Lauftalent

Stephanie Twell: Englands neue Paula Radcliffe?

Junge Läuferin mit riesigem Potential: Stephanie Twell hofft bei der Cross-WM auf einen Podestplatz.

Bei den Cross-Weltmeisterschaften im jordanischen Amman wird am Sonnabend im Frauenrennen über 8 km eine Läuferin am Start sein, der man in der Zukunft Großes zutraut: Stephanie Twell. Die 19-jährige Engländerin war bis zum letzten Jahr als Juniorin derart erfolgreich, dass die britischen Medien gar nicht umhin kamen, den Vergleich zu Paula Radcliffe zu ziehen. Bei den Crosslauf-Europameisterschaften gewann Stephanie Twell im Dezember in Brüssel zum dritten Mal in Folge den Juniorinnen-Titel – ein derartiger Hattrick ist in der Geschichte dieser Titelkämpfe bei den Junioren bisher keinem anderen Athleten gelungen. Die Bestzeiten der 1.500-m-Junioren-Weltmeisterin von Bydgoszcz 2008 sind teilweise schneller als jene von Paula Radcliffe im gleichen Alter. „Für mich ist es eine Ehre, mit Paula verglichen zu werden“, sagt Stephanie Twell, die vom Europäischen Leichtathletik-Verband (EAA) als Junioren-Athletin des Jahres 2008 ausgezeichnet wurde.

Stephanie Twell bei ihrem Sieg beim Cross-EM-Lauf der Juniorinnen 2008.

Zum Laufsport kam Stephanie Twell, die in England mit ihrem Spitznamen ,Steph’ angeredet wird, als Kind durch ihren Vater Andy. Der Major lief früher für die britische Armee als Mittelstreckler. Durch den Beruf des Vaters lebte Stephanie Twell als Kind auch knapp drei Jahre in Deutschland. In der Nähe von Detmold war Andy Twell damals stationiert. Und es war dort, wo sie zum ersten Mal an einem Rennen über 5 km teilnahm. „Damals war ich sieben oder acht Jahre alt, mein Vater nahm mich mit“, erzählt die Cross-Junioren-Europameisterin. Die Verbindung zu Deutschland ist übrigens eine weitere Parallele zu Paula Radcliffe, die zeitweilig hier lebte und die Sprache auch studierte. „Ich kann aber nur noch einige Worte Deutsch“, sagt Stephanie Twell, fügt aber hinzu: „Ich würde es aber gerne einmal lernen.“

Zurück in England zog die Familie nach Aldershot südwestlich von London. In der Nähe des bekannten Militärstützpunktes Farnborough lebt Stephanie Twell heute noch. „500 Meter von unserem Haus ist ein Stadion mit einer Bahn und gegenüber ein großes Feld. Wenn ich mit unserem Hund dort spazieren gegangen bin, habe ich immer wieder Athleten gesehen, die sich aufwärmten. Eines Tages fragte mich mein Vater, ob ich so etwas auch machen wolle. Dann habe ich gesagt, ja!“ So begann die Karriere der Stephanie Twell.

Das Glück der Läuferin war, dass sie bei ihrem lokalen Klub in Aldershot, für den sie immer noch startet, zu einem erfahrenen Trainer kam. Mick Woods ist heute, zehn Jahre später, weiterhin ihr Coach. Inzwischen ist Woods aber nicht nur für den Verein tätig sondern auch der Langstreckentrainer von UK Athletics im Hochleistungs-Trainingszentrum der St. Mary’s Universität. An jener Uni in Twickenham im Londoner Südwesten hat Stephanie Twell inzwischen ein Studium im sportwissenschaftlichen Bereich begonnen.

„Als Stephanie als Neunjährige zu mir kam, trainierte ich in Aldershot eine Gruppe von sehr talentierten Mädchen. Darunter war zum Beispiel auch die gleichaltrige Emma Pallent, gegen die Stephanie bereits bei Rennen in der Schule gelaufen war“, erzählt Mick Woods. Später kam auch die heute 17-jährige Charlotte Purdue hinzu. Als Twell bei der Cross-EM in Brüssel das britische Juniorinnen-Team zu einem einmaligen Durchmarsch führte (die Britinnen belegten die Ränge eins bis sechs) war Purdue Zweite und Pallent Fünfte. „An diesem Erfolg haben mein Trainer und meine Trainingsgruppe entscheidenden Anteil“, sagte Stephanie Twell, die nach wie vor auch in Aldershot trainiert und wohnt.

Stephanie Twell
Der Radcliffe-Effekt: Stephanie Twell auf dem Podest bei der Cross-EM 2008 gemeinsam mit ihrer Trainingspartnerin Charlotte Purdue (links) und Lauren Howarth.

