Marathon Triest 2014

Trotz Seitenstechen zum Ziel

Kurz vor der Halbmarathon-Marke kommt Leser-Reporterin Manuela Zeppitz ins Zweifeln, doch mit Hilfe ihres Begleiters Norbert schafft sie es bis ins Ziel.

Leser-Reporterin Manuela Zeppitz

Nach dem Zieleinlauf bei Triest Marathon 2014: Leser-Reporterin Manuela Zeppitz und ihr Bruder Norbert.

Bild: privat

Ab Kilometer 18 fing die Strecke an unrhythmisch zu werden. Passagen, die langgezogen und leicht bergauf verliefen, kosteten mich Kraft und Seitenstechen kündigte sich an. Mein Bruder, der immer sorgfältig vor einem Wettkampf das Höhenprofil studierte, plante für diese Passagen natürlich etwas mehr Zeit pro Kilometer ein. Ich ließ jedoch negative Gedanken in meinen Kopf. Bei der Halbmarathon-Marke dachte ich mir: „Noch nie bin ich in einem Wettkampf weiter gelaufen als bis hier hin. Wenn es mir jetzt schon „schlecht“ geht… wie soll es die restlichen Kilometer erst weiter gehen?“ Die Mitstreiter unserer kleinen Gruppe erschienen mir ebenfalls nicht mehr so fit. Ich fühlte mich müde und merkte, dass mein Körper Zucker brauchte.

Ich beschloss das geplante Tempo ein wenig zu zügeln und versuchte nach meinem Gefühl weiterzulaufen. Mein Bruder bemerkte sicherlich an meinem Gesichtsausdruck, dass ich in einem Tief stecke. Er ließ mich mein Tempo finden und erhoffte sich bestimmt ebenfalls eine positive Wende. Leider wurde das Seitenstechen schlimmer. Ich musste mich ständig aufs Atmen konzentrieren um das Seitenstechen in den Griff zu bekommen. Kaum trank ich einen Schluck Wasser, fing das Stechen wieder an. Ich zweifelte kurz an mir und meinem Vorhaben, einen Marathon zu finishen. Kilometer für Kilometer kämpfte ich weiter und konzentrierte mich auf meine Atmung und auf meinen Schritt. Ich fühlte mich schwerfällig und meine Schultern klappten nach vorne. Zwanghaft versuchte ich mich zu motivieren. Die letzten Wolken hatten sich mittlerweile aufgelöst und strahlender Sonnenschein machte das Rennen durch die Hitze etwas schwerer. Für mich waren dies wohl die längsten Kilometer des Marathons. Bei den gut organisierten und top gefüllten Labestationen griff ich nach Orangen. Eigentlich habe ich noch nie bei einem Wettkampf etwas anderes als Getränke und Gels zu mir genommen. Zu meinem Glück schien ich die Orangen gut zu vertragen und mein Körper freute sich über den Fruchtzucker.

Solche Experimente bei einem Wettkampf sind zwar sehr gewagt, aber in meinem Fall endete dies positiv. Der süße und saftige Geschmack gab mir den nötigen Aufschwung. Ich dachte an einen Rat meines Trainers Peter Stern, der mir Tage vor dem Marathon sagte, ich soll mich in positive Lauferlebnisse hineinversetzen um mich zu motivieren. An diese Erlebnisse fing ich an zu denken. Ich dachte zum Beispiel an persönliche Erfolge, die ich in meiner Vergangenheit hatte und schaffte es tatsächlich mich zu erholen und das geplante Tempo wieder aufzunehmen. Immerhin wusste ich auch, dass ab jetzt der schönste Teil der Strecke beginnt… die leicht abfallende Straße entlang des Meeres.

