Dieter Hogen

Wer in der Gruppe trainiert, muss fit sein

Warum trainieren Kenianer in der Gruppe? Teil 4 der Analyse von Lauftrainer Dieter Hogen.

Gruppentraining sorgt in Kenia für Erfolg

Gruppentraining ist ein wichtiger Aspekt des kenianischen Erfolges.

Bild: photorun.net

Die Kenianer werden seit Jahrzehnten mit qualitativ hervorragenden Trainingsprogrammen versorgt und betreut, meistens von ihren europäischen, aber auch von weltweit verstreuten Trainern und Managern – das Beste, das die Welt zu bieten hat. Dieses Wissen ist auch für deutsche Trainer und Athleten zugänglich, wenn es nicht schon praktiziert wird.

Wie bereits angedeutet, suchen die Kenianer ganz bewusst und gezielt die Gruppe zur Selbstverwirklichung. Wenn man hin und wieder Läufer trifft, die einen Teil ihres Programms oder zeitweise auch ihr gesamtes Training allein absolvieren, dann hat das meistens seine Gründe. Wer in „seiner“ Gruppe trainiert, muss fit sein und sollte zumindest den Anschluss an das allgemeine Gruppen-Niveau erreicht haben, um nicht zu früh mit Intensitäten konfrontiert zu werden, für die er noch nicht bereit ist. Ein solcher Fehler wird meist mit Verletzung oder körperlichem Ab- statt Aufbau bestraft.

Hier in Kenia hat man aber auch den Vorteil, dass die großen, oft sporadisch entstandenen Gruppen eine große Leistungsbreite aufweisen. Diese Situation bewirkt aber auch, dass neben denen, die davon profitieren, weil sie gerade fit genug sind und an der Konkurrenz wachsen, weil sie mehr gefordert werden und dadurch stärker werden, es viele gibt, die immer das letzte geben und so dauermüde oder anders herum Dauer-Durchschnitt sind. Wir alle wissen, dass hartes Training reizt und zerstört und die Entwicklung während der Ruhephasen passiert. Wer also das Gruppentraining beherrschen und für sich nutzen will, sollte sich dieser Zusammenhänge sehr bewusst sein und notfalls lieber mal allein trainieren, bis ein gewisses Niveau erreicht ist. Mit zuviel Ehrgeiz erreicht man oft das Gegenteil.

Aus diesem Blickwinkel haben es die kenianischen Damen oft einfacher. Die Breite, oder mit anderen Worten, die Anzahl weiblicher Athleten ist geringer, es ist schwerer, Gruppen zu bilden. Da sie eventuell auch zu verschiedenen Management-Gruppen gehören, können Saisonplanung, Wettkämpfe und Trainingsprogramme sehr unterschiedlich sein. Dieses Problem wird gelöst, indem man sich Tempomacher organisiert. Das kann der Nachbar sein, der ein bisschen läuft, junge Athleten oder in vielen Fällen auch Athleten, die keine Hoffnung auf eine eigene erfolgreiche Karriere haben, aber trotzdem noch Lust am Laufen verspüren. Sie werden dann entsprechend motiviert, zum Beispiel mit Ausrüstung, und haben Spaß.

In vielen Fällen ist es auch der Ehemann, der sich „opfert“. Wenn beide das richtige Laufgefühl füreinander haben, kann man fordern ohne zu zerstören. Partner- oder Gruppentraining hat außerdem den Vorteil, dass man mal träumen kann, einfach nur mitschwimmt, anstatt ständig selbst das Tempo bestimmen zu müssen, was ja der Hauptgrund für das Tempomachen bei Wettkämpfen ist. Ich stimme also allen zu, die im Gruppentraining eine entscheidende Triebfeder für die Leistung sehen.

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