Erfahrungsbericht Martin Hammer-Zobernig

Stromschläge und Stacheldraht - das Tough Guy Race ist nichts für schwache Nerven

Obwohl immer mehr Läufer aus dem Rennen genommen werden, schafft er es bis zum heißen Kakao im Ziel. Martin Hammer-Zobernig berichtet vom Tough Guy Race.

Tough Guy Race 2013

Trotz Schlamm gute Laune beim Tough Guy Race 2013.

Bild: privat

Auf dem Hürdenlauf ist mittlerweile deutlich weniger los als beim ersten Mal, der Matsch ist mittlerweile aber so tief, dass es nur unwesentlich schneller vorangeht. Ein Läufer sucht verzweifelt nach seinem Schuh, da seine Beine aber noch so gechillt sind, kann er nicht so genau sagen, wie lange er schon semibarfuß unterwegs ist. Ich bemerke es zum Glück, als mein Schuh stehenbleibt, ich aber weiterlaufe, und schnüre ihn noch ein wenig enger. Die nächsten Hindernisse überqueren sich wie von selbst, bis ich vor dem nächsten Klettergerüst stehe. Das Hochklettern ist kein Problem, das Absteigen auf den Seilen fällt mit wackeligen Beinen besonders schwer. Vor den brennenden Strohballen überlege ich kurz, mich zu wärmen. Der starke Rauch hält mich jedoch davon ab und ich hüpfe drüber. Auch beim nächsten Wasserhindernis liegt Stroh. Wie Super Mario springe ich auf den im Wasser schwimmenden Strohballen, beim Weiterspringen hätte ich auf der Konsole gerade ein Leben verloren, in der Realität lande ich lediglich erneut im Wasser.

Tough Guy Race 2013: "The body dies but the spirit lives on"

Als nächster Gang wird die so genannte "Torture Chamber" serviert. Das innere der Folterkammer erinnert mich an die Wurzeln von Mangrovenbäumen. Man kommt zwar kriechend zwischen den Wurzeln durch, doch da erwarten einen 18-Volt-Stromschläge. Da man sich dabei halb im Wasser befindet, ist man gleich noch mehr geladen und man bekommt auch dann Stromschläge ab, wenn andere die Drähte berühren – Leitungswasser eben. Durch die sogenannten "Viet Cong Tunnels" robbe ich bergauf und freue mich unheimlich darüber, eine Betonröhre erwischt zu haben, die tatsächlich ins Freie führt und nicht diejenige, die laut Legende am Ende zugeschüttet ist. Als ich mir von dem netten Marshall zur Belohnung ein Leckerli in Form von Gummibärchen in den Mund stecken lasse, begreife ich, was uns Mr. Mouse mit dem oben zitierten Satz sagen will. Ich kriege keinerlei Rückmeldung mehr von meinem Körper, das Gehirn hat aber offensichtlich alles im Griff und sendet, wenn auch nicht bewusst wahrnehmbar, die richtigen Befehle in die zuständigen Nervenbahnen. Zittrig stehe ich auf dem 20 Zentimeter breiten Holzbalken am "Skywalk" und bekomme den Windchill–Effekt voll zu spüren. Meine Blicke schweifen keine Sekunde vom Balken ab, denn auch wenn darunter ein Sicherheitsnetz gespannt ist, möchte ich nicht das Gleichgewicht verlieren, sondern auf dem regulären Abstieg runter.

Ich beobachte, dass immer mehr Läufer aus dem Rennen genommen werden. Die Quads der Marshalls fahren umher, als würden sie ihr eigenes Rennen veranstalten. Ich rufe mir in Erinnerung, dass ich mich lieber um mich selbst kümmern sollte, die Water Tunnels wollen durchtaucht werden. In meinem Kopf höre ich Adeles Skyfall: "... this is the end, hold your breath and count to ten...". Eins, zwei, drei, vier Mal Atemwege zu und durch. Ich hätte es mir schlimmer vorgestellt – zumindest merke ich in dem Moment nicht, wie sehr es mich mitnimmt. Das fällt mir erst ein paar Hindernisse weiter auf, als ich meine Freundin Verena neben der Strecke entdecke und versuche, ihr zu erklären, wie die Strecke weitergeht, damit sie mich begleiten und pushen kann. Ich schaffe es allerdings nicht, ein paar einfache Wörter aneinanderzureihen und stammle irgendwas von einem Kreis.

Mein einziger Gedanke – endlich ins Ziel zu kommen – treibt mich unter dem Stacheldraht durch und lässt mich irgendwie über die weiteren Hindernisse kommen. Ich muss gestehen, ein Hindernis ausgelassen zu haben, aber ich hätte keine weiteren Stromschläge mehr ertragen. Die letzten Meter vor dem Ziel, es geht nochmal ins Wasser. Auf die Wasserrutsche inklusive Stromschläge verzichte ich auch, nachdem mich der Ordner nett, aber bestimmt daran hindert und mich direkt Richtung Ziel durchwinkt.

Zieleinläufe sind für mich erfahrungsgemäß ein hoch emotionaler Moment und die Belohnung und Bestätigung der vorangegangen Qualen. Dementsprechend enttäuscht bin ich, diesen Moment heute nicht so intensiv zu erleben. Selbstverständlich bin ich froh und stolz, es geschafft zu haben, nehme allerdings die Medaille sehr nüchtern entgegen. Offensichtlich bin ich noch immer damit beschäftigt, diese Qualen zu verarbeiten. Wie ferngesteuert reihe ich mich in die Schlange der Finisher ein. Der heiße Kakao tut gut, ist allerdings nur ein heißer Tropfen auf den völlig unterkühlten Körper. Nur noch raus aus den nassen Klamotten, rein in trockene und ab ins Wohnmobil. So sehr ich die Kompressionssocken beim Laufen schätze, so sehr verfluche ich sie gerade. Mein Striptease erregt durch sie eine gewisse Aufmerksamkeit und ich muss mehreren Menschen um mich herum erklären, dass definitiv alles in Ordnung mit mir ist.

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Tough Guy Race Wolverhampton 2013


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