Interview

Matthias Jahn erklimmt Taipeh 101

Matthias Jahn erstürmte das weltweit zweithöchste Gebäude, den 101 Tower in Taipeh: Platz 4 von 2500 Treppenläufern.

Matthias Jahn vor dem Start.

Treppenläufer Matthias Jahn

Bild: Towerrunning e.U.

2046 Treppenstufen lief der Wahlmünchner Matthias Jahn am 25.11.2007 beim legendären Treppenlauf Taipeh 101 Run Up. Mit einer starken Zeit von 12:10 Minuten kam Matthias Jahn nicht nur am Toproof des 101 Towers, sondern als VIerter auch erneut im Spitzenfeld der Treppenlauf-Elite an.

Beim Taipeh 101 Run Up traten 2500 Teilnehmer an, möglichst schnell auf das mit 509 Metern derzeit zweithöchste Gebäude der Welt hinter dem Burj Dubai zu kommen. Seit 2005 findet dieses Rennen über die 101 Stockwerke, von denen der Taipeh 101 seinen Namen hat, dort jedes Jahr statt.

Johanna Stöckl sprach mit Matthias Jahn.

Gratulation zu deiner erneuten Topplatzierung! Letztes Jahr kamst du beim 101 Run Up als 7. Läufer oben an. Am vergangenen Wochenende bist du Vierter geworden. Wie war es?

Matthias Jahn: Taipeh ist definitiv der härteste Treppenlauf. Die Stufen sind sehr hoch. Das Treppenhaus sehr steil. Man erreicht dort bereits nach zirka dreißig Stufen seinen Maximalpuls. Das Teilnehmerfeld war dieses Jahr enorm stark. Unter den 2500 Teilnehmern war die gesamte Weltelite am Start. Alle waren sie da! Ich hatte mir eine Platzierung unter den Top Fünf fest vorgenommen. Entsprechend stolz bin ich, dass dies mit Platz vier geklappt hat. Jetzt freue ich mich erstmal auf eine dreiwöchige Regenerationsphase. Danach wird wieder intensiv trainiert. Denn bereits am 5. Februar 2008 nehme ich, wie jedes Jahr, am Empire State Building Lauf teil. Dieses Rennen liegt mir sehr. Ich wurde im Februar diesen Jahres dort Zweiter.

Seit 1998 läufst du. Bereits im Berglaufen warst du erfolgreich, hast 2002 eine Bronzemedaille bei der Berglauf WM in Innsbruck gewonnen. Wann bist du zum ersten Mal im Rahmen eines Rennens die Treppen hoch gelaufen?

Matthias Jahn: Das war am 11.11.2005 beim Donauturmlauf in Wien. Ich belegte bei meinem allerersten Rennen Rang 8 und war damit auf Anhieb für den Empire State Building Lauf, New York, qualifiziert. Das war der Anfang einer großen Leidenschaft.

Was hat dich zum Treppenlaufen gebracht?

Matthias Jahn: Als aktiver Bergläufer lernte ich einen Trainer kennen, der Treppenläufer war. Irgendwie törnten mich seine Erzählungen an. Ich dachte sofort, das auszuprobieren. Ich war leicht, extreme Power in den Beinen hatte ich auch. Und schon ging’s los.

Wäre es nicht viel schöner einen Berg hoch zu laufen als durch ein Treppenhaus zu jagen? Was reizt dich am Treppenlauf?

Matthias Jahn: Klar, ist Berglaufen vordergründig schöner, bewegt man sich doch in freier Natur. Das Treppenlaufen ist aber viel extremer als das Berglaufen. Es ist steiler, viel schneller und sportlich noch anspruchsvoller. Der Treppenlauf ist letztendlich die Steigerung des Berglaufens. In Taipeh zum Beispiel laufen wir 91 Stockwerke, das sind 390 Höhenmeter, 2046 Stufen. Am Berg braucht man für diese Distanz zirka 20 Minuten. In Taipeh laufen wir diese Höhendistanz in etwa 12 Minuten. Das macht den Reiz aus.

In welchen Hochhäusern trainierst du?

Matthias Jahn: Am Anfang war es sehr schwierig Genehmigungen zu bekommen. Und das, obwohl ich niemanden störe, leise bin, keine schmutzigen Schuhe trage. Ich bin ganz friedlich, laufe hoch und fahre mit dem Lift wieder runter und wiederhole diese Einheit mehrmals. Manchmal schlugen Menschen Alarm, weil Sie dachten, ich wollte mich oben vom Dach stürzen. Ich bin heute sehr glücklich darüber, dass ich im Maintower in Frankfurt trainieren darf, und das, obwohl dies ein Finanzgebäude ist. Ich danke den Verantwortlichen dafür. Es ist mittlerweile für mich ganz unkompliziert dort. Manchmal werde ich richtig herzlich begrüßt. Wirklich, ohne Maintower könnte ich meinen Sport gar nicht ausüben. Ich habe dort 56 Stockwerke, 1090 Stufen zur Verfügung. Das brauche ich auch, um mich sinnvoll auf die ganz großen Rennen mit doppelt so vielen Stockwerken vorzubereiten.

