Bella Italia

Transalpine-Run 2008 - Vierter Tag

Zur Halbzeit des Transalpine-Run macht sich langsam Erschöpfung breit. Der Bericht von der vierten Etappe.

Dienstag, 2. September 2008 – von Neukirchen am Großvenediger nach Prettau
Eckdaten: Distanz 46,22 km – Aufstieg Höhenmeter: 2.051 m, Abstieg
Höhenmeter 1.457 m

Hallo zusammen, mit einem ganz herzlichen Gruß aus Bella Italia melde ich mich heute direkt nach dem erfolgreichen Finish der zweitlängste Etappe des diesjährigen Transalpine Runs: 46 Kilometer mit knapp 2.000 Höhenmetern haben wir heute bewältigt! Es war der erste richtig harte Tag für mich. Nach einem super schönen Abend gestern mit Pasta satt, Kaiserschmarrn und Topfen- und Apfelstrudel im Bergrestaurant Wildkogel, bin ich heute morgen mit heftigem Magengrummeln aufgewacht.

Mein Begleitläufer Holger wirkt immer noch recht frisch.

Die Nacht war nicht nur extrem kurz (um fünf Uhr in der Früh mussten wir aufstehen – Start für sieben Uhr angesetzt), sondern auch von merkwürdigen Träumen begleitet. Aber auch das scheint wohl ganz normal zu sein: die körperliche und mentale Belastung zeigt irgendwann bei fast jedem Teilnehmer seine Wirkung – ausgenommen bei meinem Begleitläufer Holger, der von all diesen Wehwehchen bisher verschont wurde.

Nach kalter Dusche (jawohl, das hilft, um bereits um fünf Uhr früh munter zu werden!) und mehr oder weniger aus Vernunftgründen eingenommenem Frühstück starten wir pünktlich um sieben Uhr auf die wohl landschaftlich reizvollste Strecke in diesem Jahr. Vorbei an den Krimmler Wasserfällen geht es weit ins Tal hinein bis zum steilen Aufstieg auf die Birnlücke: es warten fantastische Blicke auf das Gletscherplateau unterhalb der 3-Herren-Spitze auf uns!

Die ersten zwölf Kilometer ab Neukirchen ziehen sich mehr oder weniger flach bis zum Naturpark Krimmler Wasserfälle – das Wetter meint es trotz der unsicheren Vorhersagen mehr als gut mit uns (weshalb uns Streckenchef Wolfi auch gestern klipp und klar die bestehenden Zeitlimits verdeutlichte: wer bis zu einer bestimmten Uhrzeit nicht an den Verpflegungspunkten ist, fliegt aus der offiziellen Wertung raus – unter dem Sicherheitsaspekt mehr als verständlich!).

Die Stimmung mit aufsteigenden Nebelschwaden und taunassen Wiesen im Tal ist einfach atemberaubend schön. Ich fühle mich relativ gut, sofern ich nicht an Essen oder die diversen Gels und Riegel in meinem Rucksack denke. Also eins steht fest: das Thema Nahrungsaufnahme verliert in dieser Woche jeglichen Charme und mutiert schlichtweg zur Aufgabe: „soviel wie möglich oben rein, damit die Kraft in den Beinchen nicht nach lässt“.

Der Aufstieg zum Krimmler Tauernhaus beschert uns fantastische Blicke auf die Wasserfälle, die sich tosend über mehrere hundert Meter tief nach unten stürzen. Oben angekommen eröffnet sich ein breites Tal, welches links und rechts von Bergmassiven eingerahmt wird. Dies sind die Momente in dieser Woche, die alle Anstrengung vergessen lassen und die ich – das ist sicher – mein Leben lang nicht vergessen werde!