Bei Kilometer 32 sagte mein Bruder zu mir, dass ich nur mehr 10 Kilometer vor mir habe und daran denken soll, dass ich diese im Training schon tausendmal locker gelaufen bin. Das war der Zeitpunkt wo der Marathon für mich begonnen hat. Im Training bin ich nie weiter als 32 Kilometer gelaufen. Der Gedanke machte mir keinesfalls Angst, ich freute mich richtig darauf, diese Grenze zu überschreiten. Ich wusste, dass nichts mehr schief gehen konnte und ich locker finishen würde. Meine Oberschenkel brannten und schmerzten. Aber ich ließ den Gedanken nicht los, dass das Ziel in greifbarer Nähe ist. Es war mir egal, ob jetzt noch ein Einbruch bevorsteht. Diese Gedanken waren im Nachhinein betrachtet sehr naiv, weil ja gerade ab diesem Zeitpunkt die größten Dramen passieren können. Jedoch trugen mich gerade diese Gedanken in ein absolutes Runner`s High. Ich lief wie auf Wolken, ich sah meinen Bruder vor mir, dachte an meine Familie, an meinen Freund, der im Ziel auf mich wartete, an alle Freunde und Bekannte die zuhause an mich denken und am allermeisten dachte ich an meine Kollegen, die ebenfalls gerade irgendwo auf der Strecke sind. Durch meine positiven Gedanken wurde mein Schritt und mein Laufstil leichter und leichter, die Oberschenkel brannten zwar immer noch, jedoch genoss ich jeden einzelnen Meter.

Glücklich nach dem Zieleinlauf beim Triest Marathon 2014: Manuela Zeppitz und ihre Vereinskollegen.

Bild: privat

Norbert versüßte mir zudem jeden Kilometer mit Anekdoten aus seiner Läuferkarriere, die mich zum Schmunzeln und Lächeln brachten, gleichzeitig blickte ich aufs Meer und auf die wunderschöne Landschaft Italiens. Es waren wenige Zuschauer sowie wenige Läufer auf der Strecke. Die kleine Gruppe, mit der wir den Weg zuvor länger bestritten, war längst aufgelöst. Jeder kämpfte für sich, Meter für Meter. Plötzlich sah ich die 40 Kilometer-Marke vor mir. Ich wunderte mich selbst darüber, dass ich schon so weit gelaufen bin. Die Kilometer vergingen wie im Flug.

Mein Bruder versuchte nochmals ein bisschen zu beschleunigen und meine letzten Reserven herauszulocken. Die Motivation wäre da gewesen, nur mein Körper war ausgezehrt und sehnte sich nach dem Ziel. Ein wenig Traurigkeit machte sich breit, als ich merkte, dass der Marathon dem Ende zugeht, meiner Meinung nach viel zu schnell. Ich beschloss jeden restlichen Meter zu genießen. Ich merkte, wie bezahlt sich mein gutes Training gemacht hat. Nun standen viele Zuschauer entlang der Zielstrecke, die einen nochmal ermunterten fröhlich und mit einem Lächeln zu laufen.

Kurz vorm Ziel packte ich die Hand meines Bruders und wir liefen gemeinsam über die Ziellinie. 3 Stunden 40 Minuten und 34 Sekunden. Die Emotionen, die ich hier empfunden habe, sind unbeschreiblich. Ich denke, jeder muss dies selbst erleben, um es verstehen zu können. Ich wollte Luftsprünge machen, tanzen und durch die Gegend hüpfen, doch meine Beine ließen dies nicht mehr zu. Sobald man stehenbleibt, spürt man in jeder Ader, was man geleistet hat. Aber innerlich fühlte ich mich, als hätte ich die Welt erobert.

Ob ich in diesem Moment überhaupt realisiert habe, dass ich es geschafft habe, kann ich nicht behaupten. Ich umarmte meinen Bruder, hielt mich an ihm fest und konnte nur noch voller Glück und mit leichten Freudentränen in den Augen die Worte herausbringen „Ich bin einen Marathon gelaufen.“

Weiterlesen

Seite 2 von 2
Zurück zur ersten Seite:
Marathondebüt in Italien