Half Marathon des Sables

Wüstenmarathon mit Abenteuerfaktor

Hatte sich unsere Autorin Jana Wagner insgeheim vielleicht auf ein bisschen Urlaubsfeeling auf Fuerteventura gefreut, bekam sie fünf Tage Abenteuer mitten in der Wüste.

Half Marathon des Sables: Die Fotos
04102017 Half Marathon des Sables 2017

Der Half Marathon des Sables ist kein echter Halbmarathon, sondern der halbe Marathon des Sables, d.h. es es sind 113 Kilometer in drei Etappen zu bewältigen.

Bild: Marta Bacardit

Langsam wird der Horizont hell. Aus einer langen Reihe tanzender Lichtkegel von gut 300 Stirnlampen wird eine lange Reihe marschierender Menschen. Rhythmisch wippen die Startnummern auf den Rucksäcken vor mir auf und ab. Außer kahlen Bergen und Geröll ist weit und breit nichts zu sehen. Fast wie in Trance setze ich einen Fuß vor den anderen. Weiß-rotes Flatterband, geknotet um verdorrte Wüstenbüsche, weist uns den Weg, seit wir unser Camp verlassen haben. Die Minuten vergehen schleppend, abwechselnd felsiger Untergrund und lockerer Sand zerren an den Kräften. Es herrscht Schweigen. Dann kommt endlich das Ziel in Sicht: keine Ziellinie, sondern drei Reisebusse. Die Etappe hat noch nicht einmal angefangen. Die Busse werden uns vom Camp an die Startlinie des Half Marathons des Sables (HMDS) bringen.

Half Marathon des Sables, also Wüsten-Halbmarathon – auf den ersten Blick ist der Name der Veranstaltung etwas irreführend, denn in Wahrheit handelt es sich um einen 113 Kilometer langen Etappenlauf. Macht man sich aber mit dem Hintergrund der Veranstaltung vertraut, wird klar: Was in diesem Jahr erstmalig stattfindet, ist der halbe Marathon des Sables (MDS) – und der ist nun mal 230 Kilometer lang. „Wir wollten eine leichtere Version des MDS ins Leben rufen“, so Patrick Bauer, Begründer des legendären Laufes durch die Sahara. „Gerade weniger erfahrene Läufer haben hier die Chance, sich mit der Selbstversorgung, den Bedingungen der Wüste und dem Leben im Biwak vertraut zu machen“. Mehr als 250 Ultra-Läufer aus allen Teilen der Welt haben diese Möglichkeit wahrgenommen und sind auf die Ferieninsel Fuerteventura gereist. Vier Tage lang werden sie nun ihre Füße strapazieren, in einem Ein-Personenzelt schlafen, selbst mitgebrachte Tütennahrung essen und Hygiene auf ein sehr grundlegendes Niveau herunterfahren.

„Der Reiz ist es, an die eigenen Grenzen zu gehen – darum tut man sich das an.“ Thomas schlängelt sich durch die in Grüppchen zusammenstehenden Läufer in den Schatten der Felswände. In der prallen Sonne wird er heute noch genug Zeit verbringen. Es ist der Tag der ersten Etappe, kurz vor dem Start. Marc nickt: „So ein Lauf ist natürlich eine Herausforderung vor der man auch Respekt hat.“ Die beiden Mittvierziger sind zwei der vier deutschen Teilnehmer. Nervosität ist ihnen nicht anzumerken, vielmehr wirken sie freudig-erwartungsvoll. Und sie entsprechen ziemlich genau der Zielgruppe: Noch nicht wüstenerfahren arbeiten sie auf den MDS 2018 hin. „Unter die ersten 10 Prozent würde ich schon gerne kommen“, beschreibt Marc seine Zielvorstellungen zu Recht optimistisch: Beim Rennsteig-Supermarathon ist er in diesem Jahr auf Anhieb Neunundneunzigster geworden und geht damit als deutscher Favorit ins Rennen. Thomas dagegen will einfach nur gut durchkommen – und nach dem Lauf seinem 3-jährigen Sohn, der mit Thomas' Frau die Zeit im Hotel auf Fuerte verbringt, die Medaille präsentieren. Dann beginnen sich auf einmal die Läufer an der Startlinie zu sammeln und die beiden ziehen los. Während sie sich im Feld einordnen, richtet Organisator Bauer noch ein paar Worte an die Läufer. „Natürlich geht es auch um Konkurrenz, aber wenn man jemanden in Not sieht, ist es Zeit, die Uhr zu stoppen und zu helfen“, gibt er den Läufern die Marathon-des-Sables-Philosophie mit auf den Weg. Und genau wie beim großen Vorbild werden die Läufer unter epischer Musik schließlich in die Wüste entlassen.

