Transalpine-Run

Zwischen Alp- und Alpentraum

Der Transalpine-Run ist für unseren Redakteur Henning ein Traum – den er sich im vergangenen Jahr erfüllt hat. Lesen Sie in seinem Tagebuch über das „Abenteuer seines Lebens“.





Transalpine Run 2015 - Etappe 1 - Die Bilder: 7 Fotos

"Für mich, Henning Lenertz, (links) und meinen Kumpel und Teampartner Jens 'Jenson' Abernetty ist es jeweils der erste Transalpine-Run."

Bild: Lars Schneider

„Five!“ Worauf habe ich mich da nur eingelassen? „Four!“ Hätte ich noch mehr trainieren sollen? „Three!“ Werde ich all die Höhenmeter packen? „Two!“ Warum mache ich das hier bloß? „One!“ Werden Jenson und ich gut miteinander auskommen? „Peng!“ Der Startschuss ist gefallen.

Tag 1: Oberstdorf – Lech (35 Kilometer)

Ein Jahr lang habe ich mich gewissenhaft auf diesen Moment vorbereitet, wurde vom Straßen- zum Trailläufer. Und jetzt, da rund 300 Zweierteams den Countdown zum Start des Transalpine-Run (TAR) herunterzählen, jagen Zweifel durch meinen Kopf. Egal – ich schiebe sie mit dem Startschuss beiseite und mich selbst mit meinem Kumpel und Laufpartner Jens Abernetty – Jenson genannt – durch die Massen. Vorab wurden wir dafür belächelt, als Hamburger an einem Rennen in den Alpen teilzunehmen. Jetzt wollen wir allen zeigen, dass wir es draufhaben. Entsprechend motiviert gehen wir den ersten Anstieg an. Doch was ist das? Wieso gehen um uns herum alle? Niemand rennt. Wir überholen immer mehr Teilnehmer. Erst als wir auf Matthias und Dominik auflaufen, die wir von Rennen im Harz kennen, werden wir stutzig. Sollten auch wir lieber gehen? Besser wär’s. „Vorsicht!“ warnen die beiden: Der Tag sei lang und der TAR erst recht. Stimmt: 8 Etappen, 268 Kilometer und 16.310 Höhenmeter liegen vor uns. Also holen wir unsere Stöcke aus dem Rucksack und reihen uns ein in die Ka­rawane, die sich den Berg hinaufschiebt. Erst als es flacher wird, wechseln wir in den Laufschritt. Nach ungefähr zehn Kilometern erreichen wir den ersten Verpflegungspunkt (VP) und erhaschen einen Blick auf ein mächtiges Massiv. Nach oben windet sich ein steiler Pfad, dem wir folgen. Ganz oben besteht der Weg nur aus Leitern unter uns und Stahlseilen an der Felswand. Dafür, dass ich alles andere als alpinerfahren bin, klappt alles tadellos.

Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir die Fiderescharte, mit 2.214 Metern der höchste Punkt des Tages. Es ist heiß, kein Wind, keine Wolke. Jenson und ich erinnern uns gegenseitig ans Trinken und Essen. Den halsbrecherischen Abstieg gehen wir vorsichtig an (wer will sich schon am ersten Tag einen Bänderriss holen?), dann folgen noch zwei kleine Anstiege. Schon sind wir auf den letzten zehn Kilometern, die wellig bis hinein nach Lech führen.

Irgendwann merke ich, dass Jenson zurückbleibt. Obwohl hier alles laufbar ist, gehen wir. Allein weiterzulaufen ist keine Option: Der TAR ist ein Team-Event, wir dürfen höchstens zwei Minuten entfernt von­ein­ander sein. Ich merke erst spät, was los ist: Die Hitze setzt Jens zu. Wir kühlen uns an kleinen Bächen ab. Team um Team überholt uns. Die anfängliche Beunruhigung wegen des Rennergebnisses weicht der Sorge um Jenson. Am Ende schleppen wir uns nach 5:47 Stunden als 96. Team ins Ziel. So war das nicht geplant. Nach aufmunternden Worten und einer Cola im Zielbereich gehen wir mit hängenden Köpfen ins Hotel zur Massage. Die macht unsere müden Muskeln munter, so ist das Leid schnell wieder vergessen. Nach der abendlichen Pasta-Party, auf der die Strecke des nächsten Tages vorgestellt wird und wir uns mit Nudeln vollstopfen, geht es früh ins Bett. Läuft es morgen besser?

