In Velenje (Slowenien)

Gute deutsche Bilanz bei den Cross-Europameisterschaften

Corinna Harrer holte bei den Cross-Europameisterschaften in Velenje (Slowenien) die Bronzemedaille - die erste Einzelmedaille seit 2005.

Corinna Harrer

Corinna Harrer im Rennen der U23-Frauen.

Bild: Dietrich John

Corinna Harrer ist eines der Talente, auf die der Deutsche Leichtathletik-Verband vielleicht schon im Olympiajahr 2012 setzen kann. Die 20-jährige Allroundläuferin der LG Telis Finanz Regensburg, die alle Strecken zwischen 800 bis 10.000 m rennt, holte bei den Cross-Europameisterschaften in Velenje (Slowenien) nach Sabrina Mockenhaupts Silbermedaille im Jahr 2005 erstmals wieder eine Einzelmedaille, allerdings in der Juniorinnenklasse. Neben Corinna Harrer sammelten die deutschen Frauen-Teams Medaillen: Silber für die unter 23-jährigen Juniorinnen und Bronze für die Frauen sowie die unter 20-jährigen Mädchen sind die beste Bilanz für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) seit Einführung dieses kontinentalen Championats 1994.

Auf der Zielgeraden zündete Corinna Harrer den Turbo und überspurtete im Kampf um Rang drei hinter den beiden Britinnen Emma Pallant und Naomi Taschimowitz die U20-Junioren-Weltmeisterin und dreifache Cross-Europameisterin Stephanie Twell – sie holte nach Sabrina Mockenhaupts Silbermedaille 2005 in Tilburg (Niederlande) die erste Einzelmedaille für den Deutschen Leichtathletik-Verband bei Cross-Europameisterschaften. „Das war ein bayerisch-rustikaler Kampf“, sagte Kurt Ring, der Vereinstrainer bei der LG Telis Finanz Regensburg nach dem furiosen Finale.

Aber damit nicht genug: Für i-Tüpfelchen in diesem über 6.000 m führenden Rennen sorgten zusammen mit Corinna Harrer die Zwillinge Anna und Lisa Hahner sowie Jana Soethout mit der Silbermedaille in der Teamwertung. Hinter den souveränen Britinnen (14) sammelte das DLV-Quartett 41 Punkte und lag damit klar vor Portugal (77). „Super – und dann noch Silber“, freute sich die fünftplatzierte Anna Hahner über das Mannschaftssilber und ihren Rang in der Einzelwertung. „Koko und ich haben das gesamte Rennen über Kontakt zur Spitze halten können, das war enorm wichtig.“ Und Corinna Harrer erklärte: „Mir hat die Strecke gelegen, ich konnte Druck machen, so wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Die 20-jährige Regensburgerin holte damit auf dem schnellen Parcours in Velenje die dritte Einzelmedaille auf europäischem Terrain nach Rang drei über 800 m (2009) und Rang drei über 1500 m (2011) auf der Bahn. Es war ihr erster Erfolg im Cross nach einem vierten und einem fünften Platz in der U-20-Kategorie.

Wenige Minuten später gab es im U-23-Männer-Rennen für das deutsche Betreuerteam erneut Grund zum Jubel. Bei Zeitgleichheit mit dem Norweger Sondre Nordstad Moen von 23:48 Minuten schrammte der Friedrichshafener Richard Ringer hinter dem Franzosen Florian Carvalho und dem Briten James Wilkinson hauchdünn an Bronze im Rennen der U-23-Junioren über 8000 m vorbei. „Rang vier ist schon Wahnsinn“, freute sich Richard Ringer im Ziel. „Ich habe vielleicht mit Top 20 gerechnet, aber nun um eine Sekunde die Bronzemedaille verpasst. Das ist schon stark.“ Ringer hatte sich zumeist dicht hinter seinem Teamkollegen Florian Orth gehalten, bevor er in den beiden letzten Runden Position um Position nach vorne laufen konnte. „Bei der U-23-EM in Ostrava war ich Siebenter über 5000 m, so langsam komme ich der Spitze immer näher. Das macht Laune für die Männerklasse.“ Das DLV-Team landete auf Rang sieben.

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„Ein tolles Ergebnis“, freute sich Nachwuchs-Bundestrainer Lutz Zauber über die dritte Mannschaftsmedaille in Folge bei Cross-Europameisterschaften. „Die Plätze neun bis elf für Gesa, Maya und Elena sind natürlich ein Traum. Zehn Punkte nur hinter Großbritannien ist überragend.“ Das deutsche U-20-Team der Mädchen war auf der 4000-m-Distanz in der Besetzung Gesa-Felicitas Krause (LG Eintracht Frankfurt), Maya Rehberg (SC Rönnau 74), Elena Burkard (LG badenova Nordschwarzwald) und Jannika John (LAC Quelle Fürth) mit 50 Punkten hinter Groß-Britannien (40) und Russland (43) auf Rang drei eingekommen.

„Mir hat heute etwas der unbedingte Antrieb, der letzte Biss gefehlt“, gestand die als Shootingstar der Saison 2011 bezeichnete WM-Neunte von Daegu, Gesa-Felicitas Krause nach ihrer Zielzeit von 13:42 Minuten. „Ich möchte nicht sagen, dass mir die Einstellung gefehlt hat, aber das war heute mein erstes größeres Rennen nach der WM. Und dafür war es schon okay, wenn auch nicht super toll.“ Dafür jubelten Maya Rehberg und Elena Burkard, die mit fünf und acht Sekunden hinter der von vielen als Medaillenanwärterin gehandelten Gesa-Felicitas Krause ins Ziel eingelaufen waren.