„Als die jungen Mädchen damals in Aldershot in einer Gruppe trainierten, waren sie alle sehr enthusiastisch. Im Fall von Stephanie wurde ihr Potenzial offensichtlich, als sie 14 Jahre alt war. Damals gewann sie die englische Schulmeisterschaft im Crosslauf“, erzählt Mick Woods. Ein Jahr später war sie als 15-Jährige die jüngste Läuferin im britischen Cross-WM-Team. Bei den Juniorinnen belegte sie damals Rang 60 und bei den folgenden Cross-Europameisterschaften 2005 war sie als 16-Jährige bereits Siebente. Crosslaufen mag sie, und das ist sicher auch ein Grund für die Stärke der Stephanie Twell. Erst als 16-Jährige konzentrierte sie sich stärker auf die 1.500-m-Strecke und steigerte prompt ihre Bestzeit enorm von 4:25,05 Minuten (2005) auf dann 4:12,76. 2007 war sie Zweite bei der Junioren-EM, im vergangenen Sommer erreichte Stephanie Twell 4:05,83 Minuten und blieb damit die Jahresweltbeste bei den Juniorinnen. Bei Olympia ging sie an den Start, verpasste aber das Finale knapp. „Sie hätte 2008 auch 4:03 oder 4:04 Minuten laufen können, wenn sie nicht aufgrund einer Verletzung einen zweimonatigen Trainingsausfall vor Saisonbeginn gehabt hätte“, sagt Mike Woods. Nur aufgrund der zeitweilig für Großbritannien gestarteten Südafrikanerin Zola Budd hält Stephanie Twell nicht die nationalen Jugendrekorde über die Mittelstrecke.

Aufgrund des 2008 nicht voll ausgeschöpften Potentials traut Mike Woods seiner Läuferin im WM-Jahr eine deutliche Steigerung zu. „Ich wäre nicht überrascht, wenn sie unter vier Minuten laufen würde.“ Bezüglich möglicher Finalchancen bei der WM in Berlin bleibt der Trainer aber zurückhaltend. „Ich rechne damit, dass in diesem Sommer die eine oder andere Russin wieder auftauchen wird.“ Doch Woods und Twell wollen ohnehin nichts überstürzen. Um das Schnelligkeitspotenzial der Läuferin optimal auszuschöpfen, soll der Schwerpunkt für die 19-Jährige noch bis mindestens zu den Olympischen Spielen 2012 in London bei den 1.500 m bleiben. Mit dem Übergang zu den 5.000 m würde Stephanie Twell, die sich in Stuttgart beim Weltfinale im September über 3.000 m auf 8:50,89 Minuten verbesserte, dann etwas länger warten als es Paula Radcliffe in den 90er Jahren tat. „Aber es steht fest für mich, dass ich später die Langstrecken und auch den Marathon laufen werde“, sagt Stephanie Twell.

Auch Höhentraining stand bisher noch nicht auf ihrem Programm, was aber in erster Linie damit zusammenhängt, dass sie durch ihr Studium zu wenig Spielraum für längere Trainingslager hat. „Zweimal in der Woche trainiert sie aber in Twickenham in einer Druckkammer. Es geht dabei nicht um einen unmittelbaren Effekt, sondern darum, dass sich der Körper daran gewöhnt. Denn zukünftig werden wir sicherlich auch in der Höhe trainieren“, erklärt Mike Woods, der dabei bereits an Font-Romeu in den französischen Pyrenäen denkt. Dort trainiert auch Paula Radcliffe. Die britische Lauf-Queen, die als 18-Jährige Bestzeiten von 4:16,82 (1.500 m) und 8:51,78 (3.000 m) hatte, ist immer das Vorbild von Stephanie Twell gewesen. „Ich habe Paula selbst das erste Mal laufen sehen, als sie den London-Marathon gewann. Ich war damals 12 oder 13 und bin beim Mini-Marathon gestartet“, erzählt Stephanie Twell, die sich auch erinnert, dass Radcliffe einmal in Aldershot an den Start ging. „Es war interessant zu beobachten, wie sie ihr Aufwärmprogramm abspulte.“

Inzwischen allerdings beobachtet auch Paula Radcliffe Stephanie Twell: „Stephanie hat gezeigt, dass sie auch großen Rennen gewachsen ist. Ihre Zielstrebigkeit und ihre Einstellung sind bewundernswert. Ich freue mich auf ihre zukünftige Entwicklung in den nächsten Jahren“, sagte Paula Radcliffe nach der Cross-EM in Brüssel.

Auf die Frage, was kommt nach Paula Radcliffe, gibt es in Großbritannien seit einiger Zeit eine Antwort: Sie heißt Stephanie Twell.

Text: race-news-service.com
Foto: photorun.net

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