Leserreporter

The Hair Witch Project

Eine Stirnlampe bringt Licht in Dunkelheitsläufe. Gegen Angst im Dunkeln hilft sie nur bedingt. Leserreporterin Tatjana Scholl schildert ihre Erfahrungen.

The Hair Witch Project

Wer hat mehr Angst: Die Stirnlampenträgerin oder der, dem sie begegnet?

Bild: Tatjana Scholl

Seit heute bin ich Besitzerin einer Stirnlampe. Eine mit der ich aussehe, als müsste ich jeden Augenblick zum Dienst in einem Bergwerk antreten. Tatsächlich brauche ich dieses Ding um mir beim Laufen in der dunklen Jahreszeit nicht die Beine zu brechen, denn egal wie gut man seine Laufstrecke kennt, es gibt immer einen neuen Ast, eine eingetrocknete Pfütze oder einen großen Stein, den man bei Tageslicht einfach übersprungen hätte. Im Herbst, als die Tage allmählich kürzer wurden, hatte ich es immer geschafft gerade rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause zurückzukehren.

Doch kaum werden die Uhren auf Winterzeit umgestellt, bleibt mir nur noch die Wahl zwischen einer Halbtagsstelle und einer Stirnlampe. Also die Stirnlampe. Bis dato habe ich mich immer ein bisschen lustig gemacht über diese Freaks, die im Stockfinstern durch die Pampa rennen statt gemütlich auf der Couch zu sitzen und Tee zu schlürfen wie die Natur es offenbar vorgesehen hat, sonst hätte Mutter Natur schließlich das Licht länger angeknipst gelassen. Doch sie hat die Rechnung ohne das Läuferego gemacht.

Diese kleine Stimme, die einen sofort an all die grauenvollen Trainingseinheiten in unserer Anfangszeit erinnert, als nach den ersten hundert Metern bereits der Gallensaft unsere Speiseröhre herauf gekrochen kam und nach dem ersten Kilometer unsere Ex-Raucherlunge die ersten Teerklumpen ausspuckte. Jetzt, tausende Kilometer später, fürchten wir nichts so sehr wie eine Erkältung, weil sie unseren Fitnesslevel gefährdet. Mach einen Monat Pause und du hast das Gefühl wieder bei Null anzufangen. Also schleppen wir uns nach draußen. Bei Hitze und bei Regen. Bei Kälte und bei Dunkelheit.

Es dauert eine Weile bis ich das Stretchband der Stirnlampe an den Umfang meines Schädels angepasst habe. Einige Minuten Trockenjoggen später hab ich eine Weite gefunden, die mir nicht das Blut aus den Schläfen presst und ich kann mich endlich hinaus in die Dunkelheit wagen.

Anfangs läuft es gut. Ich erkenne rechtzeitig den Graben, den das Straßenbauamt in den Boden gebaggert hat und fange an mich zu entspannen. Meine Stirnlampe wirft einen weichgezeichneten Kreis circa einen Meter vor mir auf den Boden, der bei jedem meiner Schritte wie ein Ping-Pong-Ball hin und her geschleudert wird. Meine gewohnte Laufstrecke führt anfangs über Feldwege hinab in ein kleines Tal und mündet schließlich in einem Wald, den ich bis kurz vor Ende meiner Route nicht mehr verlasse.

Die Stirnlampe leistet ausgezeichnete Dienste und in Gedanken beglückwünsche ich mich zu diesem guten Kauf. Der Weg beginnt abzufallen. Gleich erreiche ich den Wald. Obwohl es stockfinster ist, erkenne ich in der Ferne den schwarzen Tunnel aus Zweigen und Blättern.

Nur Mut.

Es gibt nichts, wovor du dich zu fürchten brauchst.

Das ist nur ein Wald.

Nur Bäume, Blätter, ein kleiner Wasserlauf.

Man muss vor einem Wald keine Angst haben.

Nur vor bösen Menschen.

Und wilden Tieren.

Wann genau ist eigentlich Tollwutzeit?

Und wann ist die Hauptwurfzeit von Wildschweinen?

War das ein Rascheln?

Es kostet mich Mühe, mein Tempo zu halten. Ich merke an meinem Gekeuche, dass ich viel zu schnell laufe. Jede zweite Sekunde entsteht vor meinem Gesicht eine neblige Wolke aus Kohlendioxid, die das Licht meiner Stirnlampe reflektiert.

Plötzlich spüre ich ein Tippen auf meiner linken Schulter.

Ich breche in Panik aus und renne als wären Freddy, Michael und Jason hinter mir her.

Meine Lungen brennen, ich hab Seitenstechen, und meine Oberschenkel pochen als ich den steilen Anstieg überwinde und der Wald mich endlich wieder ausspuckt.

Als ich erneut ein Tippen auf meiner linken Schulter spüre, fasse ich mit meiner zittrigen Hand nach hinten und rechne jeden Augenblick damit eine Hand zu berühren. Stattdessen halte ich meinen eigenen Zopf in der Hand. Offenbar war er bei diesem Affentempo unter meiner Mütze hervor gerutscht und auf meine Schulter gefallen.

Beschämt über meine panische Angst vor meinen eigenen Haaren erreiche ich schließlich wohlbehalten mein Zuhause.

Die Stirnlampe hat ihre Bewährungsprobe mit Bravour bestanden. Nicht nur, dass alle meine Knochen heil geblieben sind, ich hab bei dieser Trainingseinheit auch noch meine persönliche Bestzeit geknackt.

Bleibt am Ende nur noch die Frage, wer mir morgen früh aus meinem Bett hilft.


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