Jo Schindler:

„Jeder Marathonläufer schreibt eine emotionale Geschichte“

80 Prozent mehr Voranmeldungen für den Frankfurt-Marathon, Race-Direktor Jo Schindler erklärt warum.

Jo Schindler, Race-Direktor des Dresdner Kleinwort Frankfurt-Marathons

Jo Schindler bei einer Pressekonferenz in Frankfurt.

Jo Schindler ist seit 2002 der Race-Direktor des Dresdner Kleinwort Frankfurt-Marathons. Der Lauf hat sich entgegen des allgemeinen Marathon-Trends in den letzten Jahren sehr gut entwickelt und die Teilnehmerzahlen stiegen deutlich. Jo Schindler, der aus Regensburg stammt und dort einst den Marathon organisierte, machte aus dem Rennen am Main den jetzt drittgrößten Klassiker Deutschlands und sorgte zugleich dafür, dass der Frankfurt-Marathon sich auch in Punkto Spitzensport immer weiter entwickelte. Der Aufwärtstrend dürfte sich in diesem Jahr fortsetzen, denn verglichen zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres liegen für den Dresdner Kleinwort Frankfurt-Marathon am 25. Oktober jetzt rund 80 Prozent mehr Anmeldungen vor. Jo Schindler gab das folgende Interview.

Vor sechs Jahren haben Sie den Frankfurt-Marathon übernommen, der damals im deutschen Ranking auf Rang fünf abgerutscht war, was die Zielzahlen betrifft. Wie bewerten Sie die Entwicklung des Laufes seit dem?

Jo Schindler: Wir haben jetzt Teilnehmerzahlen erreicht, von denen wir 2002 nur träumen konnten. An über 12.000 Marathonmeldungen und gut 20.000 Gesamt-Anmeldungen war damals überhaupt nicht zu denken. Bei den Marathon-Finisherzahlen haben wir im Vergleich zu damals um rund ein Drittel zugelegt. Ich hätte nicht gedacht, dass wir im deutschen Ranking mal an den Kölnern vorbeiziehen würden.

Damit laufen Sie in Frankfurt gegen den Trend.

Ja, und wir sind stolz auf diesen Erfolg. Heutzutage hat ja so gut wie jede Stadt einen Marathon, so dass wir in Deutschland rund 180 Rennen haben. Aber viele große Veranstaltungen haben deutliche Teilnehmer-Rückgänge. Auch wenn es die Mitbewerber betrifft, stimmt mich das nachdenklich. Insgesamt bin ich aber überzeugt davon, dass sich der Laufsport weiter gut entwickelt.

Wie erklärt sich der Zuwachs in Frankfurt, was haben Sie gemacht?

Wir haben nach der Veranstaltung 2002 die Lage schonungslos analysiert und uns zwei Ziele gesetzt, wie wir den Frankfurt-Marathon positionieren möchten. Diese Strategie setzen wir seitdem konsequent um: einerseits erstklassigen Spitzensport zu bieten und zugleich einen hervorragenden Service für die Breitensportler. Spitzensport – wo auch immer und in welcher Sportart auch immer – übt eine ungeheure Faszination aus und strahlt auf den Veranstaltungsort ab, ja steht teilweise als Synonym für die Sportart, beispielsweise Wimbeldon, Old Trafford, Madison Square Garden. Dabei hatten wir das Glück, mit der Stadt Frankfurt einen Partner zu haben, der alle neuen Initiativen immer unterstützt hat. Gleiches gilt auch für unseren Titelsponsor Dresdner Kleinwort, der seit 2007 dabei ist. Die wichtigste Veränderung war das Ziel in die Festhalle zu verlegen. Uns war klar, dass wir dem Läufer ein starkes emotionales Erlebnis bieten müssen, denn jeder Marathonläufer schreibt eine emotionale Geschichte. Zuversicht, Angst, Leid, Hoffnung, Schmerz, Verzweiflung, Freude, Stolz – das sind die Themen, die den Marathon so einzigartig machen, dem muss man als Veranstalter gerecht werden. Damit schaffen wir es, uns deutlich von anderen Marathonläufen abzuheben. Der Trend im Sport geht eindeutig zum emotionalen Event, bei dem der Sportler Teil dieser Inszenierung ist. Das heißt nicht, dass wir Klaumauk veranstalten, wir nehmen den Sportler und den Sport sehr ernst. Unser Ziel in der Festhalle als einmaliges emotionales Erlebnis bietet jedem eine Bühne. Diese Inszenierung, die ja auch Ausdruck einer Wertigkeit ist, ist uns wichtig – und sie ist den Läufern wichtig. Das zeigen unsere Teilnehmerbefragungen, die wir regelmäßig durchführen. Was wir hier veranstalten, dürfte weltweit einmalig sein, es kostet verdammt viel Geld. Aber auch das einer unserer Grundsätze: entweder machst du es richtig oder gar nicht. Der Marathon ist keine halbe Sache. Für den Läufer nicht und für die Organisation darf es auch nicht so nicht sein.