Tag 2: Lech – St. Anton (25 Kilometer)

Gute Nachricht: Jenson schnarcht nicht. Die Nacht im Doppelzimmer war erholsam, die Strapazen des Vortags sind wie weggeblasen. Der erste Anstieg ist schnell erklommen. Die Aussicht ist grandios, nur leider kriegen wir davon wenig mit. Ohne größere An- und Abstiege geht es bis zum zweiten VP. Flaschen auffüllen, Wassermelone und Gurke mit Salz essen, weiter. Gut, dass nur noch ein kurzer Anstieg auf uns wartet. Der Pfad windet sich durch Latschenkiefern hinauf. Gleich geht es runter. Als wir die Baumgrenze passieren, liegt vor uns ein Geröllfeld. Es ist riesig – und es steigt jäh an. Auf dem Geröll rutsche ich trotz Stöcken ständig zurück. Es ist nur noch ein Kilometer bis zum Gipfel, doch für den brauchen wir 25 Minuten. Endlich oben! Von dort geht’s dann acht Kilometer bergab, bis zum Etappenziel St. Anton. Platz 90. Wir lassen uns in Liegestühle fallen, quatschen mit anderen Läufern, genießen die Sonne und mischen uns Regenerationsdrinks zusammen. Vegan versteht sich.

Transalpine Run 2015 Henning Reportage 2

Bild: Sportograf

"Maximal zwei Minuten dürfen die Läufer eines Teams auseinander sein – Jenson und ich sind selten weiter als zwei Meter voneinander entfernt."

Tag 3: St. Anton – Landeck (40 Kilometer)

Das Vorstartprozedere ist jeden Tag gleich: Wir humpeln zum Frühstücksraum (keine Ahnung, wie wir heute 40 Kilometer laufen sollen), futtern massig, checken die Strecke, ziehen unsere Klamotten an. Heute kommen wir gut voran, anders als Matthias und Dominik, die am VP im Tal auf der Ladefläche eines Pick-ups sitzen. Dominik ist im Downhill böse umgeknickt. Sie beenden die Etappe, doch ab Tag 4 startet Matthias als Solist – und er ist nicht der Einzige. Von 576 in Zweierteams Gestarteten beenden 85 das Rennen ohne Partner. Nicht jede Trennung ist verletzungsbedingt. Oft gab es Zoff. Wer mehrere Tage ununterbrochen zusammen verbringt und das in so einer Extremsituation, der gerät auch mal aneinander. Zum Glück harmonieren Jenson und ich. Wir haben immer Gesprächsstoff, motivieren uns gegenseitig, treiben einander an. Wir stürzen uns ins Tal, sammeln Team um Team ein. Am Ende: Platz 57. Geil! Als wir am Abend mit Freunden im Restaurant unseren Erfolg feiern, sind die ersten beiden zähen Tage vergessen.

Tag 4: Landeck – Samnaun (46 Kilometer)

Wäre ich nicht so kaputt, hätte ich vor Ehrfurcht letzte Nacht kein Auge zugetan: Etappe 4 ist vier Kilometer länger als ein Marathon! Ich habe echt Schiss. Zwar bin ich im Training schon weiter gelaufen, jedoch noch nie mit Beinen, in denen schon 110 Alpen-Kilometer stecken. Und direkt nach dem Start steht der längste Anstieg des TAR an: 1.500 Höhenmeter geht es unablässig bergauf, teils eine Skipiste hoch. Wir brauchen knapp zwei Stunden. Für den Kopf ist es die Hölle, kaum zählbare Fortschritte zu machen. So verbiete ich mir irgendwann den Blick auf die Uhr.

Nach einem kurzen Flachstück geht es noch mal zehn Kilometer bergan, nicht so steil wie vorher, aber bis auf 2.800 Meter. Hier oben stockt einem der Atem – nicht wegen der Landschaft, sondern weil die Luft merklich dünner ist. Auf den finalen acht Kilometern hinab überholen wir ei­nige Läufer. Nach 7:23 Stunden landen wir auf Platz 65. Was für ein Tag! Das muss die längste Sporteinheit meines Lebens gewesen sein. Ich bin platt, will nur noch ins Hotel. Zum Glück gibt es ­Carmel Hild von Sommerkind Sportreisen. Sie hat für uns die Unterkünfte gebucht und kümmert sich während des TAR um alles. Wir müssen nur laufen und können danach um­fallen. Was würden wir ohne sie nur tun?

Tag 5: Samnaun (6 Kilometer Bergsprint)

Nach der längsten steht heute die kürzeste Etappe an: sechs Kilometer, die aber nur bergauf. Einzeln rennen wir den Berg hinauf. Es regnet in Strömen. Eine knappe Stunde quäle ich mich durch den Schlamm nach oben. Jenson folgt vier Minuten später. Mit der Seilbahn geht es zurück ins Tal. Der frühe Feierabend gibt uns Zeit, schmut­zige Klamotten zu waschen, jede Sauna des Hotels zu testen, viel zu essen und zu ruhen.

