Great North Run

Jeptoo überrascht Dibaba und Defar

Die Kenianerin Priscah Jeptoo lief bei kühlem Wetter und starkem Wind superschnelle 65:45 Minuten für den halben Marathon im britischen Newcastle.

Priscah Jeptoo

Priscah Jeptoo triumphierte beim Great North Run.

Bild: photorun.net

Priscah Jeptoo hat den äthiopischen Superstars Tirunesh Dibaba und Meseret Defar beim Bupa Great North Run im englischen Newcastle überraschend die Show gestohlen. Die 29-jährige Kenianerin lief bei kühlem Wetter mit rund 12 Grad Celsius, zeitweiligem Regen und starkem Wind superschnelle 65:45 Minuten. Dies ist fünf Sekunden unter dem Halbmarathon-Weltrekord der Kenianerin Mary Keitany, die 2011 eine Zeit von 65:50 erreichte. Die Zeit von Jeptoo kann jedoch nicht als offizieller Weltrekord anerkannt werden, da die Strecke von Newcastle nach South Shields nicht die nötigen Bedingungen für die Anerkennung von Rekorden erfüllt. Es handelt sich um eine Punkt-zu-Punkt-Strecke, die zudem leicht abfällt.

Jene Strecken mit einbezogen, die die Kriterien für offizielle Rekorde nicht erfüllen, war es die drittschnellste Zeit aller Zeiten für Priscah Jeptoo. Paula Radcliffe (Großbritannien) hatte vor zehn Jahren den Great North Run in der Streckenrekordzeit von 65:40 Minuten gewonnen, Susan Chepkemei (Kenia) war in Lissabon 2001 65:44 gelaufen.

Hinter der Marathon-Olympia-Zweiten von 2012 und aktuellen London-Marathon-Siegerin Priscah Jeptoo wurde die 5.000-m-Weltmeisterin Meseret Defar mit 66:09 Minuten Zweite. Rang drei belegte Tirunesh Dibaba, die 10.000-m-WM-Siegerin von Moskau, mit 66:56.

In einem dramatischen Sprint-Finish setzte sich bei den Männern der 10.000-m-Weltrekordler Kenenisa Bekele durch. Der Äthiopier lief bei seinem Halbmarathon-Debüt nach 60:09 Minuten mit einer Sekunde Vorsprung vor dem 10.000-m-Weltmeister und Olympiasieger Mo Farah (Großbritannien) ins Ziel. Dritter wurde der frühere Halbmarathon-Weltrekordler Haile Gebrselassie (Äthiopien) mit 60:41 Minuten.

Für die 33. Auflage des größten Halbmarathonrennens der Welt hatten 56.000 Läufer gemeldet.

Das Frauenrennen begann langsamer als gedacht mit einer 5-km-Zwischenzeit von 16:22 Minuten – das ist ein Tempo für ein Endergebnis von über 69 Minuten. Tirunesh Dibaba und Meseret Defar, die zum ersten Mal in einem Halbmarathon aufeinander trafen, wechselten sich bei der Führungsarbeit ab. Priscah Jeptoo dagegen hielt sich lange Zeit zurück.

Als die Kenianerin dann nach 13 km zum ersten Mal an die Spitze ging, war dies schon der entscheidende Vorstoß. In einem Streckenteil, in dem es leicht bergauf ging, drückte Priscah Jeptoo auf das Tempo. Tirunesh Dibaba verlor sofort den Anschluss, Meseret Defar konnte zunächst noch mithalten. Doch die aktuelle London-Marathon-Siegerin Jeptoo, die 2012 Marathon-Olympia-Zweite war, hielt das Tempo enorm hoch. Den 15-km-Punkt erreichte sie in 47:29 Minuten, so dass sie den 5-km-Abschnitt zuvor in famosen 15:03 gelaufen war. Das war auch für Meseret Defar zu viel. Die Äthiopierin verlor mehr und mehr an Boden.

Mehrmals schaute sich Priscah Jeptoo in der Folge um. Doch Meseret Defar kam nicht mehr heran. Es ging nun darum, ob die Kenianerin den Streckenrekord von Paula Radcliffe (65:45) und damit die schnellste Halbmarathonzeit aller Zeiten unterbieten könnte. Im Schlussabschnitt hatte sie Rückenwind, so dass es ganz knapp wurde. Paula Radcliffe, die für die BBC als Kommentatorin arbeitete, wirkte leicht nervös. Doch am Ende verpasste Priscah Jeptoo die Bestzeit um fünf Sekunden.

