlichen Sendern also, bei denen man in den Sportredaktionen gerne auf dem hohen Roß saß. Als Veranstalter einer Sportveranstaltung durfte man sich ergebenst freuen, wenn die Herren vom Fernsehen sich zu einer Reportage herabließen, die dann fünf bis zehn Minuten in der sonntäglichen Sportsendung dauerte. Privatfernsehen gab es noch nicht. Trotz herausragender sportlicher Leistungen, auch von deutschen Marathonläufern, und der Stellung als einer der besten europäischen Marathons, verliefen die Bemühungen der Marathon-Macher, das Interesse der TV-Verantwortlichen zu wecken, weitgehend im Sande.

Der erste Sieger hieß Kjell-Erik Stahl und kam aus Schweden. Das Bild zeigt ihn beim Zieleinlauf 1981 (2:13:31).

Bild: Archiv

Eine Siegerehrung wie noch nie gesehen
Den Gipfel der erfolglosen Versuche erreichte die Situation im Jahre 1985, als beim Hoechst-Marathon erstmals Deutsche Marathonmeisterschaften im Rahmen eines Stadtmarathons ausgetragen wurden und der Lauf dadurch eine zusätzliche Aufwertung erhielt. Diese Veranstaltung übertraf an Kosten die bisherigen vier Auflagen noch einmal beträchtlich. Allein die Siegerehrung in der Höchster Jahrhunderthalle war ein Kostenfaktor für sich. Hier wurden in einer bis heute weltweit einmaligen Weise die Sieger im Rahmen einer Filmshow geehrt, Moderator war der Leichtathletik-Reporter und damalige ZDF-Sportstudio-Moderator Bernd Heller. Das Echo beim Fernsehen war gering, der Reportagebeitrag hielt sich in Grenzen und bei den Entscheidern in der Hoechst AG ging man über die Bücher.

Gesucht: ein neuer Hauptsponsor
Für die sechste Auflage im Jahre 1986 galt die Prämisse: findet einen großen Haupsponsor oder wir steigen aus. Die daraufhin entwickelten Konzepte waren zwar großartig ausgedacht, leider war jedoch das Thema „Marathon“ noch lange nicht so stark vermarktet wie heute. Tennis bestimmte damals die Welt der Sponsoren, Boris Becker hatte gerade Wimbledon gewonnen. Gespräche mit Großbanken verliefen erfolglos, und auch das Konzept eines Nachtmarathons, wie es zusammen mit der Agentur Macona entwickelt wurde, geriet über den Präsentationsstatus nicht hinaus. Gedacht war an eine Austragung am späten Samstagnachmittag, sodass der Zieleinlauf in die Sendezeit des Aktuellen Sportstudios fiel und man das Studio im Zielbereich hätte aufbauen können. Danach sollte eine Megaparty in den Sonntag hinein stattfinden.

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Bild: Archiv

Charlotte Teske im Ziel des Hoechst-Marathons 1983 mit Deutschem Rekord (2:28:32).

Die Pause von 1986
Aus heutiger Sicht wäre ein solches Konzept ohne weiteres denkbar und realisierbar, werden doch heute langweiligere und vergleichbar sportlich unbedeutendere Marathonveranstaltungen stundenlang live übertragen. Damals gab es dazu noch deutsche Marathonläufer von internationaler Klasse; 1982 hatte Charlotte Teske den Boston-Marathon gewonnen, 1984 war Herbert Steffny beim New-York-Marathon Dritter gewesen, Michael Spöttel Sechster, und 1986 wurde Steffny bei den Europameisterschaften Dritter, Ralf Salzmann Vierter. Und heute: eine trostlose Situation im deutschen Elitebereich, dafür Live-Übertragungen allerorten.
Die Entscheidung, 1986 keinen Marathon auszurichten, begann sich im Sommer 1985 abzuzeichnen. Vielleicht wollte man einfach das Rad zu groß drehen, denn eine abgespecktere Variante des Hoechst-Marathons hätte immer noch eine gute Variante werden können, man war eben verwöhnt. Der Berlin-Marathon wurde lange Jahre aus dem Hinterzimmer einer Backstube dirigiert und ist heute einer der weltweit bedeutendsten Marathons. Die Hoechst AG suchte andere, rentablere Sponsorenfelder und fand sie bei Eintracht Frankfurt und beim Eishockey.

