Sarajevo-Halbmarathon 2016

Von der Laufschule zum Halbmarathon

Um Teilnehmer für den Halbmarathon durch Sarajevo zu generieren, gründete das OK-Team eine Laufschule. Ein Erfolgsrezept, das inzwischen für eine lebendige Laufszene in der Stadt sorgt.

Sarajevo-Halbmarathon 2016 - Die Fotos
Sarajevo-Halbmarathon

Vorbei an den Sehenswürdigkeiten der Stadt führt der Sarajevo-Halbmarathon.

Bild: Aida Redzepagic

Sarajevo ist nur rund eine Flugstunde von Wien entfernt, doch die Hauptstadt des südosteuropäischen Staates Bosnien-Herzegowina kennen in Deutschland nur wenige. Und kaum ein deutscher Läufer hat schon etwas vom Sarajevo-Halbmarathon gehört. Schade. Denn die Stadt empfängt den Besucher im Spätsommer mit mediterraner Atmosphäre und das über zehn Jahre gewachsene Event bietet ein tolles Lauferlebnis.

Am 18. September starteten insgesamt mehr als 2.000 Läufer über die verschiedenen Distanzen vor dem Einkaufszentrum BBI mitten in Zentrum der Stadt. Barbaras Bene aus Ungarn und Tamas Nagy liefen bis zum letzten Kilometer gemeinsam durch Sarajevo und unterhielten sich dabei sogar. Doch gemeinsam Händchen haltend wollten sie dann doch nicht über den Zielstrich laufen. Bene setzte sich beim Endspurt auf der rund 600 Meter geradeaus führenden Zielgeraden durch und siegte in 1:09:36 Stunden vor Nagy (1:09:47).

Schnellste Frau war Sladjana Perunovic aus Montenegro in 1:19:00 Stunden vor Tünde Szabo aus Ungarn (1:20:43). Als erster deutscher Halbmarathonläufer überquerte Martin Gaber nach 1:27:34 Stunden die Ziellinie, schnellste deutsche Läuferin war Ann-Kathrin Kotte in 1:36:57.

1.005 Halbmarathon-Finisher in Sarajevo

1.005 finishten die komplette 21,1-km-Distanz erfolgreich. Läufer aus 30 Nationen waren am Start. Die ersten gut 150 Läufer liefen sogar noch ein paar, vielleicht 100 Meter mehr. Denn für sie war das Olympiastadion kurioserweise noch nicht offen, wo 1984 die Olympischen Spiele eröffnet wurden. Eigentlich führt der Kurs über die Tartanbahn, doch da das Tor zunächst verschlossen blieb, wurden die schnelleren Läufer außen um das Stadion geführt. Das blieb aber auch die einzige Panne in einem straff durchorganisierten Rennen auf hohem internationalem Niveau.

Auch die langsamen Läufer und Läuferinnen - wie diese von ihrer Tochter auf den letzten Metern begleitete 2:30-Stunden-Finisherin - wurden noch kräftig angefeuert.

Bild: Claus Dahms

Ein Dreier-Team führt die Organisation seit der Premiere. Dabei ist man nicht auf das reine Rennen beschränkt. "Wir wollen die Laufszene hier in Sarajevo fördern, denn uns war immer klar, dass das Gros der Teilnehmer aus der Region kommen muss", erzählt Marathon-Chef Erol Mujanovic. Dabei war die Ausgangslage in der durch den Krieg geprägten Stadt nicht einfach. 1.425 Tage dauerte die Belagerung von Sarajevo, mindestens 10.000 Menschen wurden laut Uno in dieser Zeit getötet, darunter 1.500 Kinder. Diese Tragödie endete erst am 29. Februar 1996.

Wenn man heute vom Flughafen in die Innenstadt fährt, wird klar, wie nah hier noch die Vergangenheit ist. Unglaublich viele Einschusslöcher von Gewehrfeuer und auch Granatsplittern erinnern immer noch an das Ausmaß der Gewalt. "Als ich in der letzten Zeit des Krieges nach Sarajevo gekommen bin, konnte ich nirgends Sport betreiben", berichtet Sanscho Ramhorst, "einzig eine Fußballhalle gab es, aber ohne Strom war da auch nicht viel möglich. Noch viele Jahre nach dem Krieg gab es überhaupt keine Laufszene."

Das hat sich im letzten Jahrzehnt deutlich geändert und das sehr wesentlich durch das Führungsteam des Sarajevo-Halbmarathons. "Während die Teilnehmerzahlen in den ersten Jahren ständig stiegen, gab es 2012 eine Delle. Der Grund lag in der Schließung einer NATO-Basis hier. Die Soldaten fehlten als Teilnehmer. Da haben wir uns gefragt, wie wir mehr Menschen in Sarajevo zum Laufen bringen können", erläutert Franjo Sola. Als Antwort darauf haben die Halbmarathon-Macher ihre Laufschule gegründet. Hier werden Anfänger über ein halbes Jahr auf den Halbmarathon vorbereitet. 27 Laufwillige waren es im ersten Jahr 2013. Vor dem Lauf 2016 haben sich rund 200 Läufer dreimal in der Woche getroffen und sind miteinander gelaufen.

In der Laufschule für den Halbmarathon lernen

Umgerechnet 20 Euro im Monat zahlt jeder Teilnehmer der Laufschule dafür. Zwölf Lauftrainer begleiten die Halbmarathon-Neulinge in drei Gruppen durch die Vorbereitungszeit. "Wir haben uns dabei am Preis des günstigsten Fitnessstudios orientiert und auch ganz bewusst eine Gebühr verlangt, damit das Gefühl, was nichts kostet, ist auch nichts wert, gar nicht erst aufkommt."

Sarajevo-Halbmarathon

Bild: Claus Dahms

Dzenita Kaliman nach dem Zieleinlauf beim Sarajevo-Halbmarathon.

Dzenita Kaliman trainierte dreimal wöchentlich in der Laufschule – immer mit Kopftuch, denn sie ist gläubige Muslima: "Eine Freundin hat mich in die Laufschule geholt. Seitdem hat sich mein Leben total geändert. Als Rechtsanwältin sitze ich den ganzen Tag über am Schreibtisch, das Laufen ist für mich eine wunderbare Anti-Stress-Therapie. Außerdem sind wir in der Laufschule alle Freunde, die Herkunft oder die Religion spielen überhaupt keine Rolle. Im Frühjahr bin ich meinen ersten Marathon in Wien gelaufen." Den Halben durch ihre Heimatstadt rannte sie in 2:10 Stunden – natürlich mit Kopftuch.

Die Veranstalter beschreiben den Kurs als flach und schnell, ein Urteil, das ich nicht ganz zu teilen vermag. Denn auf dem Weg zum Olympiastadion steigt der Kurs schon spürbar an. Und auch nach 14 Kilometern, wenn die Läufer am Ufer der Miljacka laufen und die schroff aufragenden Felsformationen zu beiden Seiten bestaunen können, spürt man das schon in den Beinen. Gut 100 Höhenmeter zeigte meine GPS-Uhr im Ziel an.

Die Strecke zeigt etliche Sehenswürdigkeiten der Stadt. Natürlich wird auch die Straßenecke passiert, an Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger Österreich-Ungarns, ermordet wurde, wodurch der 1. Weltkrieg ausgelöst wurde. Aber am beeindruckendsten sind immer wieder die Blicke hinauf auf die Berge, die den Talkessel von Sarajevo umschließen.

Die nächste, die 11. Auflage des Sarajevo-Marathons wird am 17. September 2017 gestartet.