Himalayan 100 Mile Stage Race

Lauf-Abenteuer auf dem Dach der Welt

Der 100 Meilen-Lauf quer durch den Himalaya zählt zu den spektakulärsten Abenteuerläufen der Welt.

Himalayan 100 Mile Stage Race

Die ersten Schritte des Etappenrennens über 100 Meilen durch den Himalaya.

Über 100 Meilen quer durch die einmalige Landschaft des Himalaya führt das „Himalayan 100 Mile Stage Race“. Die 160 anstrengenden Kilometer sind mit Tausenden von Höhenmetern gewürzt und müssen in fünf Tagesetappen bewältigt werden. RUNNER’S WORLD-Redakteur Claus Dahms berichtet in seinem Tagebuch von einem der spektakulärsten Abenteuer-Rennen der Welt.

Da es auf dem „Dach der Welt“ noch keine Internet-Cafes gibt, erscheint sein sehr persönliches Tagebuch zeitversetzt in den nächsten fünf Tagen. Tatsächlich fand das Rennen vom 28. Oktober bis zum 1. November statt.

1. Etappe:
Von Maneybhanyjang in 2134 m Höhe über 24 Meilen (38,6 km) nach Sandakphu in 3636 m Höhe


Zwar laufe ich schon seit über 30 Jahren auf den Rennstrecken dieser Welt, doch bedeuten die 100 Meilen durch den Singalila-Nationalpark für mich gleich eine doppelte Premiere: Denn erstens bin ich „Adventure-Run“-Neuling und zweitens ist die Distanz von 100 Meilen eine ganz neue Herausforderung für mich – auch wenn sie auf fünf Etappen aufgeteilt ist.

Der erste Tag des Etappenrennens bietet gleich zum Auftakt die härtesten Anforderungen. Vom Start in Maneybhanyjang (2134 m) führen die 24 Meilen hinauf bis zum Ziel in 3636 m Höhe. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass es zwischendurch nicht immer wieder mal einige hundert Höhenmeter bergauf und bergab ginge. Zur Höhenakklimatisierung musste der kunterbunten Schar von rund 70 Läufern aus 16 Ländern gerade mal ein Tag Besichtigungstour im durch seinen Tee berühmten Darjeeling reichen.

Auf dem Weg nach Sandakphu ...

Die erste Panne passiert gleich 10 Meter nach dem Start: Die Sonnenbrille sitzt fest auf dem Kopf. Aber unmittelbar vor dem Start bekommen wir alle Tücher als Willkommens-Zeichen übergehängt. Eine tolle Geste, aber beim Start hindert solch ein Stofftuch eben doch. Also ziehe ich das Freundschaftstuch über den Kopf und die Brille fällt bei dieser Aktion auf den Asphalt. Das Ding ist aber unkaputtbar und so warte ich, bis das gesamte Feld die „Unfallstelle“ passiert hat. Dann Brille aufheben und ab nach vorne, schließlich will ich Fotos vom Feld machen und nicht hinter dem Feld her fotografieren.

Doch der nächste Schock lässt nicht lange auf sich warten. Die Vorgabe, die ich mir selbst für diesen Tag gegeben hatte, lautet: Der Puls soll zwischen 140 und 150 bleiben. Anderenfalls erschien mir die Fünf-Tage-Tortur nicht machbar. Nach gut einem Kilometer Laufstrecke zeigt der Pulsmesser über 160! Und ich laufe nicht, ich gehe!!! So steil ist der erste Abschnitt. Die Sonne knallt, ich schwitze wie doll und es liegen noch 99 Meilen vor mir, neunundneunzig! Neben dem Fotografieren ziehe ich mir also das Funktionsunterhemd aus – und gehe und schwitze weiter bergauf.

Drei Kilometer nach dem Start ist der erste Berg erklommen. 32 – in Worten: zweiunddreißig – Minuten zeigt die Uhr und der Pulsmesser sinkt trotz des Wanderns nicht unter 160, einhundertsechzig. Alle um mich herum fluchen, einen solchen Auftakt hatte keiner erwartet.

