Prag-Marathon 2010

42,195 km im Rückwärtsgang

Nur fünf Wochen lang bereitete sich Ralf Klug vor, dann finishte er den Prag-Marathon 2010 als Rückwärtsläufer!

Marathon im Rückwärtsgang

Auf rund 100 Trainingskilometer kam Ralf Klug in den fünf Wochen vor dem Prag-Marathon.

Bild: Privat

Mit 2:05:39 Stunden lief der Kenianer Eliud Kiptanui beim Prag-Marathon am 9. Mai eine der schnellsten Marathonzeiten dieses Jahres weltweit. Doch ein solches, internationales Marathonevent wird nicht nur von durch die absoluten Highlights der Topläufer geprägt. Ein Marathon mit 4.860 Finishern über die klassische Distanz bietet unzählige interessante Geschichten.

Eine besonders spannende Story vom Prag-Marathon 2010 ist die von Ralf Klug. In nüchternen Zahlen ausgedrückt lautet sie: Ralf Klug, Platz 4.857, Laufzeit: 6:44:34 Stunden. Aber der in Kandern im Landkreis Lörrach geborene Läufer, der in Prag als Techniker lebt, rannte nicht wie die 4.856 Läufer vor ihm möglichst schnell ins Ziel. Er absolvierte die komplette Strecke rückwärts!

Hinter der Ziellinie musste sich der erfolgreiche Rückwärtsläufer erst einmal setzen.

Bild: Privat

Dabei hatte sich der 46-Jährige keineswegs optimal vorbereitet. Völlig ohne Vorbereitung lief er den Halbmarathon in Prag am 27. März in 2:03:34 Stunden– vorwärts. Bei der After-Race-Party danach wurde aus lange gehegten Überlegungen ein fester Plan. Ralf Klug berichtet: „Meinen ersten Rückwärtslauf-Versuch machte ich am 1. April. 3,8 Kilometer kamen zusammen, danach beschloss ich definitiv, den Pragmarathon rückwärts zu laufen. Mit jedem Tag erfüllte mich das Rückwärtslaufen mit mehr Freude, ich fühlte mich in die Kindheit zurück versetzt. Von meinen Mitmenschen wurde das Rückwärtslaufen zum Teil mit Verwunderung, mit Fragen und mit (sehr kurzen) Nachahmungen aufgenommen.

Auf der Pressekonferenz vor dem Prag-Marathon erntete ich nur allgemeines Kopfschütteln und Verwunderung über meinen Trainingsstand. Eine Woche vor dem Lauf hatte ich insgesamt 77 Trainingskilometer nachzuweisen. Mir selbst war auch klar, dass rational betracht die Aktion nicht klappen kann. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt aber sicher, dass ich es schaffen würde. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass bis zu einen gewissen Grad, der von fast allen unterschätzt wird, Ausdauerleistungen zwar eine gewisse körperliche Verfassung voraussetzen, das Allermeiste aber in unserem Kopf stattfindet.“

Völlig ohne Lauferfahrung war Ralf Klug allerdings nicht. Vor einigen Jahren hatte er durchaus seriös und ausdauernd trainiert: Seine Bestzeiten liegen bei 2:58 für den Marathon (1987 in Hamburg) und 35:24 Minuten für die 10.000 Meter (1988 in München).

Mit insgesamt 100 Trainingskilometern in den fünf Wochen Vorbereitungszeit stand Ralf Klug am Start des Prag-Marathons 2010. Um die anderen Läufer nicht zu stören ging er 12 Minuten nach dem Hauptfeld auf die Strecke. Begleitet wurde er ständig von einem Motorrad, weil alles für das Tschechische Buch der Rekorde dokumentiert wurde.

Prag-Marathon im Rückwärtsgang
Auf den letzen Metern wurde Ralf Klug vom Prager Renndirektor Carlo Capalbo (blaue Jacke) und seinem Sohn begleitet.

„Durch die breite Ankündigung der Medien und durch das entsprechende Briefing der Helfer wurde ich überall angefeuert. Wahrscheinlich hat man beim Rückwärtslaufen hin und wieder doch nicht so den Überblick. Jedenfalls

passierte es, dass ich zwischen Kilometer 20 und 30 keine isotonischen Getränke bekam. Deshalb hatte ich zwischen 27 km und 29 km ziemliche Probleme und dachte sogar daran aufzugeben. Da ich aber ein Dickkopf bin und ja so oder so irgendwie zum Ziel musste, habe ich mir gedacht: Na dann kannst du ja auch weiterlaufen.“

Da er die zweite Hälfte deutlich langsamer lief und 12 Minuten nach dem Hauptfeld gestartet war, gesellte sich bei km 38 der Besenwagen zu seinem Begleitfahrzeug dazu. Das Zeitlimit in Prag beträgt nämlich sieben Stunden: „Die Waden waren zu dieser Zeit schon mächtig dick. Und dann wurde es richtig kurios. Immer mehr offizielle Fahrzeuge schlossen sich an. Ich war dann auf den letzen Kilometern von drei Polizeimotorrädern, drei Polizeiwagen, zwei Krankenwagen sowie einigen Fahrzeugen des Veranstalters umgeben. Der kleine Ralf läuft durch Prag, dachte ich mir so für mich.

Die letzen 1.000 Meter waren der Hammer. Der Beifall war irre. 200 Meter vor dem Ziel wartete mein Sohn, um mich zu begleiten. 100 Meter vor dem Ziel wurde mir von Carlo Capalbo die deutsche und tschechische Fahne überreicht. Das Überschreiten der Ziellinie war einfach nur überwältigend.“

Zur Nachahmung ist der Rückwärtslauf über die Marathondistanz ohne entsprechendes Training nicht zu empfehlen. Sie zeigt eher auf, wie groß das Ausdauer- und Rückwärtslauf-Talent von Ralf Klug ist.

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