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Röntgenlauf - Mein erster 100-km-Ultramarathon

Unser Leser Heiko Rammenstein lief den 15. Röntgenlauf. Er berichtet von seinen Erlebnissen auf der 100-km-Distanz, seinem ersten Hunderter.

Röntgenlauf Remscheid 2015 - Die Bilder
Leserreporter Heiko Rammenstein 100-km-Röntgenlauf

Die 100 Kilometer waren nicht die einzige Herausforderung. Auch das wellige Streckenprofil beim Röntgenlauf 2015 musste bezwungen werden.

Bild: Privat

Halbmarathon, Marathon, Ultramarathon (63,3 Kilometer): darf's noch etwas mehr sein?

Darf es! Beim 15. Remscheider Röntgenlauf wurde zum zweiten Mal nach 2010 ein 100-Kilometer-Lauf angeboten, „Jubiläumslauf“ genannt. Das Teilnehmerfeld wurde auf 270 begrenzt. Im Vorjahr hatte Heiko Rammenstein am Ultramarathon über 63,3 Kilometer teilgenommen – und war begeistert von der guten Organisation, den begeisterungsfähigen Zuschauern, der tollen Verpflegung und nicht zuletzt von der reizvollen Landschaft des Bergischen Landes. Das besondere am Jubiläumslauf: Durch die frühen Startzeiten (drei Uhr und vier Uhr) würde man mit Stirnlampen laufen müssen, auch durch den finsteren Wald. Der Hunderter versprach also ein kleines Abenteuer mit erhöhtem Spaßfaktor zu werden. Relativ früh meldete sich Heiko an. Er war der 20. Teilnehmer in der Datenbank des 100-km-Laufs.

Unheimlich lange Strecke

100 Kilometer – so weit wäre der Fußmarsch von Baunatal nach Gießen. Oder, um es auf unseren Partnerstädte-Lauf anzuwenden, vom Heilbad Heiligenstadt bis nach Sangerhausen. Als sein Vorhaben bekannt wurde, reichten die Reaktionen von kopfschüttelndem Unverständnis über Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit bis hin zu respektvoller Bewunderung.

Zwei weitere Marathonläufer des KSV Baunatal freuten sich auf den Röntgenlauf, beließen es aber wohlweislich bei der Strecke über 63,3 Kilometer: Lars Bubenheim und Jörg Lorenz, Freunde des Landschafts-Laufs. Jörg blieb im Vorjahr die Teilnahme aufgrund einer Erkältung verwehrt, aber in diesem Jahr lief die Vorbereitung glatt über die Bühne. Und Lars wiederholte seine Teilnahme aus dem letzten Jahr. Beide reisten gemeinsam an.

Der letzte Abend vor dem Ultramarathon

Am Vorabend trafen sich die drei zur Pastaparty im Sportzentrum Hackenberg in Remscheid-Lennep, dem Veranstaltungsort. Lennep ist der Geburtsort von Wilhelm Conrad Röntgen, dem Entdecker der nach ihm benannten Strahlen. In der Halle herrschte ein buntes Treiben. In der oberen Etage konnte man die Startunterlagen entgegennehmen oder sich überhaupt erstmal anmelden – so wie Lars und Jörg. Denn Jörgs letztjährige Erfahrung lehrte die beiden, sich lieber erst vor Ort anzumelden, trotz Zuschlags bei der Startgebühr. In der großen Halle im Erdgeschoss fand die eigentliche Pastaparty statt. Nudeln und Getränke wurden angeboten. An Messeständen konnten allerlei Lauf-Utensilien günstig erworben werden. Die Halle war voller Menschen aus vielen Ecken Deutschlands, denn der Röntgenlauf ist in Läufer-Kreisen überaus beliebt. Eine Tombola gab es auch. Jemand stapfte im Pinguinkostüm durch die Reihen und hielt eine Tasse mit Losen bereit. „Leider verloren“, stand auf den meisten, aber Jörg hatte Glück – und gewann ein Quietsche-Entchen. Unter den Voranmeldern wurden 300 Sachpreise verlost. Auf der Liste stand Heikos Startnummer drauf. Er durfte sich über einen Getränkehalter inklusive Flasche freuen.

Bevor sie die Halle verließen, erkundigte sich Heiko bei den freundlichen Helfern nach einem Übernachtungsplatz in einer der Turnhallen. Die nächstgelegene Halle an der benachbarten Schule war nur den angemeldeten Nachtschläfern vorbehalten. Aber ein bis zwei Kilometer entfernt, im Ortskern, stand noch eine Halle zur Verfügung. Dort fand er einen Platz in einer großräumigen Halle, die nur von einem Dutzend anderer Läufer genutzt wurde.

