Ausprobiert

Wie fühlt es sich an, als Letzter ins Ziel zu laufen?

Im 36. Teil unserer Serie "Ausprobiert" wollte unser Redakteur wissen, wie es sich anfühlt, wenn man in einem Laufwettkampf Letzter wird. Eins ist sicher: Es gibt Schlimmeres.

Ausprobiert: als Letzter ins Ziel laufen

700 Meter vor dem Ziel wurden unser Redakteur und der Weihnachtsmann vom Besenwagen eingeholt – kein himmlisches Vergnügen, aber auch nicht die Hölle.

Bild: Sonja von Opel

Die Bedingungen:
1. Voraussetzung war eine registrierte Teil­nahme an einem offiziellen Wettkampf.

2. Vom Start bis ins Ziel musste als Letzter gelaufen werden.

3. Auf die Mitletzten war unbedingt Rück­sicht zu nehmen.

Ganz ehrlich, ich hatte mir das Ganze spektakulärer vorgestellt. Um es also vorwegzunehmen: In einem Rennen Letzter zu werden, ist recht unspektakulär. Und wahrscheinlich ist das auch gut so. Denn wer Letzter wird, wird dies nicht, weil er Letzter werden will, sondern, weil er einfach nicht schnel­ler kann. So what? Glauben Sie nicht, dass die Letzten besonders viel Aufmerksamkeit bekämen, nein, sie bekommen genauso viel oder wenig Aufmerksamkeit, wie die, die in der Mitte des Feldes mitlaufen. Also, es ist nichts dran an der Mär, dass die Ersten UND Letzten den meisten Applaus bekämen. Auf die Letzten warten lediglich das Zielgericht und die Verwandtschaft, sonst niemand. Und auch das ist völlig okay – für die Letzten.

Direkt nach dem Start abgeschlagen hinter dem Feld

Ich hatte mir für mein Projekt den Nikolauslauf im Olympiapark in München ausgesucht: Es handelte sich um eine Veranstaltung mit 1.000 Teilnehmern, eine 10­-Kilometer­-Distanz über zwei 5-­Kilometer-­Runden, ein etabliertes Event. Schon bei der Startaufstellung reihte ich mich unter den Letzten ein. Ein bunter Haufen, keinesfalls nur „Alte“ und „Rundliche“. Mit dem Start­schuss trabten wir los. Keiner ging, alle liefen. Doch schon wenige Hundert Meter nach dem Start waren wir nur noch zu sechst. Kein langer Tatzelwurm und wir das Ende, sondern die Letzten waren sofort abgeschlagene Letzte. Ich reihte mich hinter vier Freundinnen ein. Drei davon fit, doch eine sollte wohl über ihren ersten 10­-Kilometer-­Lauf geleitet werden. Und davor lief der Weihnachtsmann!

Überrundet werden auf respektvolle Art und Weise

Un­gefähr bei Kilometer drei zeigte der Weihnachtsmann Schwächen, und die Damen zogen davon. Davor, schon nach einem Drittel des Rennens, gab es ein großes Nichts. Ein Loch, nie­mand war mehr zu sehen. Ab Kilometer vier gab es nur noch den Weihnachtsmann und mich. Nein, halt, stimmt gar nicht. Wir wurden überrundet. Ein spannender Moment. Und wie gingen die Ersten mit den Letzten um? Respektvoll! Sie um­kurvten uns, grüßten kurz, und Jörg, der Weihnachtsmann, erfahren am Schluss des Feldes, versuchte, aus der Ideallinie zu weichen. Kein Spott von vorn, kein Neid von hinten.

Schlimmer als Letzter zu werden: Gar nicht laufen können

Auf der zweiten Runde dann die ganz große Einsamkeit: keine Läufer, keine Zuschauer mehr. Nur die Streckenposten warte­ten brav bis ganz zum Schluss. War es trostlos? Nein, Jörg ging es ums Schaffen, den Kampf gegen sich selbst, nicht gegen andere, nicht für andere. „Letzter werden will man nicht“, sagt er, „aber es gibt Schlimmeres im Leben: zum Beispiel gar nicht laufen zu können.“ Respekt, Jörg!

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