Den Titel gewann nach einem abwechslungsreichen Rennen die britische Vorjahresdritte Emelia Gorecka nach 13:13 Minuten vor den beiden lange führenden Ioana Doaga (Rumänien) und Amela Terzic (Serbien), der U-20-Europameisterin über 1500 m und 3000 m.

Nicht minder spannend verlief das Finale bei den U-20-Junioren, das mit einem Erfolg für den Russen Ilgizar Safiulin knapp vor dem Briten Richard Goodman und dem zeitgleichen Vladimikr Nikitin endete. Als bester deutscher Starter kam Mayas Bruder Stig Rehberg in einem couragierten Rennen auf Rang 18, dicht gefolgt von Hendrik Pfeiffer (LAZ Rhede/21.). Für das deutsche Team reichte es mit 124 Punkten hinter Großbritannien (30), Russland (59), Ukraine (107), Belgien (115) und Dänemark (118) nur zu Rang sieben.

Unerwartet gewannen die deutschen Langstrecklerinnen über 8000 m eine weitere Bronzemedaille. Simret Restle-Apel, Sabrina Mockenhaupt, Verena Dreier und Susanne Hahn sicherten sich dank der besseren Platzierung der vierten Läuferin bei Punktgleichheit mit Frankreich und hinter Großbritannien (42) und Portugal (51) mit 83 Punkten Rang drei und sorgten somit für den Gewinn der vierten deutschen Medaille.

„Wir sind alle für die Mannschaft gelaufen“, fasste Sabrina Mockenhaupt die Einstellung der deutschen Frauenequipe zusammen. Hatten beim Heimspiel 2004 in Heringsdorf die Französinnen bei Punktgleichheit noch die Nase vorne, so konnten die deutschen Frauen diesmal das Blatt wenden. Für die beste Einzelplatzierung sorgte dabei Simret Restle auf Rang neun. „Ich habe eine Runde vor Schluss schon den Spurt angezogen, weil ich dachte, dass das Rennen zu Ende wäre. So habe ich vielleicht eine Top-Acht-Platzierung verpasst. Aber für die Mannschaft ist es super“, sagte sie. Die Kasseler Läuferin mit eriträischen Wurzeln zeigte sich aber mit dem Erfolg im Rücken selbstkritisch: „Ich muss einfach mehr riskieren, nur so komme ich weiter. Heute war dies der Anfang.“

Und „Mocki“ lächelte schon wieder, wenngleich es für sie eine ungewohnte Rolle war, nicht die bestplatzierte Läuferin im Team zu sein. „Heute musste ich natürlich kleine Brötchen backen. Schneller hätte ich sechs Wochen nach dem Marathon nicht laufen können. Für mich war es ein cleveres Rennen mit einem behutsamen Start. Es macht natürlich keinen Spaß, nur Zweitbeste zu sein. Ich bin aber glücklich, dass ich mich für einen Start entschieden habe. So ist es für mich nach dem Frankfurt-Marathon doch noch ein schöner Abschluss der Saison 2011 geworden.“ Überraschend sicherte sich die Irin Fionnuala Britton vor Dulce Felix (Portugal) und Gemma Steel (Großbrtannien) den Titel.

Nicht gut lief es hingegen bei den deutschen Männern. Mit 160 Punkten landete das Team um Steffen Uliczka auf Rang acht von zehn gewerteten Mannschaften. „Damit haben wir zumindest auch bei den Männern unsere Zielstellung Top acht erreicht“, sagte der für den Laufbereich zuständige Bundestrainer Tono Kirschbaum. In der Einzelwertung hatte man vor allem mit einem stärkeren Auftritt von Steffen Uliczka gerechnet, der in Albufeira noch als Elfter über die Ziellinie gelaufen war. Doch der Kronshagener Hindernisspezialist hat sich angesichts der Höhepunkte 2012 mit Olympischen Spielen und Europameisterschaften auf einen anderen Saisonaufbau eingerichtet und lief mit einer Minute Rückstand auf den für Belgien startenden früheren Äthiopier Atelaw Yeshetela Bekele, der der neue Europameister ist, auf Position 34 ins Ziel. „Ich habe das Tempo derzeit einfach nicht drauf, was vorne gelaufen wird. Die schnelle Strecke war für mich nicht die Herausforderung, es war eine reine Quälerei.“ Für den im Nationaltrikot debütierenden Julian Flügel (LG Telis Finanz Regensburg) lief das Rennen hingegen gut, er wurde auf Platz 39 zweitbester deutscher Starter.

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Hinter dem belgisch-äthiopischen Sieger belegten Ayad Lamdassem (Spanien) und Jose Rocha (Portugal) die Plätze zwei und drei. Zum ersten Mal sicherte sich Großbritannien bei den Cross-Titelkämpfen alle sechs Team-Goldmedaillen. Der Cross-EM-Rekordsieger Serhiy Lebid gab das Rennen auf, nachdem der Ukrainer hoffnungslos zurücklag.

„Das ist ein richtiger Schritt für den Sommer“, bilanzierte ein sichtlich zufriedener Bundestrainer Tono Kirschbaum das Auftreten der deutschen Mannschaft. „Von den Ergebnissen her können wir sehr zufrieden sein. Wir haben vier Medaillen geholt, das ist mehr als wir erwarten konnten. Unser Team hat sich als Mannschaft gezeigt. In der Darstellung der einzelnen Ergebnisse haben wir mit Corinna Harrer und Richard Ringer, Anna und Lisa Hahner, Gesa-Felicitas Krause und Maya Rehberg einige Platzierungen unter den Top 10. Die Frauen haben mit Bronze natürlich für die Überraschung gesorgt. Ich denke, dass wir künftig eine deutlichere Gewichtung auf den Cross setzen müssen. Ein Konzept dazu ist schon in der Abstimmung.“

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