Du lebst in München. Da drängt sich die Frage auf, wie oft du nach Frankfurt fährst?

Matthias Jahn: Verrückt. Ja, ich bin regelmäßig in Frankfurt. Die letzten 4 Monate war ich zum Beispiel jedes Wochenende in Frankfurt, obwohl ich in München lebe und arbeite. Frankfurt ist so gesehen meine zweite Heimat geworden.

Wie bekommt man die Starterlaubnis für die ganz großen Treppenläufe wie den Empire State Building Lauf oder den 101 Run Up Taipeh?

Matthias Jahn: Die besten 10 der Welt werden eigentlich überall an den Start gelassen. Da gehöre ich Gott sei Dank dazu. Wer aber erstmalig zum Beispiel nach Taipeh oder New York will, muss sich bewerben und entsprechende Referenzen vorweisen. Bei mir war dieser Einstieg leicht, weil ich mich mit einer Top Ten Platzierung beim Donauturmlauf (Wien) 2005 qualifiziert hatte. Seither bin ich in New York gesetzt, weil meine Ergebnisse dort immer sehr gut waren. Nach Taipeh hat man mich eingeladen, weil ich dieses Jahr Platz 2 beim Empire State Building Run Up belegt habe.

Wie darf man sich den Start bei so einem Rennen vorstellen? Gerangel im Treppenhaus?

Matthias Jahn: In Taipeh wird jede Minute ein Läufer gestartet. Du rennst dein Rennen mehr oder weniger alleine – sofern du zur Spitze gehörst und nicht überholt wirst. Du kommst oben an und musst warten, bis der letzte Teilnehmer ganz oben angekommen ist. Der Empire State Buidling Lauf hingegen ist eine ganz andere Nummer – Massenstart! Alle Teilnehmer an einer Startlinie. Die ersten 10 des Vorjahreslaufes dürfen in der ersten Reihe starten. Alle anderen dahinter haben sozusagen freie Platzwahl. Es folgt ein Massensprint im Vollspeed auf eine, ja, handelsübliche Tür. Ich muss nicht weiter erklären, was das bedeutet. Bei meiner ersten Teilnahme startete ich aus der 2. Reihe, war aber trotzdem als Dritter im Treppenhaus. Im Treppenhaus geht es dann aber wieder sehr geordnet zu. Die Fairness gebietet einem Läufer den Konkurrenten, der von hinten Druck macht und einfach schneller ist, auch überholen zu lassen. Irgendwie find ich diesen Massenstart in New York richtig klasse. Mir liegt das. Ich gehe mit meiner Konkurrenz auf Tuchfühlung. Ich sehe den Gegner und weiß auch immer, wo ich gerade im Rennen stehe.

Wie bereitest du dich auf ein großes Rennen vor?

Matthias Jahn: Vor großen Rennen bereite ich mich 2 Monate intensiv vor. Für Taipeh gar 3 Monate. In Spitzentrainingszeiten trainiere ich 10 mal pro Woche. Das heißt konkret: täglich vor und nach der Arbeit intensives Lauftraining. Am Wochenende bin ich dann in Frankfurt und trainiere die wirkliche Disziplin im Maintower. Pro Woche ein Ruhetag, meistens Samstag. Nur an der Treppe zu trainieren würde viel zu viel Kraft kosten und mir langfristig schaden. Ich laufe im Sommer gerne zu Trainingszwecken Bergläufe mit.

Zum finanziellen Aspekt. Gibt es Preisgelder bei großen Rennen?

Matthias Jahn: New York ist diesbezüglich hart. Wir zahlen sogar 28 Dollar Startgeld pro Mann und Nase. Für Flug und Unterkunft kommen wir ohnehin selbst auf. In Taipeh werden Flug und Unterkunft vom Veranstalter übernommen. Es gibt auch ein Preisgeld. Ich müsste lügen, aber der Sieger bekommt an die zweitausend Euro. Ich weiß es wirklich nicht genau, weil ich dort noch nicht gewonnen habe! Ich habe heute ein paar Sponsoren, die mich unterstützen. Aber um ehrlich zu sein, diesen Sport muss man aus reiner Leidenschaft betreiben. Geld ist da keines zu holen. Ich finanziere über meinen Job meinen Sport. Sponsoren sind willkommen. Wenn die Deutsche Bahn – ein Hallo nach Frankfurt an dieser Stelle – meine üppigen Bahnkosten übernehmen könnte, wäre das eine Riesen-Erleichterung für mich.

Es gibt sicher eine besondere Technik beim Treppenlauf.

