Berglauf extrem

Gipfel der Leiden beim Dolomitenmann

Pierre Pfeiffer schreibt über seinen Berglauf beim Staffelwettbewerb Dolomitenmann.

Dolomitenmann

Pierre Pfeiffer gehörte beim Dolomitenmann-
Berglauf zu den 93 Finishern.

Auf dem 2441 Meter hohen „Kühbodentörl“ in den Lienzer Dolomiten Österreichs in Osttirol liegt trotz Klimaerwärmung auch Anfang September noch Schnee. Es ist noch ein wenig kälter und windiger als sonst, vor allem, weil ich nur in kurzen Läuferklamotten und mit Laufschuhen auf dem Gipfel im Zielraum leide. Da sind selbst die dünnen Sporthandschuhe nur ein schwacher Trost. Ich werde von einer jungen Frau sofort in eine Decke gepackt, so viel weiß ich noch.

Tage später kann ich mich schon nicht mehr daran erinnern, wie die karitative Ersthelferin noch aussah. Es ist weder der richtige Ort, noch die rechte Zeit für einen dankbaren Augenblick. Meine Augen schauen in dem Moment ins Leere, meine Lungen und Beine brennen. Hände applaudieren, meine Schultern werden mehrmals geklopft: „Gut gemacht, Junge. Du bist als Finisher jetzt ein echter Bergfex“, meint später noch mein öster- reichischer Team-Kamerad und Paragleiter Christoph Zöpfl. Das hätte ich mir vor zwei Wochen nicht träumen lassen.

Von der Tartanbahn in die Berge
Wie so viele Abenteuer beginnt auch dieses völlig harmlos und überraschend. Eines Tages ruft mich plötzlich mein Arbeitskollege Steffen Gerth von unterwegs aus im Büro an: „Pierre“, schreit dieser euphorisch in sein Handy, „Pierre, hättest Du nicht Lust, in zwei Wochen spontan als Bergläufer beim Dolomitenmann mitzumachen? Du brauchst ‚nur’ zwölf Kilometer zu bewältigen. Du trainierst doch ohnehin die ganze Zeit auf der Bahn und im Gelände für einen Halbmarathon. Das dürfte doch kein Problem sein für Dich, oder?“

Der ursprünglich gemeldete Läufer des Viererteams für diesen Staffel- wettbewerb (Berglauf, Paragleiten, Sport-Kajak und Mountainbiking) sei aus terminlichen Gründen verhindert. Und da habe er gleich an mich gedacht. Natürlich sage ich zu. Nun aber muss eine Lösung her, um den Trainings- rhythmus dem neuen Ziel anzupassen, und zwar schnell. Schließlich soll der Dolomitenmann in Lienz in gut zwei Wochen stattfinden. Ich frage meinen Lauftrainer Peter Eckes nach einem geeigneten Trainingsplan. Sein Urteil klingt vernichtend: „In dieser kurzen Zeit ist ein effektives Berglauftraining nicht mehr möglich. Dir fehlen mindestens sechs Wocheneinheiten.“

Vom Taunus in die Dolomiten
Wir haben Samstag. Nur noch eine Woche bis zum großen Showdown in Osttirol. Voller Tatendrang mache ich mich erneut früh morgens den berühmt berüchtigten Mammolshainer Berg hinauf nach Königstein im Taunus vor den Toren Frankfurts. Diese gut sieben Kilometer lange Steilstrecke hat es mit Steigungen von bis zu 26 Prozent wirklich in sich. Schon so mancher Profi-Radrennfahrer musste beim Rad-Klassiker „Rund um den Henninger Turm“ mit völlig übersäuerten Muskeln aufgeben. Je öfter ich diese Bergstrecke unter meine Sohlen nehme, desto besser geht es von Tag zu Tag voran. Ich bin wirklich guter Dinge. Drei Tage vor dem „Countdown“ in den Osttiroler Alpen drossele ich erheblich meine Trainingsintensität. Das zwei Wochen lange Keulen hat ein Ende. Lienz, ich komme!

Am Abend, kurz vor dem obligatorischen Athleten-Briefing um 18 Uhr in der Lienzer Stadthalle, erwartet uns schon Mentor Mario Schoby vom Red Bull-Betreuerteam zur „Motivationskontrolle und zur mentalen Besprechung“. Unser Team wirkt nach außen hin sehr entschlossen. Und Schobys Fahrplan für den weiteren Verlauf des Abends ist denkbar einfach: „Pasta-Party, Hopfenkaltschalen vernichten, ab 20 Uhr Samba-Night.“ So sein Plan. Aber nicht mit mir. Ich muss mich spätestens um 7.30 Uhr am Samstagmorgen am Startraum am Lienzer Hauptplatz einfinden, damit der Hubschrauber meinen und die anderen Kleiderbeutel der 114 Teilnehmer ins Ziel auf den 2441 Meter hohen „Kühbodentörl“ transportieren kann. Das bedeutet, um 6.30 Uhr ist die Nacht vorbei für mich.

Auch für den österreichischen Berglaufspezialisten Markus Kröll ist der Dolomitenmann kein Spaziergang.

