Interview mit Horst Milde

35 Jahre Berlin-Marathon

Zum 35-jährigen Jubiläum sprachen wir mit Horst Milde, dem Vater des Berlin-Marathons.

Horst Milde mit seiner Frau

Horst Milde könnte sich eigentlich zurücklehnen - tut er aber nicht.

RUNNER’S WORLD: Sprechen Sie überhaupt noch gern über den Berlin-Marathon?
Horst Milde: Ja, sicher. Was für eine Frage! Der Marathon ist schließlich eins meiner Kinder. Auch wenn ich nicht mehr im operativen Geschäft tätig bin und die anderen die Arbeit machen lasse – die Lust auf den Marathon wird immer bleiben.

Welches Ereignis aus der 35-jährigen Geschichte der Veranstaltung kommt Ihnen spontan in den Sinn?
Das Jahr 1990. Der erste Marathon durchs Brandenburger Tor, als Berlin-Ost und Berlin-West zusammenkamen und die ganze Welt nach Berlin schaute. Und dann kommen mir natürlich auch alle Weltrekorde in den Sinn. Jeder Race Director wünscht sich ja einen solchen, aber wenn er da ist, ist es wie ein Gottesgeschenk. Es gehört einfach auch eine verdammte Portion Glück dazu.

Und welche Namen fallen Ihnen ein? Der erste Weltrekordler? Der erste Tote?
Ja, ja, beim Marathon liegen Triumph und Tragödie eng beieinander. Laufen ist ja nicht nur Vergnügen, sondern kann auch über­fordern. Aber man behält nur die positiven Erlebnisse im Gedächtnis. Ein einzelner Name kommt mir nicht in den Sinn. Ich habe diesen Marathon jahrzehntelang mitgestaltet, da sind die Erinnerungen ein großes Mosaik.

1974: der erste Berlin-Marathon. Was für Läufer waren damals am Start?
Es war der harte Kern der Berliner Lang­streckenläufer. Die Läufer wurden ja damals für ihr Tun noch belächelt. Langstreckenläufer waren Unika, und wenn sie liefen, wurden Ihnen überhebliche Kommentare hinterhergerufen, die eigentlich nur das Unverständnis für das sportliche Laufen aus­drückten. Die meisten Läufer trainierten im Grune­wald. Wer durch die Stadt lief, war ein Exot. Man „trainierte“, niemand lief einfach nur so. Und unser erster Marathon fand im Grunewald parallel zur Avus statt, natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es war abso­lut ungewöhnlich, dass da Leute 42 Kilo­meter am Stück rannten. Von den Olympischen Spielen war das
bekannt, aber dass Menschen, die keine Aussichten haben, zu Olympi­schen Spielen zu kommen, dies freiwillig tun – unvor­stellbar.
Heute kann man sich angesichts solcher Zustände eines Lächelns nicht erwehren, aber es war der Anfang einer gro­ßen Erfolgs­geschichte. Denn stellen Sie sich vor: Damals starteten 286 Läufer, und heute müssen wir schon fünf Monate im Voraus bei 40 000 die Meldeliste schließen.

1981: der erste City-Marathon in Berlin. War die Zeit reif, die Läufer mitten durch eine Großstadt laufen zu lassen?
Ja, das zeigten andere Stadtmarathons, zum Beispiel der New Yorker. Dort war inzwischen aus einem Lauf im Central Park ein Spektakel durch fünf Stadtteile geworden. Der Durchbruch kam bei uns aber erst, als die Franzosen als alliierte Schutzmacht einen 25-Kilometer-Lauf mitten durch die Stadt organisierten. In meiner Eigenschaft als Berliner Volkslaufwart war ich stink­sauer, dass eine Organisation, die nichts mit dem Sport zu tun hatte, sich das Recht herausnahm, für diese Veranstaltung einen Termin zu blockieren. Aber der Vorteil war: Die Franzosen hatten, anders als wir als Verein, die Macht, einen solchen Lauf durch die Stadt durchzusetzen. Damals galt: alliiertes Recht bricht deutsches Recht. Wenn die einen Panzer auf die Kreuzung gestellt haben, dann war das so.
Am Tag nach der Bekanntgabe, dass die „25 de Berlin“ durch die City führen, habe ich an die Polizei geschrieben, dass ich auch den Marathon durch die City führen wollte. Ich hatte vor, am Reichstag zu starten und auf dem Kurfürstendamm zu enden, und meine „Fachleute“ für die Strecken­planung legten eine Strecke fest, die auch am Checkpoint Charlie vorbeiführte. Die Polizei lehnte das als völlig unmöglich ab, da der Zugang zum sowjetischen Sektor ­immer frei bleiben müsse. Ich fand zum Glück die Gelegenheit, den damals höchsten politischen Beamten der Alliierten beim Abendessen zu treffen, Mr. John Korn­blum, der später auch erster amerikani­scher Botschafter in Berlin wurde. Und John Kornblum sagte mir: „ Da stellen wir einen amerikanischen Offizier und einen deutschen Polizisten hin, und wenn ein Diplo­mat durchwill, warten die eine Lücke im Feld ab und winken ihn durch.“ Beim nächsten Treffen mit der Polizei bekam der Verantwortliche fast einen Herzanfall, als er das hörte, aber die Strecke führte schluss­end­lich tatsächlich am Checkpoint Charlie vorbei. Eine heiße Kiste!

