Martin Lauer

Vom Olympiasieger zum Schlagersänger

Er war der Schlussläufer und kam nur einen Hauch hinter der USA, die nachträglich disqualifiziert wurde, ins Ziel. Nach dem tragischen Ende seiner Sportkarriere, startete er als Schlagersänger durch.

Bekanntlich verlassen sich die US-Sprinter zu sehr auf ihre überragenden Einzelzeiten. Auch ist es in den USA logistisch sehr schwierig, die Nationalstaffel ­lange genug für solides Wechseltraining zusammenzuziehen. Deshalb ist sie traditionell wechselschwach. Dieser wunde Punkt hat unsere Taktik bestimmt: Bestzeiten vorlegen und die US-Boys zu einem höheren Wechselrisiko zwingen. Genau das ist uns gelungen – ein echtes Husarenstück!

In Deutschland herrschte damals eine Sprinterschwemme. Die Besetzung Bernd, Armin, Walter und ich hat sich in sämtlichen nationalen Vergleichen durchgesetzt. Es ist typisch für Armin, dass er sich nicht als Schlussläufer ins Ziel werfen wollte, sondern auf der Zwei lief, wo der Schnellste auch hingehört (die zweite Staffelstrecke ist wegen der beiden Wechsel die längste im Geradeauslauf – d. Red.). Bereits im Vorlauf riskierten wir alles und stellten den Welt­rekord ein. Äußerste Wechselperfektion ist einen Zentimeter vom Versagen entfernt, das muss man wissen. Resultat: Die Amis fingen plötzlich an, Wechsel zu trainieren. Wir saßen feixend auf den Rängen des Einlaufplatzes und haben uns gewundert, wie dilettantisch die US-Boys zu Werke gingen.

Im Zwischenlauf haben wir erneut alles riskiert, aber mit weniger Erfolg (39,7 Sekunden – d. Red.). Trotzdem schafften die Amis keine bessere Zeit. Im Endlauf dann haben sie den „forced error“ gemacht, auf den wir hingearbeitet hatten. Dave Sime hatte nur deshalb die Brust vor mir im Ziel, weil Ray Norton, der gegen Armin viel zu früh losgelaufen war, weit jenseits der Wechselmarke den Stab entgegennahm.

Geärgert habe ich mich über die eng­lische Sportpresse. Sie hat Gift und Galle über uns ausgeschüttet, nach dem Motto: Wie kann man sich derart freuen, wenn der Gegner disqualifiziert wird? Doch die Staffelübergabe ist nun mal die Essenz dieser Disziplin. Die Engländer haben übrigens den ersten Wechsel ebenso vermasselt wie die Amis. Nur wurde das in der Aufregung über­sehen: eine ermogelte Bronzemedaille.

Ob die Goldmedaille die Krönung meiner Sportkarriere war? Nicht nur. In der Rückschau bin ich auch stolz auf ­viele andere Streiche, etwa auf die neun Weltrekorde in fünf Disziplinen, davon drei innerhalb von 45 Minuten, sowie auf 25 deutsche Meistertitel in sieben Disziplinen … und auf den riesigen Spaß dabei. Natürlich geht das nur mit unverschämt viel Talent. Das aber ist gütiges Geschick, kein persönliches Verdienst. Manchmal war mir danach, mich dafür zu entschuldigen. Ich habe zwar konsequent trainiert, aber maximal dreimal in der Woche je zwei Stunden. Lieber hing ich auf Wettkämpfen rum. Meine Karriere war alles andere als Blut, Schweiß und Tränen.

Meinen letzten Wettkampf bestritt ich mit 23, dann hat mich eine Blutvergiftung zum Invaliden gemacht. Seitdem betreibe ich Sport wie Zähneputzen.

Auf meine Karriere als Schlagersänger bin ich nur in wirtschaftlicher Hinsicht stolz. Als Kulturschaffenden habe ich mich nie gesehen. Als gelernter Musikus habe ich in meiner Not noch im Krankenhaus Lieder geschrieben. Aber am Ende war für den Produzenten Kurt Feltz nur meine Stimme von Interesse. Vorsichtshalber wurde ­meine erste Aufnahme („Sacramento“) unter Pseu­donym veröffentlicht. Als der Titel einschlug, haben wir natürlich den richtigen Namen nachgelegt. Am lautesten in der Kasse geklingelt hat übrigens „Die letzte Rose der Prärie“ von 1962.

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Armin Harys Buch "Mein Gold für Deutschland"


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