Die nächste Stunde quäle ich mich mehr oder weniger schlecht im Wechsel zwischen Laufen und strammen Marschieren bis Kilometer 30 durch das Tal; beruhigend zu sehen, dass es vielen anderen Läufern auch nicht besser gehen zu scheint! Die Tage zollen sein Tribut und so entscheiden wir uns sehr schnell für die Variante: sobald es in den Oberschenkel ziept, nutzen wir die Stöcke und gehen.

Stöcke dienen der Entlastung
Holgers Schuhe und meine Stöcke halfen mir auf den Weg nach oben.

Dann kommt die Passage zur Birnlücke – und da ich ehrlich gesagt nicht wirklich schwindelfrei bin, orientiere ich mich nun an Holgers Schuhen und folge ihm Schritt für Schritt nach oben. Ohne Stöcke wären wir hier aufgeschmissen und ich frage mich immer wieder, wie das andere Läufer machen, die für keinen Meter die entlastenden Hilfsmittel nutzen. Ab und zu wage ich einen Blick zurück und blicke auf ein schier unwirklich erscheinendes Gletschermassiv - und unten im Tal sehen wir die sich sanft schlängelnde Straße, die wir bereits bewältigt haben. Ein tolles Gefühl!

Oben ist es zapfig kalt – wie gut, dass wir alle wetterfeste Jacken mitnehmen mussten. Wir sind nun das erste Mal in hochalpinen Regionen unterwegs! Der Abstieg vom höchsten Punkt auf knapp 2.700 Metern runter zur Kehrer Alm führt über breite Schieferplatten nach unten – wieder einmal wird klar: permanente Konzentration ist während dieser Woche das A und O! Und weil ich auf den letzten fünf Kilometern leider erneut an meinen rumpelnden Magen denke, legt es mich glatt auf der flachen Wiese nieder: zum Glück ist mir außer einem Schreck und erneuten Kreislauf-Tiefpunkt (den hatte ich nämlich auf der Höhe auch schon) nix passiert. Holger muntert mich wie immer auf und so laufen wir nach 6 Stunden und 28 Minuten glücklich in Prettau ein. Die anderen Mixed-Teams waren heute wesentlich stärker unterwegs und wir müssen uns mit Platz 14 der Gesamtwertung zufrieden geben. Aber wie heißt es so schön: vor dem Rennen ist nach dem Rennen (oder/und umgekehrt?) und es warten nochmals vier Etappen auf uns!

Jetzt freue ich mich erstmal auf einen entspannten Abend mit den besten Bildern des Tages und der jeweiligen Filmsequenz. Es ist wirklich unglaublich, was die Jungs und Mädels hier rund um das Event leisten, dass dieser jeden Abend vertont präsentiert wird und bei allen Läuferinnen und Läufern Gänsehaut pur erzeugt! Was ich in jedem Fall heute schon sagen kann: ich habe noch nie soviel Freude, Spaß, Hilfsbereitschaft und Solidarität unter den Läufern und Helfern erlebt, wie hier. Es gibt kein Problem oder Wehwehchen, was nicht gelöst oder behandelt werden kann. Und auch der Wettkampfgedanke bleibt hier bei allen weit hinter dem Wunsch zurück, dass alle gesund und glücklich in Sexten am Samstag, den 6. September 2008, einlaufen können!

Denn leider mussten diverse Teams in diesem Jahr bereits aufgeben. Seit heute morgen musste das führende Masterteam der Herren aufgrund von Verletzungen und auch meine beiden Zimmernachbarinnen Annette und Sylvie, die heute bei Kilometer 24 die Etappe beendeten – Annettes rechter Spann am Fuß ist völlig gereizt. Für mich sind die beiden heute die Helden des Tages: denn drei Etappen durchzustehen – das muss erst einmal jemand nachmachen!

In diesem Sinne - keep on running – und denkt an uns: morgen stehen knapp 35 Kilometer mit „nur“ 1.200 Höhenmetern auf dem Programm.



Hier finden Sie einen Bericht über den ersten, den zweiten und den dritten Tag.

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