Hinter Meseret Defar (66:09) und Tirunesh Dibaba (66:56) folgten Christelle Daunay (Frankreich/69:49) und Jelena Prokopcuka (Lettland/70:14) auf den Plätzen vier und fünf.

„Es war ein überraschendes Ergebnis für mich, denn ich hätte nie mit einer derartigen Zeit gerechnet“, sagte Priscah Jeptoo, die sich nun auf den New York-Marathon vorbereiten wird. „Ich glaube“, fügte sie hinzu, „das ist auch ein großer Sieg für Kenia.“ Die geschlagenen Äthiopierinnen wirkten jedoch nicht zu enttäuscht. „Tirunesh und ich sind bei den Weltmeisterschaften gelaufen. Wir sind dadurch etwas müde und hatten nicht so viel Zeit, uns auf dieses Rennen vorzubereiten. Aber wir sind dennoch persönliche Bestzeiten gelaufen“, sagte Meseret Defar. Tirunesh Dibaba ergänzte: „Priscah Jeptoo ist eine sehr starke Läuferin, sie hat den London-Marathon gewonnen. Aber Meseret und ich sind trotzdem gut gelaufen.“

Im Kampf der Langstrecken-Giganten – Haile Gebrselassie, Kenenisa Bekele, Mo Farah – war das Tempo ebenfalls lange Zeit nicht so schnell wie gedacht. Das Trio hatte sich schnell von den anderen Konkurrenten abgesetzt, wobei hauptsächlich der bereits 40-jährige Gebrselassie das Tempo machte. Nach 10 km (28:58) sah es so aus als könnte der zweifache 10.000-m-Olympiasieger Bekele nicht mehr mithalten. Aber dieser Eindruck täuschte. Wie der Äthiopier später erklärte, hatte er sich aus taktischen Gründen absichtlich zurückfallen lassen. „Ich wollte, dass das Rennen schneller wird und sah, dass dies nicht passieren würde, wenn wir alle drei zusammen an der Spitze laufen. Also ließ ich mich zurückfallen, in der Hoffnung, dass die anderen beiden dann schneller werden würden, um mehr Vorsprung herauszulaufen“, erklärte Kenenisa Bekele. Diese überraschende Taktik des im Straßenlauf nicht besonders erfahrenen Athleten funktionierte. „Ich habe Haile gesagt, die Lücke ist noch nicht groß genug“, sagte Mo Farah später.

Nach 13 km lief Kenenisa Bekele wieder nach vorne – und dieses Mal gab es kein zurück mehr. Auf einem relativ stark abfallenden Stück kurz vor der 20-km-Marke startete Bekele seinen Vorstoß. Gebrselassie war schnell geschlagen, Farah hatte rund 15 Meter verloren. Die Lücke blieb zunächst konstant, doch angefeuert von tausenden von Zuschauern gab Mo Farah auf den letzten 400 Metern noch einmal alles. 100 Meter vor dem Ziel sah es so aus, als würde der britische Doppel-Olympiasieger und Doppel-Weltmeister (jeweils 5.000 und 10.000 m) doch noch gewinnen können. Er lief nun unmittelbar hinter Kenenisa Bekele. Der Äthiopier konnte jedoch in diesem dramatischen Finish reagieren und verteidigte den kleinen Vorsprung ins Ziel. Bekele gewann in 60:09 Minuten mit einer Sekunde Vorsprung vor Farah. Der drittplatzierte Haile Gebrselassie lief mit 60:41 Minuten so schnell wie keiner zuvor in der Master-Kategorie (ab 40 Jahre). Allerdings kann auch seine Zeit nicht als offizieller Weltrekord anerkannt werden. „Das ist keine schlechte Zeit“, sagte Gebrselassie bezogen auf sein Alter. Mit deutlichem Abstand belegte der Japaner Arata Fujiwara Platz vier (62:44).

„Natürlich ist man immer enttäuscht, wenn man verliert – besonders auf heimischem Boden. Aber Kenenisa ist ein großer Athlet und mein Fokus lag in diesem Jahr auf den Weltmeisterschaften. Ich konnte erst nach Moskau für den Halbmarathon trainieren“, sagte Mo Farah.