Nils Schumann nimmt einen letzten Anlauf

Nils Schumann, der seinen größten Triumph als 800-m-Olympiasieger 2000 feierte, will es noch einmal wissen.

Nils Schumann

Von dem enormen Schlussspurt, mit dem sich Nils Schumann vor neun Jahren zum Europameister und dann zum Olympiasieger 2000 katapultierte, ist nichts mehr zu sehen. Auf der Zielgeraden kommt der 800-m-Läufer bisher nicht mehr richtig voran – weder in Warschau noch in Cottbus oder in Luzern. Über 1:47,90 Minuten ist Nils Schumann noch nicht hinaus gekommen. Doch immerhin: der einzige deutsche 800-m-Olympiasieger bei den Männern läuft wieder.

„Ich habe mir zunächst ein paar kleinere Ziele gesteckt“, sagt der 29-Jährige und erklärt: „Ich hatte eine lange Pause und brauche jetzt erst einmal einige Rennen, um wieder rein zu kommen.“ Nils Schumann sagt, er müsse den 800-Meter-Lauf erst wieder neu entdecken.

Schon im Jahr nach seinem Triumph von Sydney begann die Verletzungsmisere des gebürtigen Thüringers. Trotzdem lief er zunächst noch einige gute Rennen und gewann bei den Europameisterschaften 2002 in München Bronze. Doch dann lief nichts mehr für Schumann. Vor allem die Achillessehne bereitete immer wieder Probleme. Im vergangenen Jahr warf ihn schließlich ein Hundebiss aus der Bahn. Die Narben in der Wade sind noch zu sehen. „Das war der Eckzahn“, sagt Schumann und zeigt die betroffene Stelle.

In diesem Jahr konnte Nils Schumann verletzungsfrei trainieren, deshalb will er die Zähne zusammenbeißen und kämpfen. „Ich möchte Stück für Stück wieder zurückkommen zu meinen besten Zeiten.“ Im Jahr seines Olympiasieges war er 1:44,22 Minuten gelaufen – eine Weltklassezeit. Dorthin zurück, das ist ein weiter Weg. „In dieser Saison habe ich mir erst einmal eine Zeit von 1:45 Minuten vorgenommen“, sagt Nils Schumann. Die Norm für die WM-Qualifikation hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) auf 1:45,40 Minuten gesetzt. „Es wäre natürlich schön, wenn es klappen sollte mit einem WM-Start. Aber es ist nur wenig Zeit bis zur Nominierungsfrist, und das macht es schwer. Ich glaube im Prinzip, dass ich diese Zeit in diesem Jahr noch laufen kann, aber ich weiß nicht, ob ich das rechtzeitig vor der WM-Nominierung schaffe“, sagt Nils Schumann vor den Deutschen Meisterschaften, die am nächsten Wochenende in seiner Heimatstadt Erfurt stattfinden.

Am Ende der Saison will der Olympiasieger sehen, wo er steht und dann entscheiden wie es weiterläuft. „Ich werde sehen, wie weit die Weltspitze weg ist. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich da wieder hinkommen kann, dann gebe ich mir die Zeit und werde weitermachen“, sagt Nils Schumann und fügt hinzu: „Wenn nicht, dann wird der Läufer Nils Schumann im nächsten Jahr einem Beruf nachgehen.“

Doch vor einem möglichen Karriereende will Nils Schumann noch einmal voll auf die Karte Laufen setzen. Zehn bis zwölf Trainingseinheiten absolviert er wöchentlich. Seit rund zwei Jahren ist Volker Beck, der Olympiasieger über 400 m Hürden von 1980, sein Trainer, nachdem er zuvor zeitweilig von Thomas Springstein betreut worden war. Ende des vergangenen Jahres war Nils Schumann in den Strudel des Dopingskandals um Springstein geraten. Doch der DLV musste die Anklage gegen Schumann wieder zurückziehen, weil der Verband kein Doping nachweisen konnte. „Die Sache mit dem DLV ist erledigt – das war genug Stress“, sagt Nils Schumann, der in seiner Zeit unter Springstein verletzungsbedingt kein einziges Rennen gelaufen war.

Um bei Volker Beck zu trainieren, ist Nils Schumann nach Offenbach gezogen und startet für Eintracht Frankfurt. „Der Verein hilft mir sehr, aber insgesamt ist die Luft natürlich dünner geworden“, sagt der Olympiasieger über die finanzielle Unterstützung, die er erhält. Auf die Frage, ob er noch Startgelder bekommt, antwortet er: „Das ist natürlich nicht mehr wie früher, aber ich kämpfe mich nach oben.“ Nils Schumann glaubt, dass er es schaffen kann, auch wenn es bisher nicht so aussah: „Aber ich weiß, was mir fehlt und was ich im Training machen muss.“