Tag 6: Samnaun – Scuol (37 Kilometer)

Bleierne Beine. Ich setze irgendwie einen Fuß vor den anderen. Aber mit jedem Meter wird es besser – was fehlt, sind Spritzigkeit und Kraft. Wir wechseln bergan ständig zwischen Lauf- und Wanderschritt. Selbst ganz kurze steilere Passagen werden zur Qual. Zweimal steigen wir auf 2.700 Meter auf, zweimal geht es danach ewig bergab. Die Oberschenkel schreien. Bergan hoffe ich, dass es gleich runter geht, bergab das Gegenteil. Im finalen Abstieg überholen wir viele Teams. Platz 63. Offenbar teilen wir uns die Kräfte besser ein, haben am Ende mehr Reserven.

Tag 7: Scuol – St. Valentin (38 Kilometer)

Die Uina-Schlucht ist ein Klassiker vieler Alpenüberquerungen. Durch ein immer enger werdendes Tal zieht sich ein teils in den Fels geschlagener Pfad, während rechts ein Fluss ins Tal donnert. Beeindruckend! Mit guter Laune erreichen wir eine wunderschöne Alp auf 2.300 Meter Höhe. Die Sonne, die es nicht in die enge Schlucht schaffte, wärmt uns. Doch nur Minuten später geht bei mir nichts mehr. Obwohl der Weg ohne große Anstiege dahinrollt, muss ich ständig gehen. Jetzt weiß ich, wie es Jenson auf der ersten Etappe ging. Bei mir ist es jedoch nicht die Hitze. Ich habe vergessen zu essen. Ich nehme ein Gel, verschlinge einen Riegel. Der Weg steigt wieder an. Jenson läuft vor mir, macht Scherze. Geteiltes Leid ist wirklich halbes Leid.

So plötzlich, wie die Schwächephase da war, ist sie auch wieder weg. Wir stürzen uns bergab, erblicken den Zielort. In Serpentinen geht es nach unten. Jensons finalem Kilometer kann ich kaum folgen. Der Zieleinlauf in St. Valentin wird zum Fest, mit Platz 46 landen wir erstmals in den Top 50. Ich feiere das im Hotelbett mit ­einer Tüte Chips und einer riesigen Pizza. Zwar kriege ich die mehr als 4.000 verbrannten Kalorien eh nicht wieder rein, aber versuchen kann man es ja mal.

Tag 8: St. Valentin – Sulden (41 Kilometer)

Zu viel Schnee: Wir laufen nicht die geplante Strecke, die uns auf 2.900 Meter hinaufgeführt hätte. Aber ich kann mich nicht freuen, dass die Etappe heute kürzer und leichter wird. Was oben als Schnee fällt, kommt im Tal als Regen herunter. Genauso trüb wie das Wetter ist die erste Hälfte der Etappe: 17 Kilometer laufen wir auf einem abschüssigen Fahrradweg, an riesigen Apfelplantagen vorbei. Niemand hat Lust, schnell zu rennen. So kommt es, dass wir Matthias und Mario, einen Lauffreund aus der Eifel, einsammeln und fort­an gemeinsame Sache machen. Erst die zweite Hälfte der Etappe verläuft wieder auf Trails. Der Weg zieht sich ewig nach oben. Die Stimmung wird besser, je näher das Ziel rückt. Ein Schild verrät, dass es noch fünf Kilometer bis nach Sulden sind.

Bergab muss ich mich vor lauter Euphorie bremsen, denn durch den Regen sind die Felsen verdammt rutschig. Noch vier: Die Zweifel, die mir am Start durch den Kopf gingen, sind verschwunden. Noch drei: Ich lasse die letzten Tage Revue passieren. Noch zwei: Ich höre die Musik aus dem Zielbereich. Noch einer: Ich grinse bis über beide Ohren. Null: Arm in Arm mit Jenson, Mario und Matthias laufe ich ins Ziel. Tagesplatz 50. Über alle acht Etappen gesehen werden wir 60., in 39:48 Stunden.

Aber die Platzierung ist mir völlig egal. Das Abenteuer meines Lebens ist vorbei. Es ist ein besonderer Moment, weil ich mir so unsicher war, ob ich es überhaupt schaffen würde. Während ich im Liegestuhl ­hocke und eine Träne verdrücke, geht mir nur eine einzige Frage durch den Kopf: Kann ich nächstes Jahr wieder starten?*

* Nein, in 2016 bin ich nicht wieder gestartet. Aber Jenson und ich werden ganz sicher nochmal am TAR teilnehmen ...