257 Teilnehmer starten direkt an der Ostküste Fuerteventuras in den ersten HMDS.

Bild: HMDS – Séverine Brussoz

Mit der sengenden Sonne im Rücken und dem kräftigen Wind von der Küste im Gesicht stehe ich drei Stunden später auf einem Hügel nahe unserem Camp. In der bemerkenswert vegetationslosen Landschaft der Insel erscheinen nach und nach immer mehr Teilnehmer und laufen ins Ziel der ersten Etappe ein. 25,5 Kilometer und gut 600 Höhenmeter haben sie hinter sich gebracht – und sehen trotzdem gut gelaunt und entspannt aus. Zentrum des Rennens ist das Camp, das über die gesamten vier Tage an der gleichen Stelle bleibt. Hier befinden sich nicht nur die Schlafzelte der Läufer und Organisatoren, sondern auch die Medizin- und Medienzelte. Von hier werden die Läufer mit Bussen an die – über die Insel verteilt liegenden – Startlinien der drei Etappen gebracht. Von dort laufen sie dann zum Camp zurück. Während des Laufens sind die Teilnehmer verpflichtet, alle ihre Utensilien (Pflichtausrüstung: zwei Liter Wasser, mindestens 2000 Kalorien am Tag, Schlafsack, Stirnlampe, Survival-Ausrüstung) im Rucksack mitzuführen – im Zelt darf nichts zurückbleiben. Außer einer begrenzten Menge Wasser wird von den Organisatoren nichts gestellt – keine leichten Bedingungen bei guten 30 Grad in der Sonne. Aber leicht soll ein Ultra-Lauf durch die Wüste ja auch nicht sein.

Einfach ist auch das Journalisten-Dasein beim HMDS nicht. Es ist fünf Uhr morgens als der Handy-Wecker am Donnerstag klingelt. Im stockfinsteren Zelt richte ich mich auf. Vom Sandboden fühlt sich mein Nacken heiß und verspannt an, zum Glück wird er sofort vom eiskalten Kondenswasser gekühlt, das die innere Zeltwand bedeckt. Komfort ist definitiv etwas anderes. Immerhin Frühstück gibt es für uns. Mit zwei Fotografen will ich heute den letzten Läufern der zweiten Etappe entgegengehen. Von der Ziellinie beim Camp brechen wir Richtung Küste auf. Traditionell gibt es beim MDS eine Etappe, die deutlich länger als die anderen ist. Teilweise 90 Kilometer müssen die Teilnehmer sich dort durch die Sahara quälen. Hier sind es zwar „nur“ 65,5 Kilometer das Terrain ist aber anspruchsvoll und viele haben bereits schwer mit den obligatorischen Blasen zu kämpfen. „How far is it?“, stöhnt ein einzelner Läufer, der uns entgegenkommt, als wir schon eine gute Stunde unterwegs sind. Ein nachfolgendes Pärchen ist dagegen noch gut drauf und posiert sogar für uns während zwei Britinnen über die Aussicht auf diesem schmalen Pfad staunen: „This is why you do a race like this!“ rufen sie und deuten auf die Berge, die sich jetzt, kurz vor Sonnenaufgang gegen das weiche Licht abzeichnen und über dem rauen Ozean thronen. Über 24 Stunden sind die Läufer, die jetzt im Ziel ankommen nun unterwegs.

„Ganz witzig war das mit den Touristen“, erzählt Marc, den ich später am Tag wiedertreffe. An der zweiten Verpflegungsstation der Etappe, am schwarzen Strand von Ajuy, sind zwei Welten Fuerteventuras aufeinandergetroffen: Von ihren Handtüchern aus beobachteten die Touris die Läufer beim kurzen Verschnaufen und Auffüllen der Wasserflaschen. Auch wenn es einige verständnislose Blicke gab, viele Urlauber haben sich spontan zum Applaudieren und Anfeuern aufgestellt – quasi Heimvorteil für Marc und die anderen Deutschen. Während wir reden, wandern wir um die Zelte der Läufer. Wer bereits gestern oder in der Nacht angekommen ist, hat einen ganzen Tag zur Regeneration. Überall sitzen Läufer vor ihren Zelten oder suchen etwas Schatten unter dem großen Pavillon am Rande des Camps. Alle eint ein sehr langsamer und vorsichtiger Gang, aber die Stimmung ist sehr locker. Marc ist auch locker, er ist als 16. ins Ziel gekommen und damit mehr als zufrieden. „Wenn du morgen läufst, trink bloß genug Wasser“, sagt er zu mir und spricht damit den Höhepunkt meiner Reise an: Die dritte und letzte Etappe werde ich (weder wüsten- noch ultralauferfahren) mitlaufen.

04102017 Half Marathon des Sables 2017

Bild: Franck Oddoux

Vor der letzten Etappe: Die Reporterin zwischen zwei der vier deutschen Teilnehmer Thomas Blascyk (links) und Marc Schneider (rechts).

