Leser-Reporter Wilma und Lydia

Zwei Schwestern bei der Marathonpremiere

Der erste Marathon ist etwas ganz Besonderes. Lydia und Wilma Alf berichten von ihrer Marathonpremiere in Schottland beim Loch Ness Marathon 2013.

Leser-Reporter Loch Ness Marathon 2013 1

Lydia (rechts) und Wilma (links) beim Loch Ness Marathon bei Inverness.

Bild: Privat

Unser erstes Mal sollte ein kleiner und spezieller Marathon sein. An einem feuchtfröhlichen Abend meldete uns Dave, der Nichtläufer, kurzerhand für den Loch Ness Marathon in Schottland an. Schnell war der Trainingsplan von RUNNER’S WORLD für eine Zielzeit von 4:30 Stunden für machbar befunden. Unsere Vorbereitungen umfassten im Juni einen Halbmarathon in Stuttgart und im Juli einen Elf-Kilometer-Gourmetlauf in Fürth – zur Motivation. Anschließend bereiteten wir uns im 13-wöchigen Training getrennt vor, ich in Ulm und Wilma, meine Schwester, in Mühlhausen.

Der 29. September 2013 war unser Tag. Ab 7.15 Uhr holten Busse die Läufer in Inverness ab, um sie zum Startpunkt in der Nähe von Fort Augustus zu bringen. Der Zieleinlauf sollte später im Bught Park in Inverness sein. Wir stiegen in Drumnadrochit, der Nessi-Hochburg, in einen der beiden Busse ein, einige wenige Läufer stiegen noch in Fort Augustus zu. Nach einer Stunde Busfahrt erreichten wir auf einer Anhöhe den Startpunkt zwischen Fort Augustus und Foyers und warteten bei Sonne und Wind leicht ausgekühlt auf das ersehnte Startzeichen. Um 10 Uhr war es schließlich soweit und Dudelsackspieler schickten uns und 2.700 andere Läufer auf den Weg.

Nach dem Start ging es zuerst schön langsam bergab, durch ein Waldstück. Es folgte eine flache kurze Strecke und dann ging es wieder bergauf, bergab, bergauf, auch wenn es zum Teil nur kurze Steigungen waren. Es war trotzdem sehr anstrengend, und wir hatten das Höhenprofil deutlich unterschätzt! Schließlich merkte ich die Steigungen dann auch in meinen Schenkeln und dachte mir: „Das wird wohl einen tollen Muskelkater geben!“. Dennoch war ich von der tollen Aussicht auf den See total begeistert, und das Wetter spielte mit.

Nach 2,6 Meilen war der erste der 15 Verpflegungsstände erreicht und aufgeregte, strahlende Kinder, Jugendliche und Erwachsene reichten uns das Wasser in 0,33-Liter-Plastikflaschen. Die waren viel praktischer als die üblichen Plastikbecher, weil man kaum etwas verschüttet hat und sich mit dem Trinken Zeit lassen konnte. Weggeworfen wurden sie bei der entsprechenden Markierung, etwa eine Meile später.

Lydia mobilisiert auf der Zielgeraden die letzten Kräfte.

Bild: Privat

Inzwischen zeichnete sich schon ab, dass mit vielen Zuschauern nicht zu rechnen war. Da die einspurige Strecke gesperrt war, feuerten uns vor allem die Bewohner der vereinzelten Cottages an der Stecke an. Wir hatten verabredet, getrennt voneinander zu laufen, damit jeder seinem Rhythmus folgen kann und so war jeder mit sich und der Natur beschäftigt. Unterwegs wurden wir mit irischer Musik aus dem Auto-Radio und von einem Dudelsackspieler angefeuert. An einem Friedhof munterte eine einsame Läuferin die zum Teil erschöpft Vorbeiziehenden mit lautem Klatschen und Rufen auf. Am zweiten Verpflegungsstand waren die Gels und Energieriegel bereits ausgegangen, weshalb einige Läufer Reste vom Boden aufsammelten. Etwa sechs Angehörige des schottischen Militärs waren komplett in Montur und mit jeweils 20 Kilo Gepäck angetreten und beim Bergauflaufen deutlich keuchend zu hören. Ablenkung boten auch die ausgeschriebenen Meilen: es waren ja nur 26,2 Meilen und keine 42,195 Kilometer!

Nach 8 Meilen musste ich nach einem Blick auf meine Uhr feststellen, dass mein Zeitziel von 4:20 Stunden nicht mehr zu erreichen war. Ich hatte für die ersten 8 Meilen schon viel zu lange gebraucht, das könnte ich nicht wieder aufholen.