Der sportliche Stellenwert
Der ausrichtende Verein OSC Höchst konnte in der Vorbereitung seines Stadtmarathons unter anderem auch auf die tatkräftige Unterstützung des weltweiten Netzes von Niederlassungen der Hoechst AG zählen. So kam es, dass gleich bei der Premiere ein buntes Feld von internationalen Marathonläufern am Start stand, von Brasilien bis Portugal, von Senegal bis Südafrika. Der Sieger des Premieren-Marathons 1981, Kjell-Erik Stahl aus Schweden, begann in Frankfurt seine überaus beachtliche Karriere als Marathon-Vielstarter auf Weltklasse-Niveau. Zwei Jahre später war er Vierter beim ersten WM-Marathon in Helsinki. Mit dem Marathon-Routinier und Olympiateilnehmer Günter Mielke, der mit 38 Jahren persönliche Bestzeit lief und Zweiter wurde, gewannen die Veranstalter um Wolfram Bleul und Hans Jürgensohn einen kompetenten Berater, der in den Folgejahren dafür sorgte, dass jeweils ein international wertvolles Topläuferfeld am Start war. 1983 gelang der Darmstädterin Charlotte Teske ein Sieg bei den Frauen in der damals international hochklassigen Zeit von 2:28:32; ein Jahr zuvor hatte sie den Boston-Marathon gewonnen. Das schnellste Rennen war die Auflage 1984, als zwei Äthiopier zusammen mit dem Schweizer Rekordhalter Bruno Lafrannchi das Tempo hoch hielten und Dereje Nedi (2:11:18) vor Kebede Balcha (2:11:40) siegte, dem Zweiten des WM-Marathons 1983. Nedis Zeit war die schnellste Marathonzeit, die bis dahin im Bereich des Deutschen Leichtathletik Verbandes, sprich: Westdeutschland, erzielt wurde (in der DDR waren Jörg Peter und Heilmann 1984 unter 2:10 gelaufen).

Ein Weltklassemarathon, auch in der Breite
Die Einlaufdichte im Spitzenbereich konnte sich weltweit sehen lassen. 1984 platzierten sich 33 Läufer unter 2:20 Stunden - für damalige Verhältnisse ein herausragendes Ergebnis, das lediglich beim Boston-Marathon 1979 besser war (mit 51 unter 2:20).
Aber auch im Bereich der ambitionierten Freizeitläufer nahm der Hoechst-Marathon einen weltweit führenden Rang ein, wenn man die Menge der Läufer in Betracht zieht, die unter drei Stunden ins Ziel kamen. „Massenweise Klasse“ war ein Artikel im Newsletter des Hoechst-Marathons im Oktober 1984 überschrieben, in dem konstatiert wurde, dass in Frankfurt 25 Prozent der Teilnehmer unter drei Stunden ins Ziel kamen, weltweit nur noch durch den Boston-Marathon (über 30%) übertroffen, allerdings mit der Einschränkung, dass in Boston Qualifikationszeiten erbracht werden mussten (heute noch), um überhaupt starten zu können, was den Leistungsstandard natürlich automatisch anhebt und den Vergleich hinken lässt.

Heute liegt die höchste Einlaufdichte bei vier Stunden
Die Zahl der Marathon laufenden Freizeitsportler hat sich im Vergleich zu damals zwar vervielfacht, der Leistungsgrad jedoch ist dramatisch gesunken. Damals war es das Ziel eines Hobbyläufers, die 3-Stundenmarke zu „knacken“, heute sind es vier Stunden, die ein erstes Ziel darstellen, und wer sich heute in Richtung 3:30 bewegt, gilt gar als Halbprofi. In den frühen achtziger Jahren bauten nicht wenige Marathonveranstaltungen nach vier Stunden das Ziel ab.
Der Vergleich zum Berlin-Marathon sollte nicht unerwähnt bleiben. In der damals noch geteilten Stadt hatte der SCC Berlin unter Führung von Horst Milde, einem echten Laufpionier, seit den frühen sechziger Jahren in Berlin Laufveranstaltungen durchgeführt. Einen Marathon gab es dort in den siebziger Jahren schon, nur führte der durch den Grunewald. Für September 1981 war der Start des ersten Stadtmarathons terminiert, und lediglich dieser Terminierung ist es zu verdanken, dass sich der Frankfurter Marathon von Höchst durch Frankfurt zurück nach Höchst als „erster deutscher Stadtmarathon“ bezeichnen kann.

Die Eisheiligen standen Pate
Die Berliner hatten gegenüber den Höchstern nicht den Vorteil eines potenten Titelsponsors, außerdem hatten sie in den ersten Jahren auch Pech mit dem Wetter. Während die Höchster ihren Marathon wohlweislich auf Periode der Eisheiligen im Mai gelegt hatten (und damit auch recht gut gefahren sind), hinkten die Siegerzeiten in Berlin in den ersten Jahren denen der Frankfurter etwas hinterher. Was die Zahl der Läufer angeht, hinkten sie allerdings nie hinterher. Zwischen 1981 und 1985 übertrafen die Berliner die Teilnehmerzahl der Frankfurter jedes Mal.
Die Frankfurter Pause 1986 nutzte ein anderer Veranstalter, um auf den Plan zu treten: Wolfgang Kucklick vom Hamburger Leichtathletik Verband legte die Premiere des Hanse-Marathons in Hamburg in den Mai 1986. Dieser Marathon entwickelte sich unter Kucklick schnell zur Nummer zwei in Deutschland, und als Frankfurt nach einem Jahr Pause als Frankfurter Stadtmarathon wiedererstand, war die Marathon-Situation in Deutschland eine andere.

