Die zweite Etappe

Schwebend durch den Himalaya

Nach dem extrem harten Auftakt schwebt Claus Dahms auf der zweiten Etappe des 100 Meilenrennens im Himalaya.

Himalayan 100 Mile Stage Race

Ein einziger Genusslauf vor einer berauschenden Kulisse war die zweite Etappe des 100 Meilen-Rennens durch den Himalaya.

2. Etappe:
Wendepunktstrecke ab und bis Sandakphu (3636 m), 32 Kilometer


Die Nacht auf 3636 m Höhe war erwartungsgemäß nicht gut, leichte Kopfschmerzen und lange Wachphasen bereiteten mir Probleme. Doch nach dem Aufwachen geht der Blick nach draußen: Klare Luft und eine tolle Aussicht auf die umliegenden Berge.

Gestern noch konnte ich mir nicht vorstellen, heute auch nur einen Kilometer zu laufen. Nach dem Startschuss habe ich keine Probleme mehr. Die Laufstrecke dieses Tages ist 32 Kilometer lang und bleibt in Höhen zwischen 3200 und 3800 Metern. Das bedeutet ein beständiges Bergauf und Bergab auf einer laufbaren Piste.

Mister Pandey hatte den Start auf 6.30 Uhr vorverlegt, weil er schlechtes Wetter befürchtete. Tatsächlich aber bietet der klare Morgenhimmel Sonne und Mond gleichzeitig. Immer wieder schweift der Blick auf das höchste, was die Bergwelt zu bieten hat: Mount Everest, Kanchenjunga, Makalu und Lhotse. Ich laufe nicht, ich schwebe auf dieser Etappe. Und was sind schon 32 Kilometer? 10 km weniger als morgen stehen auf dem läuferischen Pflichtprogramm, also ein echter Erholungstag!

Auch Keith Edward Rumbold hatte viel Spaß am zweiten Lauftag, den er nach 5:54 Stunden beendete.

Die Position im Läuferfeld spielt für mich an diesem Tag zunächst überhaupt keine Rolle. Ich lasse mir Zeit, bleibe immer wieder stehen, um zu fotografieren und um einfach ab und an einen dieser genialen Blicke zu genießen. Denn eigentlich ist das Panorama viel zu schade für den flüchtigen Blick im Vorbeilaufen. Wie gestern folgt der Kurs meist dem Grenzweg zu Nepal. So sind die Grenzsoldaten ein ständig wiederkehrendes Publikum für uns Läufer. Freundlich grüßen sie oder feuern uns an.

Der Kurs dieser zweiten Etappe ist ein Wendepunktkurs und als die ersten Läufer mir entgegenkommen, ändert sich schlagartig mein relaxter Blick auf das Geschehen. Plötzlich befinde ich mich wieder im Wettkampf, vergleiche Abstände und rechne mir Chancen aus, auf dem Rückweg mir noch den einen oder anderen zu schnappen. Schließlich bin ich ja ganz locker angelaufen.

Auch auf dem Rückweg halten sich die Wolken noch zurück. Ich laufe mit freiem Blick auf die Berge – kann es schöneres in der Läuferwelt geben? Ich jedenfalls kann mir an diesem Tag nichts schöneres vorstellen. Alles ist komplett anders als gestern: Keine Krämpfe, kein Kampf an der Leistungsgrenze und tolles Wetter. Ich laufe richtig entspannt, obwohl die superharten 38,6 Kilometer von gestern nur wenige Stunden zurückliegen.

Himalayan 100 Mile Stage Race
Trotz des unwegsamen Geländes waren die Getränkestationen hervorragend ausgestattet.

Die Organisation des Etappenrennens ist optimal. Was Mister Pandey hier im unwirtlichen Niemandsland auf die Beine stellt, ist nicht mehr zu toppen. Auf der Strecke sind etwa alle 3 km Wasserstellen aufgebaut, jede dritte bietet neben dem Wasser auch Elektrolytpulver, Bananen, Kartoffeln mit Salz sowie Kekse – alles, was unser geschundener Läuferkörper während der langen Wettkampfstunden begehrt. Und ab und an sind sogar Toiletten in der Wildnis aufgebaut.

Wenn wir die Stationen erreichen, beginnt immer wieder das gleiche Ritual: „Sign in“. Jeder Läufer hat an jeder Station seine Ankunft durch Unterschrift zu bestätigen. Und diese zunächst belächelte Prozedur macht Sinn. Denn obwohl alles optimal gekennzeichnet ist, könnte ja doch einmal ein erschöpfter, unaufmerksamer Läufer verloren gehen. Und da ist es in dieser abgelegenen Region mit ihren extremen Bedingungen schon wichtig, zu rekonstruieren, wo jemand vom rechten Laufpfad abgekommen ist. Ereignet hat sich ein solcher Notfall 2007 nicht.

Normalerweise bin ich in den ersten drei Tagen nach einem Marathon kaum in der Lage zu gehen, geschweige denn zu laufen. So war es für mich noch vor zwei Tagen völlig unvorstellbar, Tag für Tag solche Riesendistanzen samt der Höhendifferenzen zu bewältigen. Nach dem Zieleinlauf in unserem Läufercamp in Sandakphu in 3636 m Metern Höhe kann ich mir sogar vorstellen, morgen den vollen Marathon zu laufen. Heute Abend ist es das normalste auf der Welt, dass wir morgen wieder einen großen Teil des Tages laufend verbringen.

So langsam beginne ich zu verstehen, was Menschen dazu bringt, sich in einer solchen Wildnis größten Strapazen auszusetzen und dafür komplett auf jeden Luxus verzichten. Ich begreife langsam, warum Menschen zu fünft in eiskalten Zimmern nächtigen und stundenlang an einem stinkenden Kohleofen stehen, um ihre nassen Renntrikots in dessen magerer Wärme zu trocknen.

Die Fotos von der zweiten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der dritten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der dritten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der vierten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der vierten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der fünften Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der fünften Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der ersten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der ersten Tagesetappe finden Sie hier.