Mein erstes Mal

Kein Hindernisspezialist, aber ein Wildschwein!

Nach der ersten Runde beim Harzer Keiler Run 2013 wird Leserreporter René Marten zum bekennenden Wildschwein.

Die erste Runde ist überstanden

Jetzt darf mal wieder ein längeres Stück auf asphaltierten Wegen durch die Felder gelaufen werden; eine Wohltat für mich, der ja von Haus aus Läufer und kein Hindernisspezialist ist. Die Sonne kommt auch etwas hervor, so dass die Laufbekleidung ein bisschen abtrocknet. Herrlich! Durchatmen ist angesagt.

Dann kommt die „chickenladder“, so eine Art Sprossenwand, wie man sie aus dem Sportunterricht kennt, nur eben nicht an der Wand, sondern im freien Gelände. Und natürlich höher. Mit allem angesichts meiner latenten Höhenangst gebotenen Respekt erklimme ich vorsichtig Sprosse um Sprosse, steige vorsichtig hinüber und natürlich auch vorsichtig hinab und springe schließlich von der zweiten Sprosse ins Stroh. Dann geht es nach einiger Zeit noch mal durch tiefsten Schlamm, natürlich muss man auch noch mal unter einem Bundeswehrtarnnetz langrobben.

Kurz danach ist dann wieder ein Gewässer zu durchqueren („cliffhanger“), zum Glück ist es diesmal klares Wasser. Dies bietet Gelegenheit, seine Klamotten ein wenig zu säubern. Aus dem Wasser entstiegen kommt noch mal ein kleines Hindernis aus Baumstämmen, bevor es ins „paradise of wheels“ geht, in verschiedenster Weise angeordnete Reifenstapel, die es zu über- oder auch durchqueren gilt. Dieses Hindernis befindet sich schon am Sportplatz, also im Start-/Ziel-Bereich. Jetzt kann es nicht mehr lange dauern, bis die erste Runde geschafft ist.

Es geht über eine Holzwand, die man sonst nur von Hundeübungsplätzen kennt. Zum Glück gibt es ein Hilfsmittel, das die Hunde sonst nicht zur Verfügung haben, ein Seil, mit dem man sich über die Wand ziehen kann.

Es folgt der „hot room“, ein Zelt, in dem es recht dunkel ist und noch mal ein paar Strohballen zu überwinden sind, direkt danach unter einem Paletten-Stapel hindurch zum „high voltage“. Zwischen mit zum Glück nur knapp unter Weidezaun-Niveau mit Strom versehenen Drähten geht es durch den Sand. Zum Abschluss noch einmal eine kleine Rutschpartie und schon ist die erste Runde geschafft.

Ungeduldige Wildschweine

Einige dürfen schon in den Zielkanal einlaufen. Es sind die „Frischlinge“. Die haben es gut.

Ich muss weiter. Also, Zielkanal rechts liegen gelassen, auf in die nächste Runde. Ich fühle mich überraschend gut. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich weiß, was mich nun auf der nächsten Runde erwartet. Ich habe alle Hindernisse in der ersten Runde mehr oder weniger gut bewältigen können. Und die „Keilersuhle“, die schaffe ich auch noch irgendwie. Das Läuferfeld ist nach wie vor weit aufgefächert, wie auf der Website versprochen gibt es keine Staus an den Hindernissen.

Ich bin viel lockerer als noch in der ersten Runde und halte mit dem einen oder anderen Mitläufer, den ich überhole bzw. von dem ich überholt werde, ein lockeres Pläuschchen. Die Beine sind etwas lockerer als in der ersten Runde, die Müdigkeit habe ich anscheinend etwas „rausgelaufen“. Und ich weiß nun genau, wie ich die Hindernisse anzugehen habe. Die zweite Runde vergeht wie im Flug.

