Leser-Reporter

Magnus Kalaß beim Classic Quarter Ultralauf

Weniger Planung, mehr Abenteuer: So gab es für Leser-Reporter Magnus Kalaß zwar keine Duschen und keinen Schlafplatz nach dem 70 km langen Ultramarathon, aber beeindruckende bergige Landschaften.

Magnus Kalaß

Magnus Kalaß und Laufkumpel Fabian vorm Start beim Classic Quarter Ultramarathon.

Bild: Privat

In der Planung klingt oft einiges besser als in der Praxis. Aber gerade unvorhergesehene Schwierigkeiten sind im Nachhinein oft bereichernd. Der Vorschlag von meinem Laufkumpel Fabian, unseren ersten Ultramarathon gemeinsam in England zu bestreiten, wirkte nach meinem mit persönlicher Bestzeit abgeschlossenen Marathon in Berlin absolut machbar und plausibel. 70 Kilometer, dafür muss man halt trainieren. 1.500 Höhenmeter sagten mir als Flachland-Berliner zwar nicht viel, aber ein paar Mal den Kreuzberg hoch und runter rennen musste als Vorbereitung dafür doch auch reichen.

Die Vorbereitung lief gut. Eine Woche vor dem Event nach London angereist, nutzte ich die Taperingphase ausgiebig, um die Stadt zu erkunden, mir angemessen den Bauch vollzuschlagen und mit Fabian noch einmal grob die Rennplanung durchzugehen. Unsere Planung sah so aus: am Tag zuvor 8 Stunden mit dem Bus anreisen, ankommen um 2 Uhr morgens, von dort aus ab ca. 5 Uhr mit dem Shuttlebus zum Startpunkt. Schlaf im Vorfeld? Fehlanzeige. Unterkunft für die Zeit im Nachhinein? Ebenfalls Fehlanzeige. Wir hatten ja Isomatten dabei, im Notfall konnte man sich sicher in den gemütlichen Bahnhof legen. Wie weit das funktionieren sollte, würden wir im Nachhinein sehen.

Angekommen am Lizards Point in Cornwall lief noch alles gut. Etwas müde aber doch energiegeladen machten wir noch ein letztes gemeinsames Foto, dann ging es nach einer mittellangen Ansage auch schon auf die Stecke. Übermotiviert platzierten wir uns gleich zu Beginn im vorderen Viertel des Feldes, rannten die Bergabpassagen mit vollem Tempo und ließen uns beim Hochrennen ebenfalls wenig Zeit, fühlten uns allgemein sehr gut und fast unbesiegbar. Auch das Wetter war gut, die Szenerie an der Küste wirklich atemberaubend: hatte man die Gelegenheit, den Blick über die zerklüftete Steilküste schweifen zu lassen, vergaß man zeitweise die Anstrengung.

Unser Tempo rächte sich kurz vor dem 2. Checkpoint: meine Hüfte verkrampfte und auch Fabian ließ einige Ermüdungserscheinungen erkennen. Am Checkpoint angekommen blieben wir etwa 10 Minuten, aßen und tranken in der Hoffnung wieder zu Kräften zu kommen: konditionell funktionierte das auch, aber die gerade durch das Bergablaufen strapazierte Muskulatur meldete sich. Der Rest der Strecke bietet Raum für (unrühmliche) Legenden: von Knieschmerzen bis hin zu mittelschweren Verzweiflungsattacken schleppten wir uns weiter vorwärts, die Gehpassagen wurden immer länger und die Fragen nach dem “warum tun wir uns das an” wurden immer lauter.

Der dritte Checkpoint wurde irgendwie geschafft, danach soll es wohl noch steiler bergauf und bergab gehen als zuvor. Super! Dass wir ab dem Zeitpunkt uns nicht mehr im vorderen Viertel befanden versteht sich von selbst. Ein kurzes Zwiegespräch: ziehen wir das bis zum Ende durch? Wir tun es! Ich bin froh, dass Fabian dabei ist, ich weiß nicht, ob ich ohne ihn weiter gemacht hätte. Aber weiter geht es, langsam aber stetig. Das laute Fluchen bei jedem Abhang soll hier nicht unerwähnt bleiben. Nichtsdestotrotz: wenn der Körper nicht mehr will, kann einen der Kopf trotzdem immer noch eine ganze Ecke weiter tragen. Auch wenn der auf den letzten 15 Kilometern (für die wir mehr als 3 Stunden brauchten) einsetzende Regen uns nicht gerade beflügelte, erreichten wir doch übermüdet, durchgefroren und fertig mit der Welt das sprichwörtliche Ende, Land’s End.

Ein Blick auf die atemberaubende Küstenlandschaft konnte so manche Schmerzen während des Ultramarathons mindern.

Bild: Privat

Nach einer Medaille und einem Proteinriegel wurde uns offenbart, dass es keine Duschen gab, was sich in dem Moment wie ein kleiner, privater Weltuntergang anfühlte, da ich mich die letzten 4 Stunden mit dem Gedanken an eine heiße Dusche im Ziel motiviert hatte. Ein freundlicher Läufer setzte uns immerhin im Ort ab, von dem am nächsten Morgen unser Bus zurückgehen sollte, wofür ich immer noch dankbar bin. Auf unsere Urinstinkte zurückgestuft machten wir erst Essen ausfindig und wanderten geschlagene 2 Stunden in unserem stetig schlechter werdenden Zustand durch den Regen, um von einer ausgebuchten Unterkunft zur nächsten verwiesen zu werden. Als wir endlich eine Jugendherberge fanden, fühlte sich das an wie ein kleiner Lottogewinn. Auch die Dusche und das saubere Bett. Ich glaube ich habe mich in meinem Leben selten über etwas mehr gefreut. Der Muskelkater am nächsten Tag nach 4 Stunden Schlaf sprengte meine bisherige Vorstellungskraft.

Aber schon auf der Rückfahrt im Bus dachte ich mir: je mehr schief geht, desto mehr kann man auch erzählen. Danke Fabian, dass wir gemeinsam so viele Pannen haben. Das wird sicher nicht unsere letzte sein.

Was man gerade auf lange Sicht von so einem Event mitnimmt: etwas Neues zu wagen erweitert den Horizont, gemeinsam ist es schöner als einsam und sich aus der Comfort-Zone hinauszubewegen, führt einem immer wieder vor Augen, wie gut man es doch hat und dass man dies ruhig auch bewusster wahrnehmen sollte.



Werden Sie Leser-Reporter!
Sie kennen auch einen besonders schönen Lauf und wollen Ihre Erfahrungen mit den anderen Lesern von runnersworld.de teilen? Sie hatten ein einzigartiges Lauferlebnis? Dann werden Sie Leser-Reporter!


Das funktioniert ganz einfach: Sie schicken uns Fotos und Text an webmaster@runnersworld.de oder per Post an RUNNER'S WORLD, Online-Redaktion, Leverkusenstraße 54, 22761 Hamburg.

Sie versichern, dass Sie die Fotos selbst erstellt haben oder die Veröffentlichungsrechte dafür besitzen. Ein Honorar wird nicht gezahlt.

Herausforderungen

Beyond Limits – Ultralauf-Video von Magnus Kalaß

Beyond Limits
Der Film Beyond Limits schlägt die Brücke von seinem Ultralauf zu... mehr