10.000 m Frauen

Linet Masai auf dem schnellsten Weg zum Sieg

Die Kenianerin Linet Masai gewann ein dramatisches Rennen mit weniger als einem Meter Vorsprung vor Meselech Melkamu.

10.000 m Frauen bei der WM in Berlin

50 Meter vor der Zielgeraden führt Meseret Defar (2. von rechts) noch vor Meselech Melkamu (links neben Defar) und Linet Masai (links), am Ende siegte Masai vor Melkamu.

Bild: Photorun

Der Schiedsrichter hielt die Fahne hoch, doch es gab kein Zurück mehr: Das Berliner 10.000-m-Finale der Frauen wurde zu einem Novum bei einer derartigen Meisterschaft. Am Ende gewann die Kenianerin Linet Masai ein dramatisches Rennen mit weniger als einem Meter Vorsprung, obwohl die 19-Jährige streng genommen wohl ein paar Meter weniger gelaufen war als die knapp geschlagene Zweitplatzierte aus Äthiopien, Meselech Melkamu.

Das konnte einem Spanisch vorkommen – einmal war es in der jüngeren Vergangenheit bei einer Weltmeisterschaft passiert, dass die Strecke nicht stimmte: 1996 in Palma de Mallorca maß bei der Halbmarathon-WM der Kurs nicht ganz die vorgeschriebenen 21,0975 km. Das betraf damals allerdings alle Läufer, die dort an den Start gingen.

Der WM-Zeitpunkt mitten in den Schulferien, die Werbung, der Ticketverkauf – es gab viele Aspekte, mit denen Berlin nicht unbedingt punktete. Doch in einem war man sich vor Beginn der Titelkämpfe so sicher wie schon bei der Vergabe dieser WM im Dezember 2004: Organisatorisch würde alles stimmen, schließlich haben die Deutschen Erfahrung und Routine bei diesen Veranstaltungen.

Aber die deutsche Stärke versagte am ersten Abend der Weltmeisterschaften beim Start – und später auch nach dem Zieldurchlauf – des 10.000-m-Rennens. Sind mehr als zwölf Läuferinnen in einem Rennen, muss der Start auf zwei Gruppen verteilt werden. 21 Athletinnen gingen im Olympiastadion ins Rennen. Knapp die Hälfte muss dann entsprechend versetzt auf den äußeren Bahnen in der ersten Kurve starten, damit es nicht zu eng wird am Anfang des Laufes. Das passierte am Sonnabend regelgerecht, jedoch vergaßen die Schiedsrichter, die Markierungskegel in der ersten Kurve auf die Bahn zu stellen. Sie bewirken, dass die Läuferinnen, die außen starten auch die komplette erste Kurve auf den Außenbahnen bleiben.

Durch das Fehlen der Hütchen rannten die außen gestarteten Läuferinnen zu früh nach innen. Sie kürzten damit ein paar Meter ab. Der Zufall wollte es: die Siegerin Linet Masai war außen gestartet, die mit einer Zehntelsekunde, also weniger als einem Meter, geschlagene Meselech Melkamu lief innen. Die drittplatzierte Äthiopierin Wude Ayalew wiederum war ebenfalls außen ins Rennen gegangen.

Einen Einfluss auf das knappe Ergebnis hatte dieses Abkürzen jedoch sicher nicht. In einem lange Zeit taktischen Rennen hatten die Favoritinnen aus Äthiopien und Kenia erst im letzten Drittel das Tempo forciert. Entscheidend waren die letzten 500 Meter – und da wäre Linet Masai auch in der Spitzengruppe gewesen, wenn sie am Anfang ein paar Meter mehr gelaufen wäre. Das Timing für den Endspurt der 19-Jährigen war perfekt. Und aufgrund von Überholungen während der 25 Runden wird sie auch etwas mehr als 10.000 m gelaufen sein.

Zu einer weiteren Panne kam es dann bei der Auswertung des Zielfotos durch den zuständigen Schiedsrichter. Immer wieder wurde auf den Anzeigetafeln Meseret Defar (Äthiopien) als Bronzemedaillengewinnerin eingeblendet. Doch sie war als Fünfte ins Ziel gelaufen. Über das Ergebnissystem für die Medien war das 10.000-m-Ergebnis währenddessen gar nicht mehr abrufbar. Das hing, so erklärte Anna Legnani, die stellvertretende Pressesprecherin des internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), später damit zusammen, dass man angesichts des Fauxpas’ am Start die 30-minütige Frist für einen Protest abwartete. „Es gab aber keinen Einspruch von einem Team“, sagte Anna Legnani. Auch die Äthiopierinnen wissen, dass das leichte Abkürzen am Start keinen Einfluss hatte auf die Medaillenvergabe. „Selbst wenn es einen Einspruch gegeben hätte, hätten wir die Läuferinnen nicht disqualifizieren können. Denn es war ja nicht ihr Fehler sondern ein organisatorischer“, erklärte Anna Legnani. Mit viel Verspätung gab es dann schließlich die offiziellen Ergebnisse des Rennens mit der korrekten Bronzemedaillengewinnerin. Diese blieb den Zuschauern vorenthalten, denn auch die Siegerehrung wurde aufgrund der Verzögerung auf Sonntagabend verschoben.

Linet Masai war das alles egal. Die Kenianerin bejubelte einen großen Sieg gegen Äthiopien.

Erstmals seit Sally Barsosio, die 1997 in Athen gewonnen hatte, stellt Kenia wieder eine Weltmeisterin über 10.000 m. Am Montagabend tritt nun Linet Masais Bruder Moses im 10.000-m-Finale an. Zu seinen Gegnern gehört der große Favorit Kenenisa Bekele (Äthiopien). Was Linet Masai erwartet, wurde sie gefragt. „Mein Bruder wird es genauso machen wie ich“, antwortete die Kenianerin. Ganz genauso wird es Moses Masai wohl nicht machen, denn dann am Montag dürften die Hütchen auf der Bahn stehen.


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