Wilhelmsteiner Inselmarathon 2013

Inselmarathon mit Drehwurm-Garantie

Beim Inselmarathon auf der Festungsinsel Wilhelmstein waren 120 Runden zu absolvieren. Unser Leserreporter Matthias Schwarze berichtet von diesem außergewöhnlichen Event.

Wilhelmsteiner Inselmarathon 2013 - Die Bilder
Wilhelmsteiner Inselmarathon 2013

Verrückte Läufertypen beim Wilhelmsteiner Inselmarathon 2013.

Bild: Matthias Schwarze

Nordwestlich der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover liegt das Steinhuder Meer. Mittendrin ließ einst Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe aus militärischen Gründen eine 1,25 Hektar große künstliche Insel errichten und versah diese mit einer Festung. Diese Insel trägt heute den Namen Wilhelmstein.

Der Wilhelmstein ist in Privatbesitz und war schon eine Gefängnisinsel, beherbergte eine Militärschule und ist heute ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. Ein idealer Ort also für einen Sonntagsausflug mit Oma und Opa, zum Eis essen, zum Heiraten oder aber auch: zum Marathon-Laufen!

Richtig! Einmal im Jahr bietet der für seine ungewöhnlichen Laufveranstaltungen bekannte Veranstalter Indie-Trail den sogenannten Inselmarathon auf der Festungsinsel Wilhelmstein an. 65 durch den Veranstalter und den Inselvogt persönlich genehmigte Läufer bekommen die Gelegenheit, den kompletten Inselrundwanderweg mit der Länge von unglaublichen 351,87 Metern 120-mal laufen zu dürfen, um am Ende auf die 42,195 km der Marathondistanz zu kommen.

Schon die Überfahrt mit den „Auswandererbooten“ ist das erste Highlight. In so ein Boot passen etwa 20 Leute und es sitzen schon bei unserer Ankunft eine Menge bunte Menschen an Bord. Wir suchen uns mit unserem Maskottchen, dem „Harzer Keiler“, natürlich den Platz am Bug und überlassen unserem „Keiler“ die Aufgabe der Gallionsfigur. Um Punkt 9.00 Uhr legt das Boot ab und die Überfahrt zur Insel dauert eine halbe Stunde über das kabbelige Steinhuder Meer.

Obwohl das Wetter weit vom „T-Shirt-Wetter“ entfernt ist, scheint in den Gesichtern der Teilnehmer und der Handvoll Zuschauer auf dem Boot einfach nur die Sonne. Die meisten wissen was kommt, denn sie sind Wiederholungstäter. Auch der letztjährige Sieger des Inselmarathons, Markus Busse aus Hannover, sitzt mit an Bord und hat für heute ebenfalls den Sieg geplant.

Nach dem Check-In, Umziehen und dem Abholen der Startunterlagen wird zunächst die Strecke gecheckt. Hoffentlich laufen wir uns nicht vorher schon kaputt. Hier sind schon ganz schön merkwürdige Typen. Aber sind die, die mit einem ausgestopften Schwein hier rumlaufen, wirklich besser?

Um kurz vor 11 folgt die Begrüßung durch den Veranstalter, Michael Neumann. Zunächst aber wird das „Beißholz 2012“ verliehen. Dieses ist für den Teilnehmer bestimmt, der sich im letzten Jahr am meisten durchbeißen musste. Er ist natürlich wieder da, diesmal als Clown verkleidet. „Herzlichen Glückwunsch noch, hoffentlich brauchst du das nicht nochmal.“

Autor Matthias Schwarze mit dem Harzer Keiler.

Bild: Matthias Schwarze

Dann geht’s endlich los. Vom ambitionierten Frontrunner bis zum als plüschige Erdbeere verkleideten Couch-Potatoe ist alles dabei. Es gibt Piraten, Punker, Krankenschwestern, Hasen, Katzen, als Männer verkleidete Frauen, als Frauen verkleidete Männer, Wachbretttypen, Läufer mit Schwimmbrillen und Schwimmflügeln, Clowns & Helden, Seemänner, Kapitäne, Heizer und noch so manch andere maritime Eigenheit zu sehen. Und eben auch ein Keiler. Viele der Läufer kennen sich untereinander. Wer hier startet, ist von normal ein bisschen weit weg und findet viele Gleichgesinnte.

Auf geht’s zu 120 Runden Spaß. Es geht immer nur links rum. Vom Start weg dominiert der Vorjahressieger das Rennen und legt mit drei Verfolgern ein ordentliches Tempo vor. Ich bin dabei. Ich habe jeden Quadratzentimeter der Strecke so oft gesehen, dass ich sie im Schlaf beschreiben könnte. Der Untergrund besteht aus kleinen und mittleren Kieselsteinen und es knirscht toll wenn man 119-mal durch den Start-Ziel-Bereich läuft. Hier ist auch das Verpflegungszelt aufgebaut, mitten im urbanen Brennpunkt der Insel, an der Ausflugsgaststätte, wo sich mittlerweile auch einige Zuschauer versammelt haben. Es riecht nach Bratwurst, Poffertjes, Crepes und Frittenfett und das macht dem Runden-Runner Hunger. Hier muss er sich nicht zurückhalten und er kann auf das üppige Buffett des Veranstalters zurückgreifen. Hier gibt es, nach dem Motto „Bunt ist Gesund“, alles was das Herz begehrt. M&M's, Fred Ferkel, Gummibärchen, Schokolade, gefühlte 119 verschiedene Sorten Kuchen aber auch jede Menge salzige Snacks.