Als ich am nächsten Tag meine Journalistenweste im Biwak zurücklasse und meine Beine schon auf dem wenige Kilometer langen Weg vom Camp zu den Transfer-Bussen spüre, wächst mein Respekt vor den Läufern. 92 Kilometer haben die sonnengebräunten, mit Stöcken und Gamaschen über den Schuhen ausgerüsteten Sportler schon hinter sich. 21,5 liegen noch vor uns – die Wanderung zu den Bussen nicht mitgezählt. Noch schnell den ausgeteilten Routenplan studieren, Sonnencreme ins Gesicht und schon stehe ich zwischen den Läufern am Start. „Das Terrain ist heute schwierig, so richtig angreifen wird wohl keiner“, meint Thomas, neben dem ich starte. Und schnell merke ich, was er meint: Über weite Strecken ist an richtiges Laufen nicht zu denken. Dichtes Geröll und scharfkantiges Lavagestein strapazieren Koordinationsfähigkeit und Schuhsohlen. Schon nach wenigen Kilometern stehen die Ersten am Rand und kümmern sich um einen gestürzten Mitläufer. Auf die Vulkanlandschaft folgt dann wieder karge Wüste: Fuerteventura als Austragungsort des Half Marathon des Sables wurde übrigens ausgesucht, weil die Bedingungen in vielerlei Hinsicht denen in der Sahara ähneln.

Und bald merke ich, was das Laufen in der Wüste darüber hinaus ausmacht: Die extreme Weitläufigkeit der Landschaft. Sieht man den Pfad, auf dem man läuft, zu einer immer schmaleren Linie werden und ganz klein am Horizont die Silhouetten der Vorläufer, ist es vor allem eine mentale Sache durchzuhalten. Felsen, Schotter, Sand, Strand, Stein – und immer wieder an das Trinken denken. Meine Oberschenkel brennen, als es den letzten, sehr steilen Berg hinauf geht. „Let’s go! Last Mountain!“, motivieren uns die Streckenposten. Nach einem Abstieg, der eher einer Klettertour gleicht, kommt dann aber das Ziel in Sicht. Um die Läufer auf den letzten Metern noch mal richtig zu fordern, macht der Weg einen Extra-Bogen durch den trockenen Strand-Sand. Hinter der Ziellinie wartet ein lachender Patrick Bauer, der jeden Ankommenden herzlich umarmt. Auch wenn ich nur eine Etappe gelaufen bin fühle ich mich wirklich stolz. Marc ist als 25. ins Ziel gekommen, verteidigt aber in der Gesamtwertung seinen sehr guten 16. Platz. Thomas läuft 10 Minuten vor mir nach etwas mehr als drei Stunden ins Ziel ein. Auch Corinna und Dirk, die anderen beiden Deutschen belegen starke Plätze im vorderen Mittelfeld. Erschöpft aber zufrieden freuen sich nun alle auf die Dusche, die zwar nur provisorisch installiert ist, aber trotzdem unglaublich gut tut.

Eine spektakuläre Strecke und eine tolle Atmosphäre aber kleine Schwachpunkte bei der Organisation – so fassen die meisten Finisher die Premiere des HMDS am nächsten Abend, beim Gala-Dinner im Hotel zusammen. Vor allem die gelegentlich mangelhafte Kennzeichnung der Route und die schwache Nachzielversorgung waren Kritikpunkte der Läufer. „Wir haben eine Menge Feedback bekommen und werden das für die kommenden Ausgaben berücksichtigen“, blickt Organisator Bauer schon in die Zukunft. „Denn natürlich wollen wir allen ein schönes und erfahrungsreiches Rennen bieten!“ Dieses Ziel wurde auch mit der Erstausgabe erreicht, denn obwohl die alten Hasen im Geschäft von „Power Hiking“ sprechen und die hohe Finisherquote als Indiz für eine (zu) leichte Strecke sehen, war der erste HMDS als eine Art Live-Trainingslager für die großen Marathon des Sables-Veranstaltungen doch ein echter Erfolg. In Zukunft wollen die Organisatoren ein noch größeres Publikum anziehen. Dann werden sich 2018 vielleicht schon doppelt so viele „Verrückte“, wie Läufer Thomas es ausdrückte, in die Wüste fahren lassen um unter der Sonne Fuerteventuras ein Lauf-Abenteuer zu erleben.

Half Marathon des Sables (HDMS) 2017: Die Fakten

Ort: Landenge bei La Pared, Fuerteventura
Gesamtlänge: 113,1 km
Etappen: Tag 1: 25,5 km
Tag 2 und 3: 66,5 km
Tag 4: 21,1 km
Organisation: Selbstverpflegung, Ein-Personen-Zelt und ein Paar Laufstöcke
werden gestellt, alle Ausrüstungsgegenstände müssen beim Laufen
mitgeführt werden
Teilnehmer: 257 Teilnehmer
Finisherquote: 89%
Kosten: Ca. 1.200 Euro

Alle Informationen zur Premiere des Half Marathon des Sables und demnächst auch zur Ausgabe 2018 auf der offiziellen Homepage der Veranstaltung www.marathondessables.com/fuerteventura.