Paula Radcliffe

„Berlin stand schon lange auf meiner Marathon-Wunschliste!“

Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe im Interview über ihr Marathon-Comeback, Olympia und das Leben als Mutter und Athletin.

Paula Radcliffe läuft ihr Marathon-Comeback am Sonntag beim BMW Berlin-Marathon. Die 37-jährige Britin, die fraglos zu den besten Langstreckenläuferinnen aller Zeiten gehört, wurde vor einem Jahr zum zweiten Mal Mutter. Ihr letztes Rennen über die 42,195 km rannte Paula Radcliffe, die mit dem früheren nordirischen Mittelstreckenläufer Gary Lough verheiratet ist, im November 2009 in New York.

Nach Verletzungsproblemen musste sie sich damals mit Platz vier zufrieden geben. Die Marathon-Weltrekordlerin (2:15:25 Stunden in London 2003) hat je dreimal den London- und den New York-Marathon gewonnen, außerdem triumphierte sie 2002 in Chicago. 2005 wurde Paula Radcliffe Marathon-Weltmeisterin, mehrmals gewann sie sowohl im Cross- als auch im Halbmarathon WM-Gold. Vor dem Rennen am Sonntag gab sie das folgende Interview:

Bild: photorun

Warum haben Sie sich für den Berlin-Marathon entschieden?

Paula Radcliffe: Seit meiner zweiten Schwangerschaft (Sohn Raphael wurde im September 2010 geboren, Anm. d. Red.) habe ich einen Start in Berlin im Kopf. Ich wollte nach meiner Rückkehr nicht zu lange warten bis ich wieder Marathon laufe, und Berlin ist das erste Rennen der World Marathon Majors im Herbst. Ich habe eine Wunschliste von Marathonläufen, die ich gerne noch rennen möchte. Berlin war immer dabei, so wie die anderen Rennen der World Marathon Majors. Ich hatte mich in der Vergangenheit auch mit Paul Tergat und Haile Gebrselassie über den Berlin-Marathon unterhalten.

Ihr letzter Start in Deutschland liegt lange zurück. 2002 gewannen Sie bei den Europameisterschaften in München Gold über 10.000 m. Seitdem waren Sie oft wieder in München, aber leider meist, um Verletzungen von Dr. Müller-Wohlfahrt behandeln zu lassen …

Paula Radcliffe: Ja, ich hatte einige schwere Zeiten. Aber manches Mal bin ich auch nur für Kontrolluntersuchungen nach München gekommen. Dann fand ich es sehr schön, im Englischen Garten laufen zu können. Ich bin früher immer gerne in Deutschland gestartet, im Cross und auf der Bahn. Deswegen freue ich mich jetzt auf meinen ersten Start bei einem deutschen Straßenlauf in Berlin.

Mit welchen Zielen gehen Sie an den Start, was für ein Rennen erwarten Sie?

Paula Radcliffe: Es ist immer mein Ziel, zu gewinnen und natürlich auch eine gute Zeit zu laufen. Ich erwarte ein schnelles Rennen in sehr guter Atmosphäre und freue mich darauf, endlich einmal bei einem Straßenlauf gegen Irina Mikitenko laufen zu können. Aber ich kann noch nicht über konkrete Zeitziele reden. Wichtig ist für mich vor allem, gesund durchzukommen.

Wissen Sie, wo der Berliner Streckenrekord steht?

Paula Radcliffe: Das müssten die 2:19:12 Stunden von Mizuki Noguchi sein …

… das stimmt – Sie sind schon ganz gut vorbereitet auf Berlin!

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Bild: photorun

Paula Radcliffe nach ihrem Marathon-Weltrekord am 1. April 2003 in London.

Haben Sie vor, im nächsten Jahr vor Olympia noch beim London-Marathon im April zu starten?

Paula Radcliffe: Ich würde London sehr gerne laufen, aber ich muss im Vorfeld der Olympischen Spiele vorsichtig sein und sehr genau auf meinen Körper hören. Wahrscheinlich wird daher das Rennen in Berlin der einzige Marathon vor Olympia bleiben.

