Todesrisiko Marathon?

Das Herz und die Gesundheit

Läuft der Tod mit?

Bild: Matt Mahurin

Die Grundlage für Blairs Studien wurden vor einem halben Jahrhundert von Jeremy Morris und Ralph Paffenbarger gelegt, den großen Pionieren der Epidemiologie. Der Brite Morris war im Zweiten Weltkrieg als Militär-Arzt in Indien und Burma. Seine erste große Herzstudie von 1953 beschäftigte sich mit der Herzgesundheit von Angestellten der Londoner Verkehrsbetriebe und verglich Busfahrer, die den gan­zen Tag sitzend verbrachten, mit den Fahrkartenverkäufern, die während ihrer Schicht in den Doppeldecker-Bussen bis zu 600 Treppenstufen hinaufstiegen. Das Ergebnis: Die Fahr­kartenverkäufer erlitten 30 Prozent weniger Herzinfarkte, zudem waren die Vorfälle weniger gravierend.

27 Jahre war Morris Direktor der sozialmedizinischen Abteilung des Medical Research Councils. In dieser Zeit verschwand fast jegliche körperliche Belastung aus dem Berufsleben der Menschen. Die große Mehrheit sitzt heute den ganzen Tag am Schreibtisch.

Daher beschloss Morris, sich den Freizeit­aktivitäten der Menschen und ihren Auswirkungen auf die Herzgesundheit zuzuwenden: Er untersuchte 17 000 Beamte im Alter zwischen 40 und 64 Jahren und fand heraus, dass diejenigen, die kaum oder gar keinen Sport trieben, mehr als 30 Prozent öfter einen Herzinfarkt erlitten als die, die regelmäßig durch körperliche Aktivität rund 450 Kilokalorien pro Stunde verbrannten (das entspricht in etwa einem ruhigen Lauf über sechs Kilometer). Er schloss daraus, dass intensive körperliche Belastung den Körper beziehungsweise das ­älter werdende Herz vor mangelnder Blutversorgung und den damit verbundenen Folgen schützt.

Morris’ Kollege Ralph Paffenbarger machte 1954 seinen Doktor an der Johns Hopkins University in Baltimore. Danach lehrte er an den renommiertesten Universitäten der USA – in Berkeley, Stanford und Harvard – und konzen­trierte sich dabei auf die Zusammenhänge zwischen körperlicher Fitness und Gesundheit. In seinen frühen Arbei­ten zeigte er am Beispiel von Hafenarbeitern in San Francisco, dass diejenigen mit der schwersten Arbeitsbelastung, die Schauer­leute, deutlich seltener an Herzinfarkten starben als diejenigen, die den ganzen Tag im Büro arbeiteten.

1960 war Paffenbarger einer der Initiatoren der einflussreichen „Harvard Alumni Study“, die bis heute wertvolle Aufschlüsse über die Zusammenhänge von sportlicher Betätigung und Gesundheit liefert. Zu den wichtigsten Ergebnissen dieser Studie zählt, dass körperliche Aktivität zu Schul- und Studienzeiten, also in jüngeren Lebensjahren, keinen lang anhaltenden Schutz vor Krankheiten bietet, im Erwachsenenalter hingegen schon. Zu Paffenbargers Forschungsergebnissen zählt auch, dass die Vorteile für die Gesundheit jenseits von 1000 Kilo­kalorien, die pro Woche beim Sport verbrannt werden (das entspricht etwa 15 Kilometer Laufen), zwar nicht mehr so stark zunehmen, die Kurve aber immer noch ansteigt. Sprich: Wer 30 Kilometer oder mehr pro Woche läuft, lebt noch gesünder, speziell wenn er dabei noch ­einige härtere Trainingseinheiten absolviert.

Paffenbarger, der bis dahin überhaupt keinen Sport getrieben ­hatte, war von seinen Ergebnissen so überrascht, dass er 1967 mit 45 Jahren zu laufen begann. Seitdem absolvierte er 151 Marathons sowie Ultralangstreckenläufe und lief dabei 22-mal den Boston-Marathon (seinen ersten in 5:05 Stunden und seinen schnellsten in 2:44). 1977 war er der bis dahin älteste Finisher des Western-States-100-Ultramarathons. Er benötigte 28:36 Stunden für die 160 Kilometer auf der schwierigen, bergigen Strecke. Ralph Paffenbarger starb am 9. Juli 2007. Er wurde 84 Jahre alt.

Die meisten Epidemiologen haben Schwierigkeiten, Probanden zu finden, die mehr als 2000 Kilokalorien durch sportliche Betätigung verbrennen. Paul Williams vom kalifornischen Donner Laboratory machte sich auf diesem Gebiet einen Namen, als er den Gesundheitszustand ambitionierter Freizeitläufer untersuchte, von denen einige wöchentlich das Zwei- oder Dreifache dieses Werts erreichen. Seine Resultate fasst er in einer einfachen Botschaft zusammen: je mehr, desto besser. Manche Sport-Epidemiologen halten diesen Rat für wenig hilfreich. Ihrer Ansicht nach brächte es mehr für die Volksgesundheit, wenn man mehr Menschen dazu bewegen würde, wenigstens ein paar Kilometer pro Woche zügig zu gehen.

Doch Williams ließ sich nicht beirren. 1997 verglich er in einer Studie mit 8283 männlichen Läufern eine Gruppe, die mehr als 80 Kilometer pro Woche lief, mit einer anderen ­Gruppe, die weniger als 15 Kilometer pro Woche unterwegs war. Die Vielläufer hatten im Schnitt 2,5-mal höhere HDL-Werte („gutes Cholesterin“) als die Vergleichsgruppe und nur halb so oft einen erhöhten Blutdruck und damit ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Mitte 2008 aktualisierte Williams seine Ergebnisse in einem wissenschaftlichen Fachblatt. Er hatte Daten von 24 000 männlichen Läufern gesammelt und verglich Läufer mit einem Wochenpensum von 40 Kilometern mit solchen, die auf weniger als 8 Kilometer kamen. Resultat: Der Anteil der Vielläufer mit Bluthochdruck war – abhängig vom Lebens­alter – um 57 bis 87 Prozent niedriger.

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