Leser-Reporter Matthias Enseleit

Mein Marathon zurück ins Leben

Matthias Enseleit litt lange unter starken Depressionen. Durch das Laufen schaffte er den Weg zurück ins Leben. Im Mai 2014 lief er seinen ersten Marathon.

Leser-Reporter Matthias Enseleit

Leser-Reporter Matthias Enseleit bei seinem Marathon-Debüt in Hamburg.

Bild: privat

Startschuss 9:00 Uhr, die Spitzengruppe A startet. Anspannung und Aufregung steigen immer mehr, letzte Dehnübungen, ein wenig auf- und abspringen um die Kälte zu vertreiben. In diesem Moment beneide ich die Läufer mit einer Tüte, die vor dem kalten Wind schützt; das muss ich mir für den nächsten Marathon merken: Gelben Sack mitnehmen. Die Thermounterwäsche hält im Moment auch nicht gerade warm, Gänsehaut, ich will endlich loslaufen, dann würd mir auch endlich warm werden. Eigentlich mag ich kalte Temperaturen, ich trainiere immer am frühen Morgen oder spät am Abend, beste Bedingungen also.

Block B startet, Block C folgt, mein Block F bewegt sich langsam vorwärts Richtung Startlinie. Ich schaue mich noch einmal nach einem roten Ballon mit einem großen 4:00-h-Aufdruck um, kann ihn jedoch nicht sehen. Ich ärgere mich darüber, bei der Anmeldung vor acht Monaten eine angestrebte Zielzeit von 3:45 h eingetragen zu habe. Diese Angabe hat mich in Block F verfrachtet, scheinbar vor den 4-h-Pacemakern. Na gut, muss ich mich halt an meiner Garmin orientieren, außerdem schwirren die angestrebten Zwischenzeiten, gestaffelt nach Distanzen, seit Wochen in meinem Kopf umher.

Das Ziel heißt ankommen

Das Ziel meines ersten Marathon ist ankommen, rede ich mir zumindest ein, ich erinnere mich an einen Satz, den ich vor zwei Wochen in der Runner’s World gelesen hab: „Genieße deinen ersten Marathon, es wird auf jeden Fall Bestzeit.“ Und dennoch hoffe ich auf eine Zeit, die unter der, für mich magischen, 4-h-Marke liegt. Mittlerweile werden die einzelnen Startblöcke nicht mehr aufgerufen, der Start erfolgt fortlaufend, gleich geht’s los, kleine Trippelschritte in Richtung Startlinie, noch mal die Anzahl der Energiegele und -riegel gecheckt, obwohl ich daran jetzt auch nichts mehr ändern kann. Ist wohl eine Übersprunghandlung, um die Nervosität in den Griff zu bekommen. Getränkeflasche ist gefüllt. Der MP3-Player vom Handy wird angeschaltet, die Playlist „Matzi’s Marathon Musik“ (tolle Alliteration) gestartet, die Lautstärke aufgedreht. Die typische Android-Warnung erscheint: die Lautstärke nicht zu laut aufzudrehen, wegen Gehörschäden undso, ist mir aber gerade vollkommen egal. Ich poste bei Facebook noch schnell den Status „Los geht’s“ – soll ja auch jeder wissen, was ich gerade mache, ja Angeber, Handy weggesteckt, Kopfhörer auf, da ist die weiße Linie, Garmin gedrückt, los geht’s.

Aufgeben kommt nicht in Frage

Was folgt, sind 42,195 Kilometer, derer ich mich nicht mehr bis ins kleinste Detail erinnern kann. Es gibt jedoch einige Erinnerungen die mir ganz persönlich im Gedächtnis geblieben sind. Auf den ersten drei Kilometern denke ich, ich möchte nicht mehr, 39 Kilometer noch, was hab ich mir nur dabei gedacht und warum zum Teufel bin ich gestern die St. Michaelis Kirche zu Fuß hinaufgegangen und nicht mit dem Fahrstuhl gefahren? 453 Stufen, nicht viel, aber wenigstens habe ich eine Ausrede für meine schweren Beine. Eigentlich würde ich gern jetzt schon aufhören, aber wie sieht dass den aus, da überwiegt doch die Winzigkeit an männlichen Stolz.

Wenigstens Halbmarathondistanz, dann kann ich ja noch mal übers Aufgeben nachdenken, naja, rede ich mir zumindest ein, im Hinterkopf denke ich mir jedoch, entweder überquere ich die Ziellinie auf meinen zwei Beinen laufend, auf allen Vieren kriechend oder der Notarzt hat mich irgendwo eingesammelt und ins Sauerstoffzelt verfrachtet. Einen Satz meiner Mutter, denn ich mir die letzten Tage immer wieder anhören durfte, ignoriere ich wie immer: „Wenn du nicht mehr kannst, hörst du aber auf ja!?!“ – „Ja natürlich, mach dir keine Sorgen!“

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