Kurze Nacht vor dem langen 100-km-Lauf

Trotz Zeitumstellung wegen des Endes der Sommerzeit war die Nacht kurz. Um halb drei in der Früh räumte Heiko seinen Platz und begab sich zum Sportzentrum Hackenberg. Dort konnte er den Frühstart des 100-km-Laufs um drei Uhr verfolgen. Ihm selbst blieb noch eine Stunde Zeit. In der Halle gab es ein kleines Frühstück, er ließ sich registrieren und traf letzte Vorbereitungen. Dann marschierten alle Teilnehmer gemeinsam zum Start oberhalb des Sportzentrums. Kalt war es nicht, und geregnet hat es auch nicht. Es gab letzte Hinweise, und mit einer Feuerwerksrakete wurden die Läufer in die finstere Nacht geschickt.

Das Halbmarathon-Ziel in der Ortschaft Clemenshammer bestätigte, dass noch fast 79 Kilometer zu laufen waren.

Bild: Privat

Mit Stirnlampen und Warnwesten geisterten sie durch die Gegend. Orientierungs-Schwierigkeiten ergaben sich wider Erwarten kaum. Die gelben Richtungspfeile waren im Schein der Lämpchen gut zu erkennen. Die Verpflegungs-Stellen wurden überwiegend erst viel später eingerichtet, daher war man zunächst auf Eigenverpflegung angewiesen. Die meisten Teilnehmer führten Trinkrucksäcke oder -gürtel mit sich. An einer Stelle, von Fackeln beleuchtet, war tatsächlich schon ein Versorgungs-Stand verfügbar, der auf dem Rückweg noch einmal passiert wurde.

Ständiges Auf und Ab

Erstes Zwischenziel war das Freibad Eschbachtal, einen Halbmarathon vom Start entfernt. Auf dem Weg dorthin begegneten ihnen irgendwann die Frühstarter und später die Rückkehrer ihrer eigenen Startergruppe. Selbst bei Dunkelheit blieb den Läufern das anspruchsvolle Höhenprofil nicht verborgen. Ständig ging es hoch und runter. Kein Wunder, befand man sich doch im „Bergischen Land“. Ein flüssiger Lauf war den meisten bald nicht mehr möglich. Am Freibad musste man sich registrieren lassen – Verpflegung gab es dort auch bereits – und musste dann den beschwerlichen Rückweg nach Lennep antreten. Die eine oder andere Passage war derart steil, dass sie von den meisten nur gehend absolviert wurde. Mit schwindenden Kräften fielen diese steilen Anstiege, die über die gesamte Strecke verteilt waren, immer schwerer.

Jörg und Lars starteten um 8:30 Uhr. Zufälligerweise hatte Heiko zu der Zeit seine Marathon-Distanz mit Wendepunkt am Freibad Eschbachtal beendet. Während er sich beim Stadion-Durchlauf registrieren ließ und sich auf den eigentlichen Röntgenweg begab, mussten die beiden noch eine 5-km-Runde durch die Altstadt von Remscheid-Lennep und zurück bewältigen, bevor auch sie denselben Weg einschlugen. Am liebsten hätte Heiko bereits aufgehört zu laufen, denn er war schon ziemlich fertig, und die Aussicht auf weitere 58 Kilometer war sehr entmutigend. Es war ein zähes Ringen, das sich in seinem Kopf abspielte. Aber letztendlich trieb ihn seine Willenskraft immer weiter und hielt ihn davon ab, einfach aufzugeben. Er dachte fortan nur noch in 5-km-Schritten und berechnete ständig das verbleibende Polster bis zum Zeitlimit, das für ihn als Spätstarter bei 13 Stunden lag (bei den Frühstartern waren es 14 Stunden). Wo es die Strecke erlaubte, trabte er vor sich hin, blieb an den Verpflegungs-Ständen stehen, um sich zu stärken und wurde, wie viele seiner Leidensgenossen, an den reichlich vorhandenen Anstiegen zum Walker ohne Stöcke.