Jo Schindler, Race-Direktor des Dresdner Kleinwort Frankfurt-Marathons, im Ziel des New York Marathons.

Die Emotion ist sicher die eine Seite, die Qualität des Services dürfte aber genauso entscheidend sein.

Wir möchten den Läufern das beste Angebot machen, auch wenn dies zusätzliche Kosten verursacht: In den letzten Jahren haben wir den Inhalt der Startbeutel, den alle Läufer bekommen, deutlich aufgewertet. Neben sinnvollen Produkten wie Running Cap, Schuhlöffel, Duschgel, Shampoo, Sportgetränk, Trinkflasche, um einige Dinge zu nennen, haben wir 2008 erstmals ein Gutscheinheft beigelegt. Hier kann man zum Beispiel kostenfrei in den Frankfurter Zoo oder den Palmengarten gehen, zwei Basketball-Karten für die Skyliners zum Preis von einer erwerben und ähnliches. Mit dem Heft kann man in Frankfurt rund 100 Euro sparen. Oder unsere jüngste Investition: Wir haben in die Halle 1.0, in der unsere Duschen untergebracht sind, für 30.000 Euro ein neues System einbauen lassen, so dass wir nun die Duschen direkt aus dem Heißwasserkreislauf der Messe speisen lassen können. Oder unsere Nudelparty, wir sind der einzige große deutsche Marathon, der Nudeln und drei Getränke den Läufern kostenlos anbietet. Natürlich könnten wir hier noch zusätzliche Einnahmen erzielen, aber auch das hat etwas mit Emotionen zu tun. Die Läufer treffen sich, essen, tauschen sich aus, freuen sich gemeinsam auf den nächsten Tag, für den sie so lange trainiert haben. Das hat was! Eines möchte ich aber noch hinzufügen: wir hatten auch das nötige Glück, das man braucht, um erfolgreich zu sein.

Die Marathon-Messe liegt ebenfalls zentral im Frankfurter Messegelände.

Ja, es ist für Läufer, andere Besucher und Aussteller wichtig, eine attraktive Messe anzubieten. Auch die Marathon Mall hat sich in den letzten Jahren deutlich positiv entwickelt. Das zeigen die Besucher- und Ausstellerzahlen. Wir haben mit dem Gelände der Messe Frankfurt natürlich auch eine hervorragende Location.

In Frankfurt stehen die Läufer im Mittelpunkt – Inline-Skating haben Sie abgeschafft.

