Todesrisiko Marathon?

Der Effekt des Laufens

Läuft der Tod mit?

Bild: Matt Mahurin

„Es ist ein komisches Gefühl, mich mit John Fixx zu treffen“, meinte der Herzspezialist Paul Thompson (61), „denn sein Vater hat mich berühmt gemacht.“ Thompson und ich liefen vom Hartford Hospital, wo er die Kardiologie leitet, zum nahe gelegenen Colt Park. Ich hatte mich dort mit Fixx zum Laufen verabredet; wir kennen uns seit langem. Einen Monat zuvor hatte Thompson den Boston-Marathon in 3:24:01 Stunden geschafft.

Seine Bestzeit aus den Siebzigern steht bei 2:28:25. Als Jim Fixx 1984 mit 52 Jahren starb, hatte Thompson gerade sein Medizinstudium abgeschlossen und zwei Referate über Todesfälle von Läufern durch Herzinfarkt veröffentlicht. Das führte dazu, dass er von Hunderten von Fernseh-, Radio- und Zeitungsreportern, die über den Tod von Jim Fixx berichteten, als Experte befragt wurde. Bis heute gilt er in den USA als die Koryphäe schlechthin, wenn es um Herzkrankheiten und den Einfluss von sportlicher Betätigung auf die Gesundheit geht.

Auf meine Frage, warum es Läufer gibt, die einfach umkippen und an einem Herzinfarkt sterben, sagt Thompson, man müsse zwei Gruppen von Läufern unterscheiden: Bei den jüngeren, also jenen unter 35, wurden nachträglich meist strukturelle Veränderungen des Herzens festgestellt, etwa Vernarbungen wie beim Topläufer Ryan Shay. Die häufigste Ursache für einen plötzlichen Herztod bei jungen Sportlern ist die hypertrophe Kardiomyopathie – eine angeborene Herzmuskelverdickung.

Die Tatsache, dass das Herz bei diesem Phänomen krankhaft vergrößert ist, sorgt allerdings bei Laien für einige Verwirrung, da Ausdauersportler generell ein größeres Herz haben als der unsportliche Durchschnitt. Doch beides hat nichts miteinander zu tun. Das Herz eines Marathonläufers ist groß, gesund und arbeitet effizient. Das krankhaft vergrößerte Herz hingegen ist missgebildet und nicht voll funktionsfähig, kurz: Es handelt sich um einen gefährlichen Krankheitszustand.

Wenn jemand älter als 35 ist und beim Laufen stirbt, liegt das laut Thompson fast immer an verengten Gefäßen: Cholesterinablagerungen lösen sich von den Gefäßwänden und verursachen einen Herzinfarkt. Er erklärt dies am Beispiel eines Gartenschlauchs. Fließt wenig Wasser durch den Schlauch, entspricht das dem Ruhezustand beim Sportler. Fängt dieser an sich zu bewegen und wird immer schneller, strömt erheblich mehr Blut durch seine Adern, und das führt – wie beim Gartenschlauch – zu einem erhöhten Druck auf die Gefäßwände. „Wenn das Blut unter Hochdruck durch die Gefäße schießt, kann es Cholesterindepots aufbrechen, und die ,Trümmer‘ können zu einem Gefäßverschluss führen. Kurze Zeit später ist der Herzinfarkt da.“

In Thompsons viel zitierter Studie aus dem Jahr 1982, die sich mit dem Tod von Marathonläufern im US-Bundesstaat ­Rhode Island beschäftigte, fand er heraus, dass das relative Risiko eines Läufers, beim Training oder im Wettkampf zu sterben, sieben­mal höher ist, als das, vor dem Fernseher zu sterben. In absoluten Zahlen kam er auf einen Todesfall in 396 000 Laufstunden – ein Verhältnis, das danach in mehreren Studien bestätigt wurde. Das heißt allerdings nicht, dass das Laufen die Todesursache war. Genau genommen haben Gefäßerkrankungen zum Tod geführt, das Laufen war nur der Auslöser.

Zu diesem Unterschied ein Beispiel: Eine weitere Studie im Staat Rhode Island zeigte auf, dass ein Schneesturm im Februar 1978 zu einer kleinen Todeswelle geführt hatte, weil sich viele Einwohner beim Schneeschaufeln übernommen hatten. Eine Woche später jedoch sanken die Todesfälle aufgrund von Herz­infarkten unter den langjährigen Durchschnitt. Kein Wunder: Dadurch, dass eine ganze Reihe von Bürgern aufgrund fortgeschrittener Herzprobleme beim oder nach dem Schneeschaufeln gestorben waren, gab es weniger Menschen mit Herzproblemen.

In Deutschland sterben jedes Jahr rund 60.000 Menschen an einem Herzinfarkt. „Sport rettet niemanden vor dem Herz­infarkt“, räumt Thompson ein, „doch das damit verbundene Risiko ist sehr gering und der Nutzen übersteigt die Risiken bei Weitem. Garantien gibt es zwar keine, aber wer ein langes, intensives Leben führen möchte, dem kann man nur empfehlen, sich jeden Tag eine Stunde lang mäßig zu belasten. Wer Angst hat, er könnte tot umfallen, sollte sich lieber ins Bett legen. Aber bitte allein!“

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