Überholt von den "Kurzstrecklern"

Bald schossen in einem unaufhörlichen Strom die schnellen Läufer des Halbmarathons, teilweise auch die des Marathons und Ultramarathons, an den langsamen 100-km-Läufern vorbei. Viele der Vorbeieilenden drehten sich um, erhaschten einen Blick auf die Startnummer, und wenn sie darauf ein C wie lateinisch „centum“ für hundert entdeckten, fanden sie ihre Vermutung bestätigt, dass sie soeben einen „Hunderter“ überholt hatten. An respektvollen Aufmunterungs-Rufen und erhobenen Daumen mangelte es nicht. Andererseits war es für einen Absolventen der 100-km-Strecke vom moralischen Standpunkt ungünstig, auf den teils schmalen Wegen als Hindernis wahrgenommen und ständig überholt zu werden. Daher war Heiko froh, als er endlich die kleine Ortschaft Clemenshammer erreichte. Dort war nämlich das Ziel des Halbmarathons, und unter großem Tamtam wurden die Finisher dieser Strecke empfangen. Alle anderen bogen rechts ab. Fortan war die Strecke deutlich weniger frequentiert, was für Heiko eine kleine Erleichterung war. Er brauchte keine Furcht mehr zu haben, angerempelt zu werden, wie es zuvor einige Male der Fall war.

Irgendwann, es war an einem Verpflegungs-Stand unweit des Freibades, trafen Lars und Jörg auf Heiko und begleiteten ihn ein Stück des Weges. Sie machten auch gemeinsam Rast am Freibad. Von dort an war es noch ein Halbmarathon bis zum Ziel, den Heiko zu nächtlicher Zeit schon einmal bewältigt hatte. Während die beiden Ultramarathonläufer bald davonzogen, kämpfte sich der Jubiläums-Läufer tapfer durch die Landschaft. Die Verpflegungs-Stellen – großes Lob, die waren üppig bestückt und wurden von lauter freundlichen Helfern betreut – kostete er nun reichlich aus, was zwar Zeit kostete, ihm aber auch gut tat. Genauso wie der Applaus der vielen begeisterungsfähigen Zuschauer, die entweder im Pulk an der Strecke standen oder etwas unvermittelt im Wald auftauchten. Als Läufer hatte man das Gefühl, die halbe Bevölkerung dieser Gegend sei auf den Beinen, um die Röntgenläufer moralisch oder als Helfer zu unterstützen.

Leserreporter Heiko Rammenstein 100-km-Röntgenlauf

Bild: Privat

Lars, Heiko und Jörg (von links) freuten sich sichtlich über ihre erfolgreich absolvierten Ultramarathons beim Röntgenlauf 2015.

Endlich das Ziel erreicht

Mit dem Erreichen der Wuppertalsperre und dem Auftauchen des 60-km-Schildes, was für ihn gleichbedeutend mit 96,7 Kilometer war, hatte Heiko ziemliche Gewissheit, das Zeitlimit einhalten zu können. Ganz kurz nur verweilte er am letzten Verpflegungs-Punkt, kippte zwei Becher Getränke herunter und eilte weiter. Der langgezogene Schlussanstieg hatte es in sich. Er führte durch einen Wald und weiter oben an dessen Rand entlang. Es war seine letzte Gehpassage. Sobald es flacher wurde, trabte er los und näherte sich unaufhaltsam dem Zielort Lennep. Schon von Weitem war der Zielsprecher des Stadions zu hören. Die letzten paar hundert Meter führten bergab, und flugs tauchte der Pfeil auf, der nach links zum Stadion wies. Ein kurzer Fußweg, ein Schwenk nach rechts, und schon befand sich Heiko auf der verkürzten Zielgeraden und war selig, die Matte nach 12:39:01 Stunden übertreten zu haben.

Im Ziel hing ihm eine nette Dame die hart erkämpfte Medaille um den Hals, und seine beiden Vereinskameraden Lars und Jörg, die ihren Ultramarathon nach 7:55:49 Stunden zeitgleich beendet hatten und seit einer Viertelstunde im Ziel waren, empfingen ihn freudestrahlend, um ihn zu beglückwünschen. Mit einem alkoholfreien Hefe-Weizenbier stießen sie auf ihre erfolgreich absolvierten Läufe an. Sie waren zwar körperlich fertig, aber glücklich, es geschafft zu haben. Heiko jedenfalls war platt und hatte das Bedürfnis zu schlafen, denn die Turnhallen-Nacht war kurz und der Lauf mega-anstrengend.

Unmittelbar nach dem Lauf, noch voller Eindrücke der überstandenen Strapazen, meinte Heiko zu seinen zwei Kameraden: Nie wieder! Damit meinte er die 100 Kilometer. Aber wer weiß, was in fünf Jahren ist? Denn in 2020 wäre der dritte 100-km-Lauf im Rahmen des dann 20. Remscheider Röntgenlaufs an der Reihe.

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