Olympia spezial

Kenia hofft auf Marathon-Gold

Kein anderes Marathonrennen bietet soviel Dramatik und Sensationen wie das olympische. Holt Kenia diesmal Gold?

Bei Olympischen Spielen sind die Läufe über die klassischen 42,195 km schwer vorhersehbar. In der Sommerhitze und auf oft profilierten Strecken stattfindend, haben diese Entscheidungen ihre eigenen Gesetze. Meistens gewinnen dabei nicht die Favoriten.

Haile Gebrselassie verzichtet in China auf das Marathonrennen.

Bild: schmitz-duisburg

Bei den Frauen scheiterten bei den letzten vier Olympischen Spielen allesamt Läuferinnen, die in den Jahren zuvor ihre Distanz geprägt hatten. Die letzte Favoritin, die dann auch Gold gewann, war die Portugiesin Rosa Mota 1988 in Seoul. Bei den Männern war es nicht viel anders – wer hätte bei den letzten vier Auflagen vorher schon auf den Italiener Stefano Baldini (2004), den Äthiopier Gezahegne Abera (2000), den Südafrikaner Josia Thugwane (2000) oder den Koreaner Hwang Young-Cho (1992) getippt? Hitze und voraussichtlich schlechte Luft – das erwartet die Läufer nun in Peking.

Der Mann, der in den letzten drei Jahren jeweils die schnellste Marathonzeit des Jahres gelaufen war, verzichtet in China auf dieses Rennen: Haile Gebrselassie (Äthiopien) hat Angst, dass die unsaubere Luft eventuell bleibende Schäden hinterlassen könnte. Bei der enorm starken Konkurrenz wäre ein Sieg von ihm allerdings alles andere als eine Selbstverständlichkeit gewesen. Ohne Gebrselassie erscheint es noch eher möglich, dass die Kenianer erstmals einen Marathon-Olympiasieger stellen könnten. Die Laufnation Nummer eins dominiert bei den City-Rennen das Geschehen, doch olympisches Marathon-Gold blieb Kenia bisher versagt. In Peking sind nun drei Läufer am Start, die Siegchancen haben. Deutsche Marathonläufer werden bei den Olympischen Spielen im Männerrennen nicht am Start sein, da keiner die Qualifikation schaffte.

Nachfolgend nennen wir acht Favoriten. Neben ihnen werden am letzten Tag der Spiele (24. August) sicherlich vor allen die asiatischen Läufer aus Japan, China und vielleicht auch Korea eine Rolle spielen:

Martin Lel gewinnt in London

Bild: www.photorun.net

Martin Lel, hier bei seinem Sieg in London im April, gehört in Peking zu den großen Favoriten.

Martin Lel (Kenia)

Bestzeit: 2:05:15 Stunden

Martin Lel hat sich zu dem Läufer entwickelt, den es zu schlagen gilt – zumindest bei den großen City-Marathonrennen. Denn dort hat der Kenianer zuletzt die hochkarätigsten Rennen gewonnen. 2007 und 2008 siegte er in London, dazwischen im Herbst 2007 auch in New York. Der 29-Jährige steigerte bei seinem Triumph in London im April seine persönliche Bestzeit auf 2:05:15 Stunden. Das ist die fünftschnellste Zeit aller Zeiten. Der Kenianer gewann in London den vor den olympischen Spielen hochkarätigsten Marathon des Jahres. Martin Lel gehört zur Trainingsgruppe des italienischen Managers Dr. Gabriele Rosa, der auch der kenianische Marathon-Rekordler und frühere Weltrekordler Paul Tergat (2:04:55) angehört.


Sammy Wanjiru (Kenia)

Bestzeit: 2:05:24 Stunden

Der neueste kenianische Weltklasse-Marathonläufer: Sammy Wanjiru rannte erst im vergangenen Dezember in Fukuoka sein Debüt über die klassische Distanz. Auf Anhieb gewann er dieses Traditionsrennen und erreichte dabei mit 2:06:39 Stunden eine hochkarätige Zeit. In London verbesserte er sich im April auf 2:05:24 Stunden und wurde dabei einzig von Martin Lel geschlagen. Seine starken Marathon-Leistungen kamen dabei nicht überraschend, denn Sammy Wanjiru ist der Mann, der Haile Gebrselassie den Halbmarathon-Weltrekord abgenommen hat. 58:33 Minuten lief der Kenianer, der in Japan lebt, 2007 über die halbe Distanz. Das ist nach wie vor die beste Zeit aller Zeiten und deutet darauf hin, dass Wanjiru im Marathon noch lange nicht am Limit ist.