Die Achtzigerjahre: Die Joggingwelle schwappte aus den USA herüber. Die Teilnehmerzahlen legten Jahr für Jahr zu. War Ihnen das noch geheuer?
Man hat eigentlich gemacht, gemacht, gemacht. Das Ausmaß war mir nie bewusst. Und wir haben ständig etwas Neues auf die Beine gestellt: Diskussions- und Läuferforen an der Universität, Trainingsangebote zur Marathonvorbereitung und so weiter. Wir haben auch permanent versucht, den Marathon in die Medien zu bringen, das Laufen an sich zu promoten, den Gesundheits­aspekt herauszustellen. Und die Polizei zeigte ­immer weniger Widerstand, es gab immer mehr Laufveranstaltungen. Auch wir machten noch zusätzliche Läufe im Tier­garten, 10-Kilometer-Läufe auf dem Kurfürs­tendamm, veranstalteten den ersten Frauenlauf, einen Staffellauf, Neujahrs- und Silvesterläufe. Ich sage: Wir haben die Berliner zu Läufern gemacht!

In den ersten Jahren ­waren Sie ja hauptberuflich Konditormeister und nicht Renndirektor. Was hatte Priorität?
Meine Frau wird dies hoffentlich nicht ­lesen, aber der Marathon hatte Priorität. Wie ich das geschafft habe, ist mir heute ein Rätsel. Bis 1998 hatten wir noch das Konditoreigeschäft. Wir hatten 20, 25 Angestellte, drei Kinder und einen Garten. Das ging nur, weil wir das Laufen zur Familienangelegenheit erklärt haben. (Heute ist Mildes Sohn Mark Race Director des Berlin-Marathons; Anm. d. Red.) Alles rund um die diversen Laufveranstaltungen wurde am Esstisch besprochen. Und es gab ein tolles Netzwerk: Ehemalige SCC-Athleten, wie zum Beispiel Bodo Tümmler, der 1500-Meter-Europameister von 1966, übernahmen beim Marathon Verpflegungsstationen. Und aus der Schule meiner Kinder haben wir viele Helfer rekrutiert, die über Jahre in der Organisation dabei waren.

Horst Milde ist nicht nur "Mister Berlin-Marathon", sondern auch ein kritischer Beobachter der internationalen Laufszene gewesen.

Fiel es Ihnen als ehemaligem Leistungssportler schwer, den wachsenden Wunsch zu akzeptieren, dass der Marathon nicht nur etwas für Eliteläufer sein sollte?
Jeder, der läuft, ist bei mir willkommen! Nicht umsonst war ich der erste Großveranstalter, der auch das Walking und Jugend­läufe eingebaut hat. Ich habe mich nie gescheut, mir bei anderen etwas abzugucken, und die New Yorker mit dem legendären Fred Lebow und seinem Nachfolger Alan Steinfeld haben uns gezeigt, wie man einen Marathon sinnvoll für Freizeit­läufer öffnen kann. Als ich 1983 beim New York Road Runners Club zu Besuch war, habe ich mir Aktenordner voll Material mitgenommen und den beiden gesagt: „Ich bin der Erste, der jede gute Idee von euch sofort in Berlin umsetzt.“ Und so war es auch.

