Leser-Reporterin Irene Lepuschitz

In Malaysia durch den Regenwald

Eigentlich wollte Leser-Reporterin Irene Lepuschitz beim Adventure Race des Climbathon nur Regenwald-Luft schnuppern. Doch dann wurde es ein äußerst erfolgreiches Rennen.

Leser-Reporterin Irene Lepuschitz beim Climbathlon in Malaysia

Leser-Reporterin Irene Lepuschitz vor dem Start des Climbathon in Malaysia.

Bild: privat

Sonntag, 20. Oktober 2013, 6.45 Uhr, Kundasan in Malaysia/Borneo: Ich stehe im Startbereich vom Adventure Race des Climbathon. 1.600 Höhenmeter aufwärts, etwas mehr abwärts und rund 23 Kilometer liegen vor mir. Neben mir fiebert Gordon dem Startschuss entgegen. Der Australier aus Gold Coast, den ich am Vortag zufällig kennengelernt habe, hat sich das Rennen selbst zum 40. Geburtstag geschenkt. Meine eigene Aufregung hält sich in Grenzen, denn ich will nur den Regenwald genießen und wenn es geht, bis zum Ziel durchhalten. Aber auch ein Did not finish (DNF) würde mir die Laune nicht verderben. Ich starte schließlich, weil ich ohnehin da bin.

Wie bin ich eigentlich hier gelandet? Herbert, mein Lebensgefährte, hat beruflich oft in Asien zu tun. Außer einem Kurztrip nach Kuala Lumpur habe ich noch nichts von diesem Teil der Erde gesehen. Irgendwie hat es sich nie ergeben. Aber dieses Mal passte es. Seine Dienstreise ist schon seit zwei Monaten fix geplant, ich finde einen günstigen Flug nach Singapur und buche, ohne mir über das weitere Urlaubsprogramm viel Gedanken zu machen, solange bis Herbert im Internet auf das Elite-Rennen auf den Mount Kinabalu stößt, mit 4.095 Meter der höchste Berg Südostasiens. Ein paar E-Mails später wird er zum Rennen zugelassen und damit ist klar, dass Borneo in unsere Reiseplanung aufgenommen wird. Das Elite-Rennen ist für mich kein Thema, da man dafür Berglauf-Erfahrung nachweisen muss. Ich laufe zwar schon viele Jahre, habe auch an ein paar Straßenrennen teilgenommen, aber in den Bergen war ich bisher nur zum Privatvergnügen unterwegs. So surfe ich ein bisschen auf der Homepage des Veranstalters und finde die Informationen zum Adventure Race. Die Streckenbeschreibung gefällt mir, sie verläuft größtenteils im Kinabalu Nationalpark, gut zehn Kilometer davon auf Trails im Regenwald, den man normalerweise ohne Bergführer nicht betreten darf. Das klingt gut, denke ich mir. Da ich ohnehin vor Ort bin kann ich es also ohne Aufwand einfach ausprobieren. Es gibt bei den Damen zwei Starterklassen – die offene und die „Veterans“-Klasse für die knapp über 25-Jährigen wie mich. Ein Klick auf „Register“ - und schon bin ich dabei!

Drei Minuten nach dem Startschuss für die offene Klasse geht es auch für uns los. Ich wünsche Gordon noch viel Glück, dann überquere ich schon die Startlinie. Die Temperaturen sind recht angenehm, da sich die Sonne hinter einer dichten Wolkendecke versteckt. Die ersten vier Kilometer führen auf einer Asphaltstraße bis zum Timpohon Gate, dem Eingang zum Regenwald. Ich unterhalte mich mit einem sehr sportlich aussehenden Japaner, der hofft, bis zum Ziel durchzuhalten. Wenn er sich schon Gedanken macht - wie wird es erst mir ergehen? Wo bin da ich bloß gelandet? Die Straße endet beim Gate, von da an geht es auf einem Waldweg weiter. Es gibt große Steine, etliche Wurzeln und viele Stufen, die alle unterschiedlich hoch und unterschiedlich breit sind. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit ist es sehr rutschig: Statt Laufen ist nun Speed-Hiking angesagt. Unterwegs gibt es jede Menge Wasserstationen, an denen uns die freiwilligen Helfer anfeuern.