Ja, wir fokussieren uns auf die Kernzielgruppe und denken, dass das der richtige Weg ist. Wir mussten bei der Strecke immer einen Kompromiss eingehen, um Skatern und Läufern zeitgleich einen Marathonlauf anbieten zu können. Das war weder für die einen noch die anderen optimal. Seit 2007 sind die Skater nicht mehr dabei und die Läufer profitieren davon. So konnten wir den Kurs dahingehend ändern, dass in der letzten Phase des Rennens mehr durch die Innenstadt gelaufen werden kann. Hinzu kam, dass die Skaterzahlen extrem rückläufig waren. 2001 waren über 2.500 in Frankfurt gemeldet, zuletzt hatten wir nur noch 660 Anmeldungen und 550 Skater im Ziel. Die Skater hatten sich selbst deutlich gegen Frankfurt entschieden. Das muss man zur Kenntnis nehmen und seine Schlussfolgerungen daraus ziehen.

Wer sind Ihre engsten Mitarbeiter im Organisationsteam?

Das sind vor allem Petra Wassiluk und meine weiteren Mitarbeiter in der Agentur und dann natürlich Markus Oerter, der im Sportamt der Stadt Frankfurt für Veranstaltungen zuständig ist. Ich habe mir Mitarbeiter ausgesucht, die mit dem Herzen dem Laufsport verbunden sind. Diese Grundeinstellung ist sehr wichtig. Wenn sie stimmt, kommt man im Team immer zum Erfolg. Einzelheiten kann man lernen. Viele gute Initiativen entstehen bei unseren Teambesprechungen. Nicht zu vergessen sind aber auch die freien Mitarbeiter, mit denen ich seit vielen Jahren zusammenarbeite – alle ausgewiesene Fachleute in ihrem Metier und alle ebenso marathonverrückt wie wir in der Agentur. Außerdem sind wir Dienstleister für unsere Kunden, das sind die Marathonläufer, die Sponsoren und die Stadt Frankfurt. Auch das prägt unsere Arbeit und Herangehensweise.

Ihr Rennen hat sich parallel auch im Spitzensport stark entwickelt.

Wie gesagt, wir betrachten den Spitzensport als ein unverzichtbares Element einer Marathonveranstaltung in der Business- und Sportstadt Frankfurt. Mit dem Thema Spitzensport erreichen wir Medien und Sponsoren. Bei der Athletenverpflichtung vertraue ich auf das Geschick von Christoph Kopp. Wir kennen uns seit über zehn Jahren und haben 1999 in Regensburg das erste Mal zusammen gearbeitet. Damals haben wir uns über Siegzeiten von 2:18 Stunden gefreut – wohlgemerkt, bei den Männern! Heute sind wir in Frankfurt bei Weltklassezeiten von 2:07 Stunden und steigern uns fast von Jahr zu Jahr. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg und haben Frankfurt als IAAF Gold Label Race etabliert. Um mit den sportlichen Erfolgen maximale Publicity zu erreichen, haben wir auch viel in die Pressearbeit investiert und unseren Media-Service erweitert. Wir haben ein Team von nationalen und internationalen Journalisten sowie Fotografen im Einsatz. Die internationale Pressearbeit ist auch deswegen sehr wichtig, weil ich weiteres Wachstumspotenzial vor allem im Ausland sehe. In Deutschland kennt mittlerweile jeder Läufer den Dresdner Kleinwort Frankfurt Marathon, im Ausland aber nicht. Frankfurt ist zentraler Flughafen in Europa und weltweit problemlos zu erreichen, beste Voraussetzung also, um mehr Marathonläufer aus dem Ausland für den Frankfurt-Marathon zu begeistern.

Text: race-news-service.com
Foto: photorun.net

Frankfurt Marathon

Pollmächer vor Marathon-Debüt

Frankfurt Marathon 2008
André Pollmächer, Deutschlands Langstrecken-Hoffnung, tritt zum ... mehr

Frankfurt-Marathon

Mocki und ein Außenseiter vorne

Frankfurt Marathon 2008
Marathondebütant Robert K. Cheruiyot in 2:07:21 und Sabrina... mehr

Ausgezeichnet

Frankfurt-Marathon erhält Gold Label

Frankfurt-Marathon
Berlin wird zum weltweit zweitgrößten Marathon, Frankfurt erhält das... mehr