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Mein erstes Mal: Berlin-Marathon von Günter Schödl

Unser Leser-Reporter Günter Schödl beschreibt sich selbst als "klassische Schreibtisch-Potato". Er berichtet ausführlich und tiefst emotional von seinem ersten Mal in Berlin.

Leserreporter Günter Schödl Berlin-Marathon

Günter Schödl war sich nicht sicher, ob er in "seinem" Alter noch den Schritt zum Marathon wagen sollte.

Bild: Günter Schödl

Am zweiten Advent 2011 war es, ich drehte morgens meine Runden um den Falkenseeer Weiher am westlichen Rand Berlins. Eine Anglermumie löste sich aus dem Uferdunst, hatte mitgezählt: Die fünfte Runde! Die fünfte schon? Meine Gedanken waren die ganze Zeit bei der Frage „Marathon, ja oder nein?“ gewesen. Warum sollte ich es eigentlich nicht probieren? Wenigstens ein einziges Mal Marathon, in Berlin, durchs Brandenburger Tor, ja! Aber ich war fast 68 und zeitlebens war ich sportlich inaktiv gewesen. Eben der klassische Schreibtisch-Potato. Und wenn schon!

Vor kaum acht Jahren hatte ich, angeregt durch meine Frau und selbst längst unzufrieden mit meiner gesundheitlichen Verfassung, online einen Lauftreff an meinem Wohnort Falkensee gesucht und gefunden. Noch heute erinnere ich mich voller Dankbarkeit. „Laufmaus Elke“ und ihre Freunde brachten mir das kleine ABC des Läufers bei, obwohl ich zu dieser ambitionierten Läufergruppe gar nicht passte. Der „Lauftreff Nauen/Falkensee“ im Havelland ist seither meine läuferische Heimat geworden. Über Motivations- und Trainingslücken half mir die sonstige läuferische Vernetzung hinweg. Im badischen Heidelsheim hatte mich mein junger Schwager Peter Lichtner, von mir als leibhaftiger Marathoni bestaunt, auf den Weinbergen des Kreichgaus mit den Freuden des Bergtrainings bekanntgemacht. Zugleich lernte ich es im reich verzweigten Berliner Läufermilieu zu allererst bei Jens Karrass, auch bei „Hübi“ und in der Rundfunk-Berlin-Brandenburg-Laufbewegung, längerfristig Kondition aufzubauen. Vielleicht kann diese Story eines Spätberufenen, der sehr spät und fast zufällig zu joggen anfing, so manchem, der noch zögert, Mut machen.

"Ich startete in Block H, auch bekannt als das Biotop der (Herbst)Zeitlosen und Frustrierten."

Bild: Norbert Wilhelmi

Mein Marathontag, der 30. September 2012, begann, den Experten werden die Haare zu Berge stehen, mit einem rustikalen Frühstück. Auf speziellen Wunsch des Matadors servierte meine Frau reichlich Rührei mit Speck und dunklem Brot, hinterher noch Kaffee und Apfelschorle. So hatte der gefürchtete Hungerast, meiner Meinung nach, ja wohl keine Chance. Satt und zufrieden, so reiste ich zum großen Show-down nach Berlin. Natürlich alleine! Ich hatte einfach keine Lust mehr, nochmal irgendwelche entsetzten Zeitgenossen, die meine Absicht mitbekamen und mich vor mir selber retten wollten, beruhigen zu müssen. Ich hielt es ja durchaus für möglich, das Ziel irgendwie zu erreichen. Allerdings, ganz waren die eigenen Zweifel nie geschwunden. Erstens, in meinem Alter ein erster Marathon! Außerdem war ich ja noch nie weiter als 26 km am Stück gelaufen.

Es fing schon gut an. Meine Vorstellung, dass wenigstens der Start ein dramatisches, unvergessliches Erlebnis sein würde, erwies sich als so was von daneben. Erstmal musste ich, dank Rührei prall Testosteron geladen, noch schätzungsweise 45-minütiges Warten durchhalten. Tja, und das im Stehen. Und zwar im letzten Starterblock. In Block H, auch bekannt als das Biotop der (Herbst)Zeitlosen und Frustrierten. Natürlich war dieser Auftakt das Ende aller sportlichen Träume. Irgendwann, als ich fast schon nicht mehr damit rechnete, merkte ich, dass im langen Zug der 40.000 die Bewegung mich erfasst hatte.

Im dichten Pulk albernder dänischer Spätwikinger, deren gute Laune einfach ansteckend war, wurde ich irgendwie weitergeschoben. Allerdings war ich eingekeilt zwischen kompakten Touristenrudeln aus aller Herren Länder, die als Marathonis durchnummeriert waren. So trottete ich, abwechselnd geschubst, gebremst, genervt, dem Ernst-Reuter-Platz entgegen. Meistens im Stop-and-Go-Modus. Eine desaströse 10-Stunden-Zeit zeichnete sich ab. Mich sollte das aber nicht weiter stören. Meine unbewussten kenianischen Inspirationen hatten sich ja sowieso schon restlos verflüchtigt. Und da schau an, zwischen Moabit und Regierungsviertel kam doch noch Leben in die Truppe. Das Feld zog sich auseinander. Auch ohne Uhr und High Tech-Equipment spürte ich, dass ich in meinem gewohnten Sechser-Rhythmus war. Sogar die beiden ersten Versorgungsstationen brachten mich nicht mehr aus dem Tritt, es waren aber auch die Letzten, die ich cool ignorierte.

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