Nur noch wenige Meter Irene Lepuschitz vom Finish. Zuvor entwickelte sich ein heißer Kampf zwischen ihr und einer Asiatin.

Bild: privat

Mein GPS zeigt an, dass wir schnell an Höhe gewinnen und es nicht mehr weit bis zur Layang-Layang-Hütte ist, dem höchsten Punkt der Strecke. Ich fühle mich fit und während ich um mich schaue, fällt mir auf, dass ich nur wenige andere Frauen sehe. Da der Weg jetzt steil bergab verläuft, was im rutschigen Regenwald noch mehr Aufmerksamkeit erfordert, denke ich nicht weiter darüber nach. Nach ein paar hundert Metern passiere ich einen Streckenposten, der mir freudestrahlend zuruft: „You are still top ten!“. Ich kann es kaum glauben, bedanke mich bei ihm und laufe weiter. Etliche Höhenmeter weiter bergab überholt mich eine Asiatin aus meiner Starterklasse in einem Wahnsinnstempo. Hier kann ich nicht mithalten und lasse sie ziehen. Ich weiß von meinem Lebensgefährten Herbert, der am Vortag verletzungsbedingt aufgeben musste, dass noch eine Steigung mit gut 300 Höhenmetern vor uns liegt und rechne mir gute Chancen aus, sie dort wieder einzuholen. So ist es auch, ich treffe sie auf dem ersten Anstieg wieder, rufe ihr ein „See you later!“ zu und überhole sie. Diese Steigung scheint gar nicht aufhören zu wollen. Immer wenn ich denke, dass es endlich geschafft ist, geht es erneut bergauf. Ich esse ein Gel, unterhalte mich mit einem Läufer, der Fotos von den zu überquerenden Hängebrücken macht und freue mich, dass ein erfolgreiches Finishen immer wahrscheinlicher wird. Endlich geht es wieder bergab. Schon bald überholt mich die Asiatin wieder. Die Wegmarkierung zeigt an, dass der Regenwald in 500 Metern endet. Das ist genau der Bereich, in dem sich Herbert am Vortag verletzt hat. Daher will ich kein Risiko eingehen und lasse sie erneut ziehen. Es liegen noch neun Kilometer Straße vor uns, vielleicht hole ich sie da ein.

Ein paar letzte Schritte und ich laufe durch das Mesilau Gate, an dem der Regenwald endet, auf die Straße. Die Uhr zeigt 3:35 Stunden an, sodass meine Wunsch-Zielzeit von fünf Stunden durchaus realistisch ist. Ein paar hundert Meter vor mir sehe ich die Asiatin wieder, die mich im Regenwald zweimal überholt hat. Auf der Asphaltstraße kann ich gut mithalten und sogar etwas Zeit gutmachen. Ich passiere einen Checkpoint. Der Streckenposten ruft mir zu: „You are sixth!“. Er zeigt auf die Asiatin „And this is number five!“. Ich schließe zu ihr auf und frage sie, wie es ihr geht, in der Hoffnung, mich etwas mit ihr unterhalten zu können. Sie deutet nur nach vorne und ruft „Run, run, run!“. Ich verstehe, dass es mit einer Unterhaltung wohl nichts wird und ziehe an ihr vorbei. Ich bin immer noch frisch. Die meiste Zeit lache ich über mich selbst – ich starte bei einem Lauf, der mir völlig egal ist, und nur, weil ich ohnehin schon da bin - und liege jetzt auf Rang fünf. Unglaublich, was ein freier Kopf so bewirken kann.

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