Das erste Mal Berlin-Marathon

Regenspaziergang

Nur, irgendwann fällt mir auf: Meine GPS-Uhr ist viel schneller als ich. Zählt bis Kilometer 30 glatt 500 Meter mehr durch. Mit einem Hirn, in dem schon lange kein Sauerstoff mehr ankommt, ist jede pacebasierte Zielzeitschätzung jetzt so sicher wie ­Lottozahlenraten. Egal: wollte eh Wohlfühltempo laufen. Also: patsch, patsch, patsch. Halte an so gut wie jeder Was­serstelle meine Nase gemütlich in einen oder zwei Becher und nasche Bananen, Äpfel und Gelchen. Geht ja um nix. Nur ankommen, ankommen, ankommen.

Okay: Zwischen Kilometer 10 und 30 zieht sich die Strecke etwas, aber dann: nicht zu glauben! Danke Baldeneysee, du brutales 30-Kilometer-Trainingscamp, du mein Ruhrpott-Drill­ser­geant! Und ich habe dich so gehasst! Kilometer 32: Ich überschlage die Zeit doch noch irgendwie: Unter 4:30 kann klappen! Wahnsinn: Vor zweieinhalb Jah­ren (und 4700 Laufkilometern) hätte ich keine 60 Minuten durchgehalten, jetzt könnte ich den Himmel hellblau anmalen vor Glück, dass es *nur noch* eine Stunde ist! Ein Spaziergang! 6:09 Min./km! 6:12! Jetzt noch! Das kleine Plus am Schluss! Sind das wirklich meine Beine, die da laufen? Und dann, an der Gedächtniskirche, wird mir plötzlich klar, dass das hier kein Trainingslauf durch Bottrop-Süd ist, sondern das verdammte Berlin-Matterhorn! Musik überall! Egal – weiter!

Kilometer 36 – he, wo ist eigentlich der Mann mit dem Hammer? Müsste der nicht hier … Im Ernst: Gestern hatte ich mich gefragt, ob ich es heute überhaupt bis hierhin schaffe – oder ob ich nicht längst mit Schläuchen im Arm in irgendeinem Sanitäterzelt Wolfgang-Petry-Texte rezitiere. Aber der Schinder mit dem Werkzeug hat offenbar Besseres zu tun – mich lässt er jedenfalls unbehelligt durch. Ich glaube, er streichelt mir sogar über den Kopf. Nicht mit dem Hammer. Aber ich weiß plötzlich, dass mir den Marathon jetzt. niemand. mehr. nehmen. kann.

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