1990: der Marathon in die Wieder­vereinigung. Was ging am Abend nach dem Marathon in Ihnen vor?
Am Abend wusste ich, dass dies ein Ereignis war, das nie wiederkehrt. Ich sah die große politische Bedeutung, aber ich war auch stolz – ganz Sportler –, dass das große Interesse mit einer sportlichen Höchstleistung gekrönt worden war. Mit den Siegen von Steve Moneghetti, einem Australier, der als Erster in Berlin unter 2:10 Stunden blieb und „unserer“ Uta Pippig, dem Star des eige­nen Vereins, war ich einfach nur glücklich.

Dann kam die Zeit, in der es hieß: „Jeder kann einen Marathon laufen“ – was Gefahren birgt, wie wir heute wissen.
Wenn jemand schreibt: „In drei Monaten zum Marathon – so geht’s“, dann ist das nach unserem heutigen Kenntnisstand gefährlich. Da müssen vor allem die Medien, also ihr, zurückrudern. Wir haben ja auch schon vor 10, 15 Jahren Pressemitteilungen herausgegeben, in denen wir an die Läufer appelliert haben: „Wenn ihr merkt, ihr könnt nicht mehr, dann hört ihr am Rathaus Steglitz auf und rennt erst im nächsten Jahr den ganzen Marathon.“ Etwa ab Ende der Achtziger kam es mir nicht mehr auf steigende Finisherzahlen an, sondern dass die Läufer gesund ins Ziel kamen. Die Läufer waren immer untrainierter, das zeigte sich ja unzweideutig an den dramatisch schlechteren Durchschnitts-Finisher-Zeiten, da musste ich als Race Director einfach so denken.

1998: der erste Weltrekord in Berlin. War der nötig, um dem Berlin-Marathon die internationale Reputation zu verschaffen, die ihm zustand?
Erst der Rekord von Ronaldo da Costa verschaffte uns die endgültige Akzeptanz als superschnelle Strecke und hob uns auf eine Stufe mit den ganz Großen in London, New York oder Boston. Da dachte ich kurz: „Jetzt kannst du Schluss machen. Den Weltrekord, mehr braucht man nicht als Veranstalter.“

Und 1999 der nächste Weltrekord ...
Tegla Loroupe! Also, Ronaldo war – noch – ungeplant, aber Teglas Rekord war geplant und die folgenden dann sowieso: 2001 Naoko Takahashi als erste Frau unter 2:20 Stunden, Paul Tergat 2003 unter 2:05 Stunden und Haile Gebrselassie 2007.

Galt für Sie die Devise: Wenn vorn die Zeiten stimmen, kommt auch die Masse?
Nein, überhaupt nicht. Mir war immer wichtig, möglichst viele Sportler für den Marathon zu werben. Die Masse der Läufer lag mir extrem am Herzen. Oder sagen wir es so: Für mich war der Breitensport schon immer eine Herzensangelegenheiten. Fernsehen und Sponsoren hatten aber natürlich Interesse, dass vorn die Zeiten stimmten – berechtigterweise, anders bekommt man keine überregionale Aufmerksamkeit. Das war mir auch immer bewusst.

Und wenn der Weltrekord da ist, fällt man dann in ein tiefes Loch?
Nein, das kann man sich nicht leisten. Da kommen noch Zigtausende, denen eben auch zigtausendfach etwas zustoßen kann. Da schaltet man als Veranstalter – zumindest ging es mir so – sofort um und konzen­triert sich auf das nachkommende Läuferfeld. In ein Loch kann man erst fallen, wenn die Krankenhäuser nach dem Zieldurchlauf des letzten Läufers grünes Licht geben.

Nach dem Rückblick zum Schluss der Blick in die Zukunft: Wie viele Teilnehmer wird der Berlin-Marathon 2015 haben?
Ich glaube, die großen Laufveranstaltun­gen bekommen immer mehr Zuspruch und einige kleine müssen darunter leiden. Aber der Berlin-Marathon sollte 2015 dennoch nicht mehr Teilnehmer haben als jetzt. Die Größe darf nicht zu Lasten des Service für den einzelnen Läufer gehen. ­Jeder Teil­nehmer muss auch in Zukunft als individueller Sportler angesprochen werden können.

Könnte es sein, dass der jahrzehntelange Laufboom irgendwann wieder abebbt?
Quatsch! Gelaufen wird immer. Wir wissen doch aus der Menschheitsgeschichte, dass wir zum Laufen geboren sind.

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