Vom Moarhof zum Hauptplatz
Zeitgleich stehe ich am nächsten Morgen mit dem Hotelwirt des „Moarhof“ im Frühstücksraum. Ohne Aufforderung bekomme ich von ihm drei Scheiben weißen Toast, Honig, Margarine, Kaffee und Multivitaminsaft hingestellt: „Mehr brauchst eh net derweil, gäh?!“ Recht hat er. Es ist 7.15 Uhr, ich muss los an den Hauptplatz meinen Läuferbeutel abgeben. Um 10 Uhr ist Startzeit. Mehrere Toilettengänge und unzählige Schorlen später gibt es kein Zurück mehr. Im beengten Startraum tummeln sich mit mir auf einen Schlag 114 weitere Läufer, allzeit bereit, 1800 Höhenmeter zu überwinden. Auch die Kulisse stimmt: Tausende Zuschauer haben sich eingefunden, Kamerateams, Radio-Reporter und viele Journalisten der schreibenden Zunft sind plötzlich aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht, um über einen der wohl spektakulärsten Staffelwettbewerbe Europas zu berichten. Wobei wir Bergläufer den Auftakt bilden.

Es herrscht Ausnahmezustand im beschaulichen und 660 Meter hohen Lienz. Und mich beschleicht so langsam das Gefühl, dass die Jungs um mich herum alle verdammt gut drauf sind. Und in der Tat, mit dem tschechischen Nationalmannschaft- Langläufer Jiri Magal, dem deutschen Berglaufweltmeister Helmut Schießl oder dem deutschen Biathlonweltmeister Ricco Groß stehen ein paar echte „Kanten“ im Feld. Ideal, um kräftig für Schlagzeilen zu sorgen. Und so berichten vor allem die Österreichischen Medien wenige Tage nach dem Dolomitenmann darüber, dass gut 20000 Besucher die Jubiläums- veranstaltung besucht haben und der Berglaufsieger, Jiri Magal, in einer unglaublichen Zeit von 1:26:24,4 ins Ziel gelaufen ist. Ob es einen Shuttle vom 2441 Meter hohen Kühbodentörl fürs Herunterkommen ins Tal gibt? „Na klar, Pierro“, antwortet Betreuer Schoby grinsend mit der Sonnenbrille auf den Augen. Muss wohl spät geworden sein gestern Abend.

Vom Startraum auf den Gipfel
Der Startschuss fällt und mit mir stechen 114 Bergathleten los, als wenn der Teufel hinter ihnen her wäre. Laut Streckenprofil verlaufen die ersten drei Kilometer flach. Vorne an der Spitze streitet sich die Elite schon um die Positionen, weil der Kurs ab dem ersten Anstieg äußerst eng wird, ein Überholen fürs Erste so gut wie ausgeschlossen ist. Egal. Was kümmert es mich. Ich muss sehen, dass ich schon am Anfang des Laufes „Körner“ spare. Mit einem 4:30er Schnitt auf den Kilometer hoffe ich, nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam zu sein.

Dann ist es nach drei Kilometern soweit: Der erste ernst zu nehmende Anstieg steht an. Rauf von der „Waldschenke“ zur 1053 Meter hohen „Gogg-Hütte“. Es ist steiler als ich es mir in meinen schlimmsten Träumen vorgestellt habe. Unglaublich! Ein Joggen ist unmöglich, ich muss permanent meine Hände von einem Oberschenkel auf den anderen abstützen, so senkrecht geht es einen Kilometer lang im Zick-Zack-Kurs bergauf. Ich bewege mich plötzlich nur noch auf den Fußballen und am obersten Leistungslimit. Ich werde zwangsläufig langsamer, werde schon nach vier Kilometern Distanz gezwungen, meine Strategie unter zwei Stunden laufen zu wollen, drastisch zu ändern. Wanderer würden weit über sechs Stunden bis zur Bergspitze benötigen, heißt es. Ein schwacher Trost. „Ankommen“ lautet schon zwei Drittel vor dem Ziel meine neue Devise.

Dolomitenmann
Pierre Pfeiffer

Hunderte von Zuschauern säumen den Weg und feuern die Läufer frenetisch an. Eine phänomenale Stimmung. Die nächsten flachen 1,6 Kilometer bis zur „Klammbrücke“ dienen nur noch zur Erholung. Ich schaffe es gar, in einem fünfer Schnitt zu laufen. Irgendwann, nach viel zu kurzer Zeit, nimmt der Höllentrip seine Fortsetzung. Von der „Klammbrücke“ geht es wieder mit einer Steigung von gut 30 Prozent mehr als zwei Kilometer brutal bergauf bis auf das 1550 Meter hohe „Hallebach-Tal“. Von dort aus sind es noch schmerzvolle 5,2 Kilometer bis auf den Gipfel der Leiden. Ich höre auf, in Streckenabschnitten zu denken, überhaupt zu denken. Ich laufe nur noch mechanisch von Labstation zu Labstation.

Irgendwann, nach der letzten Verpflegung, habe ich die Baumgrenze hinter mich gelassen und befinde mich in einem Bergdelta. Das Ziel ist so nah, ich kann es sehen, und es ist doch so weit weg. Es werden die schlimmsten letzten 1,2 Kilometer meines Lebens. Aufgeladen mit einem taurinhaltigem Getränk des Veranstalters bin ich zwar wach im Kopf, doch meine Beine funktionieren schon lange nicht mehr meinen Befehlen, so oft stolpere ich. Die Luft ist verdammt dünn hier oben. Aber ich bin fest entschlossen, auf dem 2441 Meter hohen „Kühboden-Törl“ anzukommen. Nach 2:39:39,9 Stunden ist es endlich soweit: Nun zähle auch ich zu den „Härtesten unter der Sonne“. Zwar als Letztplatzierter, aber ich gehöre wenigstens zu den 93 Finishern, nicht zu den 22 Aussteigern. Aber ein Shuttle hat auf diesem schmalen Bergmassiv für die Talfahrt gar keinen Platz. „Das“, erklärt ein Helfer lapidar, „wartet in sieben Kilometern Entfernung auf Euch.“ Na warte, Schoby, wir sehen uns noch: Spätestens am 6. September 2008 zum 21. Dolomitenmann!