Bis zum „Hundeplatz“-Hindernis...Stau! Ca. 50 Läuferinnen und Läufer vor mir. Ich reihe mich mit einem netten Mitläufer am Ende der Schlange ein. Schnell wird uns klar, dass da vor uns die „Frischlinge“ der langsameren Sorte am Werk sind, die kurz vor Ende ihrer ersten und einizigen Runde stehen. Von hinten laufen nach und nach immer mehr „Keiler“ und „Bachen“ auf. Einige schimpfen, andere drängeln sich unter Rufen wie „Letzte Runde!“ oder „Keiler!“ einfach vor. Fast, aber eben nur fast oben auf unserer Seite des Hindernisses ist gerade ein sicher mindestens zwei Zentner + X schwerer Frischling, der von unten mit vereinten Kräften geschoben und von der anderen Seite des Hindernisses gezogen wird. Es dauert eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis er das Hindernis überwunden hat.

Immer mehr Keiler und Bachen laufen auf das Hindernis auf. Nette Frischlinge vor uns lasen uns den Vortritt und am Rande des Hindernisses sagt schließlich jemand – ich glaube, es ist sogar der offizielle „Kampfrichter“ für dieses Hindernis –, dass wir doch einfach an der Seite am Hindernis vorbeilaufen sollen. Gesagt, getan... Eine ganze Reihe von „Wildschweinen“ umkurvt das Hindernis... Einige sagen, dass sie das Hindernis dann eben in der dritten Runde zwei Mal überwinden würden. Insgesamt ist es wohl so eine pragmatische Lösung. Man hätte sonst zu den ca. 5 Minuten Wartezeit locker noch einmal mindestens 10 Minuten dazurechnen müssen.

Habe ich das gerade wirklich gesagt?

Also weiter und erneut am Zielkanal vorbei in die 3. Runde. Die Lockerheit der 2. Runde ist mir ein bisschen abhandengekommen. Die Laufschritte fallen mir schon schwerer und auch bei den Hindernissen merke ich, dass ich mittlerweile einiges an Kraft gelassen habe, gerade die kaum ausgeprägte Armmuskulatur macht sich deutlich bemerkbar. Am zweiten „strawboobs“-Hindernis schiebt ein freundlicher Mitläufer von hinten. Geschafft!

Diese letzte Runde laufe ich fast komplett gemeinsam mit zwei Jungs (soll nicht despektierlich klingen, aber ein paar Jahre jünger als ich scheinen die mir schon zu sein... Ein Blick in die Ergebnisliste bestätigt das hinterher ganz deutlich), die anscheinend gemeinsam den Lauf bestreiten.

Entweder überhole ich sie in den flachen Laufpassagen oder bergab oder sie überholen mich an den Hindernissen oder den „Himmelspfad“ („sky trail“) hinauf. Trotz Kraftverlust unterhalten wir uns immer mal wieder. Und ich scherze sogar noch zwischendurch mit den Zuschauerinnen und Zuschauern oder den Helferinnen und Helfern, das muss wohl „Galgenhumor“ sein. Am „Exit“ ruft mir eine Zuschauerin zu: „Du siehst noch gut aus!“ Ich antworte wahrheitsgemäß: „Das ist eine optische Täuschung!“. Gelächter! Ein Zuschauer sagt: „Der kann sogar noch sprechen!“ Wieder Gelächter! Zuschauerin Nr. 1 legt nach: „Du bist der Schönste!“ Mein Konter: „Das ist allerdings vollkommen richtig!“ Schallendes Gelächter. Ich verabschiede mich von der Zuschauertraube: „Bis nächstes Jahr!“ Habe ich das gerade wirklich gesagt?

Den „diver“ und sogar die „Keilersuhle“ genieße ich sogar richtig. Keine Frage: Trotz der Anstrengung fühle ich mich mittlerweile richtig wohl in diesem – für mich doch etwas anderen – Wettkampf.

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Hart, härter, Harzer Keiler!