Natürlich werden auch Gels angeboten, aber wer will die schon, wenn er 119 Hände voll mit bunten, glasierten, in Schokolade getauchten Nüsse eines bekannten Süßwarenherstellers zu sich nehmen kann.

Kurz nach dem Verpflegungspunkt kommt ein Streckenhöhepunkt: eine enge S-Kurve auf Kies, die mit Granitsteinen begrenzt ist. Für mich die perfekte Überholgelegenheit, weil die Steine leicht angeschrägt liegen. Der gemeine Trailrunner nutzt dies, um draufzuspringen, abzuspringen und an den anderen mit einem lauten „Woohooo“ vorbeizuspringen, und das kann ich schließlich gut und laut. Der Weg ist an dieser Stelle nur ungefähr 80 cm breit. Das gilt im Übrigen für rund 90 Prozent der Strecke.

Wilhelmsteiner Inselmarathon 2013

Bild: Matthias Schwarze

Teil der Medaille ist eine rund 300 g schwere, gusseiserne Kanonenkugel.

Jetzt folgen wahnwitzige 10 Meter Asphalt. Für die Straßenläufer der perfekte Punkt um Gas zu geben. Aber Vorsicht, rechts ist immer sofort das Steinhuder Meer, der Weg nicht breit und die nächste Kurve kommt bestimmt. An dieser Stelle steht auch der leidenschaftlichste Zuschauer, vermutlich der Inselhausmeister. Ich kann die Biere gar nicht zählen, die er in der Laufzeit getrunken hat aber er hat in jeder Runde ausnahmslos alle Läufer abgeklatscht. Bei 65 Läufern á 120 Runden war das schon mal eine bemerkenswerte Leistung, die vielleicht sogar ein Beißholz verdienen lässt.

Der Trail folgt weiter der Küstenlinie und führt vorbei an Festungskanonen, Hecken, einem komplett verspiegelten Gewächshaus und kleinen weißen Häuschen. Eh man sich versieht landet man schon wieder am Verpflegungspunkt und hat vorher die Gelegenheit noch laut seine noch zu laufende Rundenzahl dem Publikum durch Schreien zu publizieren. Dies wird meistens mit Beifall und später mit Mitzählen begrüßt.

Nach 30 Runden ist geklärt, wer auf welcher Position läuft, und ich habe mich mit den meisten Läufern zumindest einmal kurz unterhalten. Alle anderen werden in den nächsten 30 Runden aufgesucht. Ihr könnt mir glauben, man sieht sich oft. Nach 60 bis 90 Runden kann ich beobachten, wie das ein oder andere zuvor getragene Kostüm zunächst nicht mehr wie gewohnt und später überhaupt nicht mehr am Körper sitzt. Da wurden aus für mich fast unerklärlichen Beweggründen Hasenfelle ausgezogen, Perücken abgesetzt, Schweinenasen runtergeklappt und Schwimmhilfen jeglicher Art entfernt.

Nach ca. 90 Runden steigt der Führende aus gesundheitlichen Gründen aus und der bis dahin Zweitplatzierte hat mich schon längere Zeit nicht mehr überholt. Bis dahin hatten die beiden einen Vorsprung von ungefähr zehn Runden herausgelaufen. Meine Zeiten sind konstant und Nr. 4 und Nr. 5 nicht in nennenswerter Reichweite. Jetzt wird das Ganze doch noch zu einem Rennen, und ich laufe jetzt an den Führenden heran. Tino sieht zu diesem Zeitpunkt im Rennen irgendwie nicht mehr gut aus und ich wittere eine Chance auf den Sieg. Ich überhole ihn in den folgenden 28 Runden noch 8 Mal und er quält sich anscheinend über die Strecke. Bei jeder Überrundung wird zwischen uns abgeklatscht und an Essen und Trinken ist jetzt für mich nicht mehr zu denken. Verschenken will er den Sieg jedoch nicht und das tut er auch nicht.

Sieger wird Tino Schulze, der nach 120 Runden in einer Zeit von 3:24:38. ca. 1,5 Runden vor mir ins Ziel kommt und somit diesen Überhol-Contest auf der Insel gewinnt. Ich laufe kurz danach gemütlich mit dem Keiler im Arm auf Platz 2 ins Ziel.

Was mich auf diese Insel gelockt hat ist die Medaille. Jeder Finisher bekommt eine ca. 300 g schwere gusseiserne Kanonenkugel aus der Festungskanone um den Hals gehängt und darf sich jetzt stolz „Finisher Inselmarathon 2013“, des verrücktesten Marathonlaufes Deutschlands, nennen. Nach der Siegerehrung wird „eingebootet“ und mit dem Auswandererboot und seinem urigen Kapitän, nein, er war nicht der, der mitgelaufen ist, fahre ich zurück nach Mardorf zum Anleger.

Eine tolle Veranstaltung, die ich nur jedem ans Herz legen kann, der ab vom Asphaltmarathon einfach etwas Besonderes erleben will. Leistung steht hier nicht im Vordergrund und Spaß wird mehr als großgeschrieben. Nächstes Jahr kollidiert diese Veranstaltung mit dem Hannover-Marathon und dem beliebten Hermannslauf in Bielefeld. Für mich ist es jedoch keine Frage. Ich und das Schweinchen sind auf alle Fälle wieder dabei - bei der Rundenzählerei.



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