Luke Kibet (Kenia)

Bestzeit: 2:08:52 Stunden

Der 25-Jährige Kenianer Luke Kibet konnte sich 2007 in Osaka bei extremen Witterungsbedingungen mit über einer Minute Vorsprung gegen Mubarak Hassan Schami und Viktor Röthlin durchsetzen. In Peking ersetzt er seinen Landsmann Robert Cheruiyot, welcher seine Teilnahme an dem olympischen Marathon auf Grund einer Verletzung kurzfristig absagen musste.


Stefano Baldini (Italien)

Bestzeit: 2:07:22 Stunden

Stefano Baldini geht in Peking als Titelverteidiger an den Start. Der Italiener hatte vor vier Jahren in Athen in extremer Hitze überraschend die Goldmedaille gewonnen und damit seine Karriere gekrönt. Der 37-Jährige hat bisher noch keinen der bedeutendsten City-Marathonläufe (Boston, London, Berlin, Chicago, New York, die sich zu den World Marathon Majors zusammengeschlossen haben) gewonnen. Aber bei Meisterschaften ist er meistens topfit. So wurde Stefano Baldini 1998 und 2006 jeweils Marathon-Europameister und belegte Dritte Plätze bei den Weltmeisterschaften 2001 und 2003. Bereits 1996 war er Halbmarathon-Weltmeister.


Abderrahim Goumri (Marokko)

Bestzeit: 2:05:30 Stunden

Von den starken marokkanischen Marathonläufern ist er zurzeit die Nummer eins: Abderrahim Goumri zeigte in den letzten eineinhalb Jahren drei hervorragende Leistungen bei den hochklassig besetzten Rennen in London und New York. Zunächst wurde er 2007 Zweiter in London. Lediglich drei Sekunden hinter Martin Lel erreichte Abderrahim Goumri bei seinem Debüt das Ziel. Die gleiche Platzierung gelang ihm dann in New York, wo wiederum Martin Lel etwas schneller war. Der 32-Jährige steigerte sich in diesem Jahr im April in London als Dritter hinter Lel und Wanjiru auf die Weltklassezeit von 2:05:30 Stunden.


Ryan Hall (USA)

Bestzeit: 2:06:17 Stunden

Der Amerikaner gilt als zurzeit stärkster nicht-afrikanischer Marathonläufer. Im vergangenen Jahr war Ryan Hall in die Weltklassegruppe der Straßenläufer gestürmt. Zunächst lief er als erster Amerikaner den Halbmarathon in unter einer Stunde (59:43), dann erreichte er bei seinem Marathondebüt in London erstklassige 2:08:24 Stunden. Souverän gewann er im November in New York die US-Olmypia-Trials. Im April kam der 25-Jährige zurück zum London-Marathon und steigerte sich als Fünfter auf erstklassige 2:06:17 Stunden. Ryan Hall könnte in Peking für eine Überraschung sorgen.


Deriba Merga (Äthiopien)

Bestzeit: 2:06:38 Stunden

Nach dem Verzicht von Haile Gebrselassie ist er der voraussichtlich stärkste äthiopische Marathonläufer. Im vergangenen Jahr etablierte sich Deriba Merga in der Weltelite, als er in Fukuoka als Zweiter 2:06:55 Stunden erreichte. Beim London-Marathon im April verbesserte sich der 27-Jährige dann als Sechster auf 2:06:38. Deriba Merga war bei der Halbmarathon-WM 2007 Vierter mit persönlicher Bestzeit von 59:16 Minuten.


Viktor Röthlin (Schweiz)

Bestzeit: 2:07:23 Stunden

Viktor Röthlins Leistungen sprechen dafür, dass er bei Olympia für eine Überraschung sorgen könnte. Der 33-jährige Schweizer hat nach seinem Sieg beim Zürich-Marathon im Frühjahr 2007 in 2:08:20 Stunden für Aufsehen gesorgt, weil er bei der WM im heiß-schwülen Osaka Bronze gewonnen hatte. Viktor Röthlin, der bei der EM 2006 bereits Zweiter war, verbesserte dann bei seinem Sieg beim Tokio-Marathon Anfang dieses Jahres seinen Schweizer Rekord auf 2:07:23 Stunden. Bei Olympia 2000 war er 36., in Athen gab er vor vier Jahren auf. Jetzt will Röthlin seine Karriere krönen.

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