In den nächsten anderthalb Stunden gelingt es mir, wieder zu laufen – natürlich nur auf den Passagen, auf denen es nicht steilst bergauf oder bergab geht. Gleichzeitig ändert sich das Wetter. „Der Kanchenjunga muss immer rechts von euch liegen“ hatte uns Renndirektor Pandey mit auf den Weg gegeben. Das ist mit 8586 Metern die Nummer drei in der Rangliste der höchsten Berge der Welt. Doch mehr und mehr zieht sich alles zu. Der Nebel wird dicht und dichter. Bald sind die Mitläufer nur noch zu erahnen. Der Weg wird zunehmend schlechter und besteht meist aus großen, unbehauenen Steinen. Nicht nur das Bergauflaufen ist auf denen unmöglich, zunehmend auch das Bergablaufen. So wird der „Adventure Run“ für mich über lange Passagen zu einem „Adventure Walk“.

Trotzdem wage ich zu viel: Schon vor der Halbmarathonmarke setzen erste Krämpfe ein – und noch liegen 139 Kilometer vor mir! Wenige hundert Meter zuvor habe ich ein paar Wanderer auf Trekking-Tour passiert. Die erbarmen sich meiner und spendieren Magnesiumtabletten. Radikale Tempoverlangsamung bleibt daneben als einzige Möglichkeit. Dabei liegt die Halbmarathonzeit bei 3:15 Stunden! Ein Stück lang begleitet mich ein Hund. Doch ist das Feld inzwischen so weit auseinandergezogen, dass ich ganz alleine durch den Nebel laufe und wandere.

Himalayan 100 Mile Stage Race
Immer wieder führte der Kurs an der Grenze zwischen Indien und Nepal entlang.

Was jetzt folgt, übersteigt mein bisheriges läuferisches Vorstellungsvermögen bei weitem. Es geht richtig hoch, auf über 3300 Meter und dann wieder richtig runter auf unter 2800 m. Und wieder richtig hoch. Auf den letzten Kilometern hinauf zum 3636 m hoch gelegenen Ziel denke ich an Laufen längst nicht mehr. Statt Laufen und Gehen im Wechsel heißt die Parole auf den Schlusskilometern sogar: Gehen und Stehen im Wechsel. Irgendwann hat die Plackerei dann doch ein Ende: 7:00 Stunden nach 38,6 Kilometern.

Der Sieger Duncan Larkin aus den USA legt mit seiner Zeit von 4:21 Stunden am ersten Tag den Grundstein für den späteren Gesamtsieg. Sethu Ramasubramaniyam und Priya Shyamsunder aus der boomenden indischen Computermetropole Bangalore sind die letzten und erreichen das Ziel nach 10:40 Stunden in völliger Dunkelheit. Sie hatten vorgesorgt und die Lauflampen mitgenommen.

In Sandakphu, einer Ansammlung von Berghütten, die für zwei Tage zu unserem Basislager wird, sind alle Helfer unendlich um uns bemüht. Sogar Eimer mit heißem Wasser werden für uns abgekämpfte Läufer herbeigeschafft, damit wir uns zumindest den Schweiß der zurückliegenden Stunden abwischen können.

Zum 50. Geburtstag hatte sich Indien-Kenner Thomas Klotzel aus Stuttgart dieses Abenteuer-Rennen geschenkt. Der bekennende Langsamläufer hat schon so manches Berg-Event bezwungen, aber an diesem Abend staunt er: „So etwas wie heute habe ich noch nie erlebt“. Ich sitze in einer kalten Kammer mit etlichen abenteuerlich ausschauenden Gestalten; drei Hosen habe ich übereinander gezogen und frage mich: Why? Warum tun sich das erwachsene Männer und Frauen an? Why? Und morgen wird die Quälerei weitergehen. Why?

Die Fotos dieser ersten Etappe finden Sie hier.

Den Bericht von der zweiten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der zweiten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der dritten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der dritten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der vierten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der vierten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der fünften Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der fünften Tagesetappe finden Sie hier.