Oscar Pistorius

Null Handicap

Unglaublich, aber wahr: Wegen seiner Beinprothesen ist Oscar Pistorius zu schnell für Olympia.

Laut einer im Januar veröffentlichten Studie verschaffen seine
Beinprothesen dem beidseitig beinamputierten südafrikanischen Läufer Oscar Pistorius ­„einen unlauteren Vorteil“ gegenüber nicht behinderten Läufern. Mit seinen Prothesen verstoße er gegen eine Regel des Internationalen Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF), welche Läufern den Gebrauch technischer Hilfsmittel untersagt.

Schließlich schloss die IAAF den südafrikanischen 400-Meter-Läufer von allen IAAF-Veranstaltungen aus, wozu natürlich auch die diesjährigen Olympischen Sommerspiele in Peking zählen. Dass Beinprothesen beim Laufen Vorteile bringen sollen, klingt grotesk. Pistorius hat den Beschluss bereits angefochten, aber ihm steht ein harter Kampf bevor.

Nach einer Serie von Tests stellte Gert-Peter Brüggemann, Professor an der Sporthochschule Köln und weltweit anerkannter Experte auf dem Gebiet der Biomechanik, fest, dass die Prothesen der Marke Cheetah es Pistorius ermöglichen, bei gleicher Laufgeschwindigkeit weniger Energie aufzuwenden als Athleten auf zwei gesunden Beinen.

„Der Unterschied ist wirklich beträchtlich. Einen so großen körperlichen Vorteil beobachtet man sonst nie bei einem Athle­ten“, sagt Ross Tucker, Bewegungsphysiologe an der Universität von Kapstadt in Südafrika. Die komplette Studie wurde bislang noch nicht veröffentlicht, aber Tucker hat die Ergebnisse für RUNNER’S WORLD ausgewertet:

1. Weniger Auf und Ab
Schnelle Läufer reduzieren die verti­kale Bewegung des Körpers beim Laufen auf ein Minimum und haben dadurch ­einen geringeren Energieverbrauch. Die Prothesen produzieren eine deutlich gerin­gere Aufwärtsbewegung als der mensch­liche Fuß. Die Cheetahs drücken in die richtige Richtung: nach vorn.

2. Gleiches Tempo, weniger Sauerstoff
Pistorius verbraucht bei gleicher Geschwindigkeit 25 Prozent weniger Sauerstoff als ein gesunder Läufer. Grund: die Energie­rück­führung der Prothesen. „Das ist ein überraschend hoher Faktor“, sagt Tucker, der ein Ergebnis um die 5 Prozent erwartet hätte. Das verschafft Pistorius einen Vorteil auf der zweiten Hälfte eines 400-Meter-Rennens. Die meisten Sprinter werden langsamer, aber er kann oftmals sogar beschleunigen.

3. Weniger Ermüdung
Laut Tucker beruht der geringe Verlust von Antriebskraft auch auf der Tatsache, dass die Cheetahs keine Ermüdungserscheinungen aufweisen. Hinzu kommt ihr geringes Gewicht. Das Gewicht einer Prothese beläuft sich auf ein knappes Kilo. Sie wiegt damit rund 6 Kilo weniger als ein Bein.

4. Besserer Energieumsatz
Beim Laufen überträgt der Körper Energie an den Untergrund und nimmt im Gegenzug welche auf, die ihm dabei hilft, voranzukommen. Da die Karbonfasern der Cheetah-Schienen extrem unflexibel sind, liefern sie dreimal so viel Energie zurück wie ein menschliches Fußgelenk.

5. Weniger Energieverlust
Wenn der Fuß den Boden berührt, folgt eine Bewegung aus Landung, Abrollen (Pause) und Abdruck. Während der Phase des Abrollens wird Energie verbraucht. Allerdings fand Brüggemann heraus, dass der Energieverlust mithilfe der Cheetahs mit 9,3 Prozent wesentlich geringer ausfällt als die 41,4 Prozent bei gesunden Läufern. Durch den geringeren Energiever­lust kann Schritt für Schritt mehr Kraft umgewandelt werden.