Welche Ziele setzen Sie sich für den olympischen Marathon 2012 in London?

Paula Radcliffe: Es werden meine fünften Spiele sein und voraussichtlich die letzten für mich. Ich möchte Olympia in London genießen und endlich ein gutes Resultat bei den Spielen erreichen. Ich muss vor allem gesund bleiben, damit ich in der Lage bin, in London mein Bestes zu geben.

Sehen Sie sich als Favoritin für Olympia?

Paula Radcliffe: Zumindest deutlich weniger als in der Vergangenheit. Aber das macht es vielleicht auch etwas leichter. Wie wir wissen, sind die Favoritinnen ja bei Olympia oft gescheitert … Vielleicht ist Mary Keitany die stärkste Gegnerin. Aber es gibt noch etliche andere und es ist immer schwer zu sagen, was in einem olympischen Rennen passieren wird. Ich muss einfach so gut es geht trainieren und dann bereit sein für den großen Tag.

Denken Sie daran, nach Olympia in London ihre Karriere zu beenden?

Paula Radcliffe: Nein, auf keinen Fall. Ich plane, nach London 2012 weiter zu laufen.

Sie haben große Erfolge gehabt, viel Geld verdient und eine Familie mit zwei Kindern – ist es schwer, sich da immer wieder neu zu motivieren für hartes Training?

Paula Radcliffe: Das fällt mir nicht schwer, denn ich freue mich immer auf das Laufen. Ich trainiere gerne und kann das auch gut mit der Familie verbinden. Schwer waren Zeiten, in denen ich verletzt war und nicht laufen konnte. Da war es aber gut, dass die Kinder da waren. Sie lenkten mich ab und zeigten mir sozusagen, dass es auch noch etwas anderes gibt im Leben. Wenn ich gesund bin, bin ich heute genauso motiviert wie früher.

Mark Milde, der Berliner Race-Direktor, hatte gehofft, dass er Sie schon ein paar Jahre eher hätte verpflichten können, um den Weltrekord vielleicht auf unter 2:15 Stunden zu drücken. Ist eine solche Zeit für Sie noch denkbar in der Zukunft? Bereuen Sie es, nicht eher auf die schnelle Berliner Strecke gekommen zu sein?

Paula Radcliffe: Vielleicht sind 2:15 Stunden noch einmal möglich – das hängt vom Verlauf meines Trainings ab. Ich hatte nach meinem Weltrekordrennen in London schon noch manchmal wieder eine solche Form, doch dann erwischte ich nicht das richtige Rennen. Als Marathonläuferin hat man nun einmal nur eine begrenzte Zahl von Läufen. Ich werde jetzt natürlich älter und es wird daher eher schwerer, eine so gute Form noch einmal aufzubauen. Aber es ist nicht unmöglich. Ich bereue nicht, dass ich nicht eher nach Berlin gekommen bin. Denn ich kann auf eine erfolgreiche Marathonkarriere zurückblicken.

Glauben Sie, dass Ihr Marathon-Weltrekord fällt, wenn Läuferinnen wie Tirunesh Dibaba oder Meseret Defar eines Tages Marathon laufen? Wie sehen Sie die Entwicklung?

Paula Radcliffe: Es ist sehr schwer vorherzusagen, was im Marathon passieren wird. Denn Bahn und Marathon sind so verschieden, dass man nicht einfach sagen kann, dass eine Weltklasse-Bahnläuferin auch eine Top-Marathonläuferin wird. Man muss abwarten und sehen, wie diese Läuferinnen eines Tages Marathon laufen. Mary Keitany hat sicherlich großes Potenzial. Eines Tages wird mein Rekord fallen, denn es gibt eine natürliche Entwicklung. Aber als ich die 2:15:25 gelaufen bin, habe ich alles gegeben, damit der Rekord so lange wie möglich hält.

Was planen Sie nach Ihrer Karriere?

Paula Radcliffe: Ich habe noch keine Ahnung. Aber ich denke, dass ich mit meinem Sport in Verbindung bleibe. Denn die Leichtathletik hat mir viel gegeben, so dass ich gerne etwas zurückgeben möchte.

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