Der Neuanfang nach der Pause
Als sich die Hoechst AG vom Marathon verabschiedet hatte, gab es einige Interessenten und Enthusiasten, denen daran gelegen war, in Frankfurt möglichst schnell wieder einen Stadtmarathon aufzulegen. Es bildete sich eine Initiativgruppe „Frankfurt-Marathon“ in der unter anderem Silvia Schenk als Initiantin und Verantwortliche der Stadt Frankfurt für Sport saß, außerdem Vertreter der Eintracht und anderer Vereine sowie ein Vertreter der Macona Werbeagentur, die zwischen 1981 und 1985 für die Hoechst AG wesentliche Bereiche des Marathons verantwortet hatte, darunter die Nudelparty, die Siegerehrung, die Straßenfeste an der Strecke sowie Sponsorengewinnung. Nach mehreren Sitzungen stand fest: es gibt wieder einen Marathon, nachdem die Stadt zugesagt hatte, eine Ausfallbürgschaft zu leisten.

Neuer Race Director mit bewährtem Team
Als Veranstaltungsleiter wurde Fritz Weber ausgesucht, der für die Stadt Frankfurt schon seit etlichen Jahren mit seiner PR-Agentur tätig war, sein Hauptarbeitsgebiet allerdings im Motorsport hatte, außerdem organiserte er den Frankfurter Presseball. Macona war für sämtliche Bereiche tätig, die sie schon beim Vorgänger-Marathon betreut hatte, zusätzlich wurde hier auch die Topläufer-Rennleitung angesiedelt. Ein Plakat wurde entworfen, diverse Ressourcen der Stadt konnten genutzt werden, eine Strecke wurde ausgesucht und vermessen, einige der Bereichsleiter des Hoechst-Marathons konnten gewonnen werden und sorgten in den wichtigsten Bereichen für Kontinuität: Heinz Richter, Dieter Damm, Lothar Wenz und Klaus Rosche.

Mit Herbert Steffny in die neue Phase
Der Termin wurde in den Herbst gelegt, weil man damit ausreichend Anlaufzeit hatte. Start und Ziel waren an der Messe. Mit 5300 Meldungen konnte man nicht an die Zahlen vor der Pause anknüpfen, doch hier spielt neben dem Faktor Pause auch der neue Termin eine Rolle, denn die jahreszeitliche Konkurrenz mit dem Berlin-Marathon konnte nicht ohne Folgen bleiben, schließlich gab es damals noch nicht so viele Läufer wie heute, die innerhalb von 4-6 Wochen zweimal starten. Wer ambitioniert läuft und somit schneller, wie dies damals üblicher war als heute, macht schließlich keine Doppelstarts. Nicht ganz aufgegangen ist das Kalkül der Veranstalter, mit dem Zugpferd Herbert Steffny am Start auch einen für die Medien attraktiven Sieger zu bekommen. Der Freiburger hatte 1985 als Sieger und Deutscher Marathonmeister eine herausragende Vorstellung in einem internationalen Elidefeld gezeigt. Doch ein Schotte namens Robertson machte bei der Neuauflage, die als „Frankfurter Stadtmarathon“ firmierte, dem Freiburger einen Strich durch die Rechnung und schnappte ihm den Sieg vor der Nase weg. In den Folgejahren eroberte sich Herbert Steffny jedoch die Frankfurter Straßen zurück und gewann noch zweimal den Marathon am Main (1989 und 1991), der seit der Neuauflage von der Innenstadt hinaus nach Höchst führt und zurück. Thomas Steffens

Der Autor war 1981 bis 1985 im Organisationsteam als Fachberater sowie zusammen mit Günter Mielke für die Verpflichtung und Betreuung der Eliteläufer zuständig.1986 als Angestellter von Macona in der „Initiative Stadtmarathon“ und 1987 bis 1989 unter Race Director Fritz Weber als Sportlicher Leiter für die Rekrutierung und Betreuung der Eliteläufer zuständig. Von 1988 bis 1993 war er Redakteur beim Schweizer Laufmagazin Der Läufer. 1993 brachte er als Chefredakteur das Laufmagazin RUNNER´S WORLD auf den Markt, für das er heute noch tätig ist.

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