Matthias Jahn: Im Grunde besteht ein Treppenlauf aus zahlreichen, kleinen Sprüngen. Zwei Stufen auf einmal sollte man nehmen. Drei kosten zuviel Kraft, mit nur einer Stufe ist man definitiv zu langsam. Man drückt sich an der Treppe mit dem Vorfuß ab, springt zur nächsten. Die Ferse berührt die Stufe eigentlich kaum. Um die Ferse zu stabilisieren, trage ich speziell angefertigte Carbon-Einlagen in meinem Schuh. Ich habe Einlagen für rechts- und linksdrehende Treppenhäuser. Auch der Armeinsatz muss gut sitzen, um sich kräftig um die Kurven rum zu ziehen. Treppenhäuser sind in der Regel warm, trocken und stickig. Damit muss mein Körper auch klar kommen.

Verwendest du einen Lift im Alltag?

Matthias Jahn: Ja, sogar im Training. Allerdings nur zum Runterfahren. Wenn ich in’s Büro gehe, verwende auch ich den Lift. Erst, wenn ich Sportklamotten trage, die Laufschuhe schnüre, lege ich einen Schalter um. Ich trenne diese beiden Welten.

Gibt es Zahlen darüber, wie viele Menschen Treppenlauf betreiben?

Matthias Jahn: Ich kann nur sagen, wie viele Teilnehmer es bei diversen Wettkämpfen hat. Diese Zahlen differieren gewaltig. In Deutschland treten bei Wettkämpfen 100 bis 200 Starter an. In Taipeh starteten über 2500 Teilnehmer. In New York hingegen werden nur 120 Teilnehmer zugelassen.

Stimmt es, dass du schneller bist als der Lift? Wo hast du diesen Vergleichskampf angetreten?

Matthias Jahn: In Fulda in einem Bürogebäude mit 16 Stockwerken. Das Fernsehen war dabei. Ich war um zirka 12 Sekunden schneller als der Lift. Allerdings habe ich bei steigender Stockwerkzahl keine Chance gegen einen Lift. Er kennt keine Ermüdungserscheinungen. In Taipeh zum Beispiel fährt im 101 Tower der schnellste Lift der Welt (120 km/h) Keine Chance für uns Läufer.

Wie lässt sich dein Training mit deinem Beruf, mit deinem Privatleben vereinbaren?

Matthias Jahn: Im privaten Bereich muss ich viele Kompromisse eingehen und mir und meinem Umfeld viele Entbehrungen zumuten. In der heißen Wettkampfphase besteht mein Leben nur aus Job und Training. Privatleben gibt es keines. Mein Umfeld toleriert das. Was meinen Job betrifft, habe ich großes Glück. Ich arbeite für Jochen Schweizer. Er ist selbst ein Sportverrückter. Er ermöglicht mir Freiraum für Training und Wettkampf. Außerdem ist er einer meiner wenigen Sponsoren. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken. Ich weiß das sehr zu schätzen, Jochen!

Gibt es Organisationen, Verbände, in denen ihr organisiert seid?

Matthias Jahn: Nein. Bisher nicht. Wir organisieren uns selbst. Unser Sport ist aber schwer im Kommen.

Welche Visionen und Ziele hast du in deinem Sport?

Matthias Jahn: Die Petronas Towers, Kuala Lumpur, Malaysia, reizen mich sehr. Das Burj Dubai, 818 Meter hoch, nach Fertigstellung will ich auch unbedingt laufen. Auf 2008 freue ich mich auch deshalb sehr, weil ich als Feuerwehrmann zu den „World Firefighters Games“ in Liverpool in der Disziplin Treppenlauf eingeladen bin. Generell aber reizt mich jedes Hochhaus. Ich komme in eine neue Stadt und schon lachen mich die höchsten Türme an. Verrückt, ist aber so. Wolkenkratzer faszinieren mich.

Du arbeitest im Bereich Erlebnis-Actionmarketing. Wie ehrgeizig bist du im Beruf. Bedeutet dir beruflicher Erfolg ebenso viel wie sportlicher?

Matthias Jahn:Ja. Ganz klar. Ich will im Beruf gut sein. Ich finanziere heute damit meinen Sport. Alleine deshalb will ich gut sein. Ich identifiziere mich voll mit dem Unternehmen, für dich ich tätig bin. Ich will durch meine Leistung das zurückgeben, was ich an Freiheiten von der Führungsebene der Firma erhalte. Außerdem bin ich ehrgeizig. Weit über den Sport hinaus. Was immer ich auch anpacke, ich mache es richtig, zu hundert Prozent.

Arbeitest du, um dir den Sport zu finanzieren oder reizt dich am Sport die Anerkennung abseits des Berufes? Hat das eine mit dem anderen überhaupt etwas zu tun?

Matthias Jahn: Richtig, das eine hat vorerst mit dem anderen nichts zu tun. Ich setze ich mir ständig neue Ziele, definiere meine Grenzen immer wieder neu. Ich suche auch geistige Herausforderung. Selbst wenn mich mein Sport ernähren würde. Ich bin Sportler, aber nicht nur. Ich bin Matthias Jahn, ich laufe Treppen hoch wie ein Verrückter. Aber das ist nur ein Teil von mir. Ich will auch in anderen Bereichen des Lebens hoch hinaus.