An dieser Stelle hatte ich einen Moment der Frustration, und ich verfluchte diesen Marathon. Es gab doch auch flache Marathons, wieso mussten wir nur bei diesem mitmachen! Fast wäre ich in Ulm den Halbmarathon gelaufen, der fand am gleichen Tag statt. Und da wäre ich – mit der Zeitverschiebung und allem – jetzt schon im Ziel. Dann hätte ich es schon hinter mir! Trotzdem hatte ich noch Hoffnung, dass ich vielleicht – wie durch ein Wunder – die Zeit doch noch schaffen könnte. Durch einen Höhenflug oder Ähnliches. Die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt! Dann kamen mir wieder andere Gedanken: Was sagen alle? Hauptsache gesund ankommen? Oder der olympische Gedanke: „Dabei sein ist alles!“ …

Was für ein Quatsch! Wenn man schon gemeldet ist, Monate nach Plan trainiert hat und der Startschuss fällt, dann läuft man den Marathon auch. Und zwar in einer passablen Zeit! Tja, dann habe ich versucht alles ein wenig realistisch zu sehen: 1. Ich wollte ins Ziel kommen! 2. Wenn es sein muss, dann halt doch langsamer, es gibt schließlich Schlimmeres, und 3. Ich wollte nicht auf allen Vieren ins Ziel kriechen oder getragen werden (was ich schon als Zuschauer mehrfach gesehen hatte). Somit freundete ich mich mit dem Gedanken an, langsamer, aber dafür fröhlicher ins Ziel zu gelangen.

Leser-Reporter Loch Ness Marathon 2013 2

Bild: Privat

Wilma auf der Zielgeraden im Zentrum von Inverness.

Marshalls mit Motorrad fuhren an uns vorbei, um nach dem Rechten zu schauen und beschallten gleichzeitig die Läufer mit klasse Rockmusik. Und irgendwann wurde die Strecke vor uns zweispurig und wir durften nur noch auf der linken Seite laufen, die rechte war für den Verkehr freigegeben. Ein verwirrtes älteres Ehepaar im Auto musste in der Nähe von Dores von den Marshalls aus der Läufermenge hinausbegleitet werden – fahren auf der rechten Straßenseite bedarf schon einer gewissen Ermunterung. Nach 19 Meilen war laut den Hinweistafeln, die uns einige Zuschauer entgegenstreckten, der letzte steile und kräfteraubende Anstieg zu bewältigen. Inverness konnte also nicht mehr weit sein.

Die letzten zwei Steigungen konnte ich schon nicht mehr laufend bewältigen. Ich war richtig glücklich, als ich die letzte Steigung hinter mich gebracht hatte und es nur noch flach vor mir war. Wie erholsam! An der Stelle wusste ich: Wenn ich jetzt noch einmal aufhöre zu laufen und stattdessen gehe, dann streiken meine Beine. Deswegen blendete ich die Schmerzen aus und lief auf flacher Strecke weiter. Ich konnte sogar noch Läufer überholen und schneller werden.

Die Strecke führte weiter am River Ness entlang in die City, vorbei an Restaurants und Cafés mit Tischen und Stühlen in der warmen Sonne. Wir überquerten den Fluss über die Ness Bridge und bogen auf der anderen Seite des River Ness in die Zielgerade zum Bught Park ein. Meine Beine wollten gar nicht mehr aufhören zu laufen, die haben sich einfach ins Ziel bewegt. Vor allem, weil man dann schon hört und weiß, dass da vorne das Ziel sein muss. Als das Ziel dann schließlich in Sicht war, waren die Strapazen, die Gedanken, einfach alles, in den Hintergrund getreten. Da war nur noch der eine Gedanke: „Yeah! Geschafft!“, und ich überquerte nach 4:38:44 Stunden hocherhobenen Hauptes die Ziellinie.

Meine Schwester folgte mir nach 4:52:05 Stunden. Sie erzählte mir, wie sie jede Steigung locker flockig bewältigte. Sie hatte hinterher auch keinen solchen Muskelkater wie ich. Für sie war es nicht wichtig, ob viele Zuschauer da waren oder nicht, sie lief den Marathon nämlich für sich selbst und trug ihn mit sich selber aus. Ihr war es wichtig, dass sie den Marathon überhaupt schafft und das unter fünf Stunden.

Dave, der Nichtläufer, war derweil organisatorisch und fotografisch am Werk und fing sehr emotionale Momente beim Zieleinlauf ein. Unser Marathontag endete im Fiddler’s, dem beliebtesten Restaurant in Drumnadrochit, und stießen feuchtfröhlich mit einer guten Flasche Champagner auf unseren erfolgreichen Marathon an.

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